Sonntag, 15. Juli 2018

Lady Macbeth

























Regie: William Oldroy

Drastisches Korsett, drastische Befreiung...

William Oldroyds Historienfilm "Lady Macbeth" erhielt 2017 den europäischen Filmpreis für das beste Erstlingswerk. Hauptdarstellerin Florence Pugh wurde als beste Schauspielerin nominiert, sie verlor aber gegen die ungarische Schauspielerin Alexandra Borbely.
Die Darstellung der jungen Katherine wird aber dennoch als eine der besten Schauspielleistung dieses Jahres in Erinnerung bleiben. Diese starke Frauenfigur bezieht sich unbestritten auf Shakespeares Tragödie "Macbeth" - Katherine ist völlig komplex und als kühne Antiheldin schlägt sie den Zuschauer in ihren Bann. Als Gefangene der damaligen Konventionen im ländlichen England im Jahr 1865 ist sie ihres von den Männern auferlegtes Korsett immer mehr leid und entwickelt sich leidenschaftlich und skrupellos um ihr persönliches Glück zu erreichen.
Der britische Film basiert dabei auf dem Roman "Die Lady Macbeth von Mzensk" von Nikolai Semjonowitsch Leskow.
In der ersten Szene geht die junge Katherine (Florence Pugh) eine Ehe mit dem älteren Alexander Lester (Paul Hilton) ein. In der Kirche wirkt die Frau etwas verängstigt, es wird klar, dass sie diese Ehe nicht aus freiem Willen und aus Liebe eingegangen ist. Die Tragik führt sich auch in der Hochzeitsnacht fort. Der Mann scheint nicht sehr interessiert daran zu sein, mit seiner Frau zu schlafen. Statdessen betrachtet er nur ihren nackten Körper und legt sich alleine ins Bett. Der Landsitz, auf dem die beiden leben, gehört Alexanders domiantem Vater Boris (Christopher Fairbank), der besorgt ist, dass die Ehefrau stets ihrem Gatten zu Diensten ist und die Ehe auch ständig auch im Ehebett vollzogen wird. Vater und Sohn haben aber nicht das beste Verhältnis. Der alte Patriarch macht der jungen Frau Vorwürfe, weil sie immer noch nicht schwanger wurde. Aber Alexanders sexuelles Interesse bleibt gering.. Eines Tages müssen sowohl Vater als auch der Sohn das Anwesen für getrennte geschäftliche Angelegenheiten verlassen und Anna ist auf unbestimmte Zeit alleine mit der Hausangestellten Anna (Naomi Ackie). Für sie ist dies befreiend, denn zum ersten Mal genießt sie auch die Freiheit und erkundet die Gegend, was ihr Mann ihr die ganze Zeit verboten hatte.
Bei einer dieser Spaziergänge lernt sie auch die Männer kennen, die für ihren Mann auf dem Land arbeiten und zu dem attraktiven und forschen Sebastian (Cosmo Jarvis) fühlt sie sich hingezogen. Zuerst zeigt sie ihm die kalte schulter, doch der lässt nicht locker und hat sogar die Frechheit sie im Haus zu besuchen. Dies ist der Beginn einer leidenschaftlichen Affäre und sie kostet jede Sekunde Nähe aus. Doch bald kehrt der Schwiegervater zurück und er ist bereits informiert worden, dass Katherine in seiner und ihres Mannes Abwesenheit Ehebruch begangen hat...




Da die Frau in ihrer lieblosen Umgebung fast zu ersticken droht, ist "Lady Macbeth" auch ein Film über ein Emanzipationsbestreben. Im Jahr 1865 eine schwierige Sache und wie bei Katherine auch ein schwerwiegendes Vergehen. Im Lauf der Geschichte wird die Antiheldin dreimal zur brutalen und eiskalten Mörderin. Der dritte Mord ist dabei besonders verwerflich, da das Opfer - der kleine Teddy, gespielt von Anton Palmer - seine Mörderin sehr liebt und beide kurz zuvor Freundschaft geschlossen haben. Die Geschichte ist sehr niederdrückend. Zum einen kann man die konsequenten Befreiungsschläge einer gefangenen Frau sehr gut nachvollziehen, doch sie geht irgendwann zu weit - bereit alles auf eine Karte zu setzen und am Ende steht nur noch die Zerstörung all dessen, für das sie gekämpft hat. Die Härte ihrer Peiniger hat sie bereits selbst angenommen und verinnerlicht - ihr bleibt am Ende aber der riesige Landsitz und für ihre Morde müssen andere büßen. Der Film "Lady Macbeth" ist hervorragend inszeniert und die charismatische Hauptdarstellerin trägt den Film mühelos im Alleingang. Der britische Filmemacher hat diese Geschichte dicht inszeniert - sein Kammerspiel führt den Zuschauer direkt in diese Zeit der Starre und Enge dieses damaligen Gesellschaftssystems. Für das persönliche Glück ist kein  Platz - es sei denn man wird konsequent für seine Ziele über Leichen gehen. Hervorragend auch das Szenenbild, in dem Florence Pugh auf der Couch liegt - erinnerte mich sehr stark an das gleiche Bild aus dem Carl Theodor Dreyer Klassiker "Vampyr - der Traum des Allan Gray" aus dem Jahr 1932.





Bewertung. 9 von 10 Punkten. 

Withnail and I

























Regie:  Bruce Robinson

Erinnerungen ans Ende der 60s...

Der britische Filmregisseur Bruce Robinson debütierte als Schauspieler in Franco Zefirellis "Romeo und Julia" - dort hatte er die Rolle von Romeos Freund Benvolio. Auch in "Tschaikowsky - Genie und Wahnsinn" und auch in "Die Geschichte von Adele H" war er zu sehen. Dann gabs weniger Angebote für ihn und er fing an Drehbücher zu schreiben. Für sein hervorragendes Drehbuch zu Roland Joffes "The Killing Fields" bekam er sogar eine Oscarnominierung und gewann den BAFTA Award für diese Arbeit.
1987 absolvierte er sein Regiedebüt mit der wunderbar eigenwilligen Komödie "Withnail and I" - dabei gelang ihm ein Kultfilm mit vielen wehmütigen und nostalgischen Tendenzen. Der Film wurde vom British Film Institute in seiner Umfrage über die besten 100 britischen Filme auf Platz 29 gewählt.
Der Song am Anfang verrät schon ein bisschen, dass "Withnail and I" Ende der 60er Jahre spielt. "A Whiter Shade of Pale" in der Instrumentalversion von King Curtis ist zu hören. Auch "Jeans On" Sänger David Dundas steuerte einiges für den Filmsoundtrack bei, der genauso very britisch daherkommt wie der Film selbst.
In diesem September 1969 leben zwei arbeitslose Schauspieler, der extravagante Alkoholiker Withnail (Richard E. Grant) und der eher introvertierte Marwood (Paul McGann) gemeinsam in einer extrem unordentlichen Wohnung in Camden Town in London. Die beiden hoffen auf ein baldiges Engagement und auf eine gute Rolle - derzeit sind beide arbeitslos und pleite. Einziger regelmäßiger Besucher ist ihr Drogenhändler Danny (Ralph Brown), der auch schon gerne mal ins Philosophieren kommt. Withnail stammt aus der Upper Class, das einzige was ihm geblieben ist, das ist die Eitelkeit und die Egozentrik, Marwood ist etwas verantwortungsvoller und noch eher auf dem Boden der Realität geblieben. Um dem Dreck ihrer Bruchbude zu entfliehen, beschließen die beiden einen sinnvollen Tapetenwechsel - hinaus aufs Land. Dort hat Withnails schwuler Onkel Monty (Richard Griffith) ein kleines putziges Landhaus im Grünen. Die ländliche Hütte ist in der Nähe von Penrith. Einer Gegend, wo sich die Füchse Gute Nacht sagen. Doch es kostet Withnail einige Überredungskünste und auch einige Lügen, damit der begüterte Onkel Ja sagt. Der melodramatische Ästhet ließ sich deshalb überreden, weil Withnail seinen besten Kumpel als homosexuellen Stricher geoutet hatte, der es nie leicht im Leben hatte. Dabei ist kein einziges Wort davon wahr. Und Marwood weiß natürlich nicht, was für einen Unsinn Withnail da verzapft hat. Am nächsten Tag fahren sie zur Hütte. Das Wetter ist kalt und nass, die Hütte ohne Essen. Auch fließendes Wasser und Strom ist nicht so einfach zu haben. Erschwerend hinzu kommt, dass die Einheimischen recht unfreundlich sind. Vor allem ein Wilderer, der die beiden Urlauber beobachtet. Und dann taucht auch noch Onkel Monty auf...



Das aberissene, von Alkohol und Drogen besessene Paar muss sich in der Folge natürlich mit allerlei ländlichen Sitten und Gebräuchen vertraut machen und Marwood im Besonderen bekommt es auch noch mit der Lust des Onkels zu tun.  Dabei bezog sich Robinson auch auf eigene Erfahrungen und Erinnerungen. Er selbst verarbeitete seine Erlebnisse in der Wohngemeinschaft mit einem anderen Schauspieler. Und die Figur des Onkel Monty hat ähnliche Eigenschaften wie Franco Zefirelli, der dem jungen Bruce Robinson bei den Dreharbeiten zu "Romeo und Julia" damals heftige Avancen gemacht haben soll. Am Ende distanziert sich Marwood (das "Ich") von Withnails veranwortungslosen Müßiggang und wird erwachsen. "Withnail and I" wurde schnell zum Kultfilm, einige Szenen sind besonders bei den Briten unvergessen und im Vordergrund der Tragikömödie steht vor allem auch der verbale und visuelle Gag und die subtilen, aber sehr grotesken Übertreibungen. Wer ein Faible für exzentrische Filmcharaktere hat, dem seien "Withnail and I" besonders ans Herz gelegt.




Bewertung: 7,5 von 10 Punkten. 

Eine fantastische Frau




















Regie: Sebastian Lelio

Starke Marina...

In der Oscarnacht 2018 wurde mit "Eine fantastische Frau" zum zweiten Mal in Folge der Preis für den besten fremdsprachigen Film an einen Beitrag vergeben, der auch stark mit politischen und gesellschaftlichen Diskussionen verknüpft ist. Im Jahr 2017 sorgte die Politik von Donald Trump dafür, dass der Iraner Asghar Farhadi vom erlassenen Einreiseverbot bestimmter islamischer Staaten profitierte - die Academy wählte seinen Film "The Salesman" nicht zufällig als Preisträger aus, man wollte hier ein klares Zeichen gegen die Trumpsche Herrschaft setzen. Auch in diesem Jahr schaffte es mit "Eine fantastische Frau" (Originaltitel: Una Mujer Fantastica) ein Filmbeitrag überraschend zu gewinnen, den man auch unmittelbar mit den derzeitig aktuellen Themen wie "Transgender", "LGBT" oder gar "Me Too" in Zusammenhang sehen kann. Damit fegte er sämtliche Favoriten aus dem Rennen. Für den Golden Globe war dieser chilenische Film ebenfalls nominiert. Im Oscar-Rennen stach er sogar Fatih Akins Golden Globe Sieger "Aus dem Nichts" aus, denn der deutsche Beitrag verpasste knapp das Ziel unter die ersten fünf zu kommen. Auch alle anderen Golden Globe Nominees unterlagen dem Transgender Film von Regisseur Sebastian Lelio, der bereits vorher bei der Berlinale den Teddy Award und den silbernen Bären fürs beste Drehbuch erhielt.
Getragen wird der Film von der ausgezeichneten Darstellerin Daniela Vega, die am 3. Juni 1989 als David Andres Vega Hernandez geboren wurde. Im Alter von acht Jahren entdeckte ein Lehrer sein Talent im Operngesang. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil Daniela in "Eine fantastische Frau" am Ende eine Arie singt und im Laufe der Geschichte ihren Gesangslehrer besucht - damit sind die autobiographischen Anteile, die die Filmfigur "Marina" besitzt, zusätzlich verstärkt.
Die Tatsache, dass Marina transsexuell ist, verändert die Geschichte, macht sie bewegender und intensiver. Man fühlt sich sehr schnell an einige Werke von Rainer Werner Fassbinder erinnert - er war in den 70ern bekannt dafür Aussenseiter zu präsentieren, die sich in einer feindlichen Umgebung behaupten müssen, vielleicht sogar zerbrechen. Doch Sebastian Lelio wählt für seine Protagonisten einen viel hoffnungsvolleren Weg am Ende. Auch wenn es nicht einfach ist - als der Regisseur weit vor der Drehphase sich mit einigen Transsexuellen getroffen hatte und dabei Daniela Vega kennenlernte, wurde ihm auch sofort klar, dass er seinen Film nur mit einer transsexuellen Schauspielerin drehen würde.
Der Film fängt als Liebesgeschichte an. Der Zuschauer lernt das Paar Marina (Daniela Vega) und Orlando (Francisco Reyes) kennen. Orlando ist wesentlich älter als seine Partnerin, doch sie planen gemeinsam immer mehr ihre Zukunft. So ist Marina bei ihrem 58jährigen Freund eingezogen und Orlando hat ihr seinen treuen Hund geschenkt. Gemeinsam wollen sie zu den Iugazu-Wassenfällen reisen, doch soweit kommt es nicht mehr. In der Nacht wacht Orlando auf und klagt über Übelkeit. Er bricht sogar kurz zusammen, Marina entscheidet sich ihn ins Krankenhaus zu bringen. Er stürzt auch noch die Treppe hinunter und wird während der Autofahrt immer schwächer. Im Krankenhaus angekommen, wartet Marina auf Nachricht. Die Ärzte können ihr nur noch den Tod von Orlando mitteilen. Sie wird befragt, ob sie eine Angehörige sei. Sie informiert Orlandos Bruder Gabo (Luis Gnecco) und verlässt das Krankenhaus, um alleine sein zu können. Doch sie wird bereits von der Polizei gesucht - dem Arzt kam der abrupte Aufbruch seltsam vor und ausserdem machte die Frau, die sich als Geliebte des Toten outete, einen sonderbaren Eindruck. Orlandos Verletzungen vom Treppensturz - missgedeutet. Es könnte ein Fall für die Kriminalpolizei sein und deshalb wird Marina von einer Kripobeamtin (Amparo Noguera) verhört. Sie wird wie eine Verbrecherin behandelt, als man im Pass immer noch den männlichen Geburtsnamen entdeckt. Doch das ist nicht der einzige Konflikt, der nun ausgetragen wird. Die Exfrau von Orlando (Aline Küppenheim) sowie sein Sohn Bruno (Nicolas Saavedra) untersagen der Geliebten des Vaters den Besuch der Totenmesse und ihr wird auch das Beisein auf der Beerdigung verwehrt. Sie wird so schnell als möglich die Wohnung verlassen müssen und auch ihr Hund ist verschwunden....




Ein bedrückender Film, der wütend macht - vor allem auch deshalb, weil man gar nicht glauben will, dass es solche Diskriminierungen noch geben kann. Tatsächlich sind aber die Bedingungen von Transsexuellen in Chile alles andere als optimal. Der Regisseur gab aber an, dass dies realer Alltag für Transgender zu sein scheint. Er hat aber seiner Geschichte eine mitreißende und leuchtende Optik gegeben, so ist "Eine fantastische Frau" visuell ganz stark und vor allem die Hauptdarstellerin ist in fast jeder Szene präsent, muss sich in einer Szene sprichwörtlich gegen den Wind stemmen und hat das Schicksal zu bewältigen, was ihr am Ende tatsächlich auch gelingt.
Die Hauptdarstellerin ist sicherlich ein großer Gewinn, denn sie wirkt, wie wenn sie sich ständig in Veränderung befindet. Einmal sehr feminin, dann wieder maskulin. Auch das sonstige Repertoire geht über verrückt bis vernünftig. Sebastian Lelio - sichtlich von Fassbinder inspiriert - aber auch von Ingmar Bergman, denn in einem Interview erinnerte er an dessen Zitat "es gibt keine komplexere Landschaft als das menschliche Gesicht".



Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Rette deine Haut, Killer

























Regie: Alain Delon

French Dirty Harry...

In den späten 70er und in den frühen 80er Jahren konnten die beiden franzöisischen Superstars Jean-Paul Belmondo und Alain Delon von dem Ruhm ihrer frühen Klassiker leben und beide wandten sich stark dem kommerziellen Kino zu. Die Figuren, die sie spielten, waren natürlich sehr machohaft und zeigten die beiden Haudegen in Rollen, wie das Publikum sie sehen wollten. Als echte Draufgänger, die in ihrer kriminellen Umgebung wieder für Ordnung schaffen. Jean Paul Belmondo war mit Filmen wie "Der Greifer", "Angst über der Stadt", "Der Profi" oder "Der windhund" der Erfolgreichere an der Kasse. Aber Alain Delons Filme machten auch gute Kasse und sie hießen "Der Fall Serrano", "Killer stellen sich nicht vor" oder "Rette deine Haut, Killer".
Dieser Film ist schon alleine deshalb einzigartig, weil es Delons einziger Regie-Ausflug blieb. In dem 1981 entstandenen Neo-Noir versuchte er den Hard-Boiled Detective der klassischen Schwarzen Serie ins Jetzt und Hier (also Paris in den frühen 80ern) zu transportieren und dies gelingt ihm in weiten Teilen ganz gut. Delon weiß auch, dass Chandler, Hammett, Howard Hawks in "Tote schlafen fest" oder gar Polanski in "Chinatown" zu Recht auf das  sehr verwickelte, verzwickte und abgründige gesetzt haben und damit den größten Erfolg hatten. Diese Eigenschaft zeichnet auch das Drehbuch von "Rette deine Haut, Killer" aus - man weiß nie genau, worum es nun wirklich geht, aber man akzeptiert diese Geheimnisse. Natürlich hat Alain Delons Ausgabe von Sam Spade oder Philip Marlowe natürlich auch eine Sekretärin, die ihn anhimmelt - Anne Parilaud, die spätere "Nikita" spielt die Rolle Charlotte - einerseits lieb und sanft zu ihrem Boss, doch sie hat auch Ecken und Kanten und ist kein Dummchen. Sie bietet den Männern auf ihre Art Paroli und ist bei der Aufklärung auch behilflich - so tritt sie beispielsweise in die Fußstapfen von Lucille Ball in Henry Hathaways "Feind im Dunkel" - auch dort trifft man auf die selbstbewusste feminine Sekretärin, die ihrem Boss (Mark Stevens) liebevoll unter die Arme greift.
Privatdetektiv Choucas (Alain Delon) hat einen neuen interessanten Fall. Eine Madame Pigot (Annick Alane) vermisst ihre blinde Tochter. Diese arbeitete in einer Stiftung für Blinde und ist spurlos verschwunden. Die Polizei bittet ihn zuerst den Fall zu übernehmen, da Madame Pigot hartnäckig ist und vermutet, dass die Polizei nur schleppend ihren Job macht. Choucas soll beweisen, dass er genauso im Dunkel bleibt, wie die Polizei. Er bekommt auch Besuch von einem gewissen Pradier (Gerard Herold), der ihn darüber informiert, dass die Kleine noch lebt und mit dem Freund durchgebrannt ist. Natürlich merkt der Schnüffler sofort, dass sein Gegenüber lügt und das spornt ihn zusätzlich an, den Fall zu lösen. Im Hintergrund hat Choucas auch einen unsichtbaren Partner, dieser "Tarpon" alias Hayman (Michel Auclair) ist dann zur Stelle, wenn Gefahr droht. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Kurz vor einem Treffen mit Choucas wird Madame Pigot auf offener Straße erschossen und ein korrupter Bulle soll als Auftragsmörder Choucas aus dem Weg räumen...


Natürlich schafft es Alain Delon mit seinem Regiedebüt nicht in die große Liga der Klassiker. Dazu kann er zuwenig seinen Helden mit diesen wichtigen mythischen Zügen ausstatten. Aber unterhaltend ist der 80er Jahre Krimi auf alle Fälle.
Was gut funktioniert, ist die Action, die immer unterlegt sind mit einigen deftigen Brutalitäten und einigen schnoddrigen Sprüchen. Gut gelungen ist die Verfolgungsjagd über den Pariser Autobahnring, dieser sorgt für gute Spannunsmomente. Hervorzuheben ist auch die gute Fotografie von Routinier Jean Tournier.


Bewertung: 7 von 10 Punkten. 

Die Geier warten schon

























Regie: George Seaton

Der Showdown zweier Freunde...

Als George Seaton im Jahr 1970 sein größter Kassenschlager mit dem Katastrophenfilm "Airport" gelang, war er bereits zweifacher Oscarpreisträger in der Kategorie "Bestes Drehbuch" - 1948 für den Weihnachtsfilm "Das Wunder von Manhattan" und 1955 für das Grace Kelly Filmdebüt "Das Mädchen vom Lande".
Drei Jahre nach "Airport" inszenierte er noch einmal einen Western nach klassischem Vorbild und mit dieser nostalgischen Eigenschaft wurde "Die Geier warten schon" im Jahr 1973 auch beworben.
Dem Genrebeitrag fehlen natürlich die progressiven Zutaten, die einen Spätwestern ausmachen - aber mit einem hervorragenden Kameramann wie Ernest Laszlo konnte zumindest optisch nichts schiefgehen. Der ungarische Cinematograph, der in den 20er Jahren seine Heimat verließ und in die USA emigrierte, hat viele Klassiker des US-Kinos mit seiner Optik verschönert: Billy Wilders "Stalag 17", Rudolph Mates "Opfer der Unterwelt" , die Aldrich-Western "Massai", "El Perdido" und "Vera Cruz" und nicht zuletzt die Stanley Kramer Filme der 60er Jahre wie "Wer den Wind sät", "Das Urteil von Nürnberg" und "Das Narrenschiff", für den er einen Oscar als bester Kameramann erhielt.
Inmitten einer schöner Landschaft vollzieht sich die Geschichte von ehemals besten Freunden, die durch die verschiedenen Lebenswege der beiden - einer wird Sheriff, der andere wird Bandit - schicksalshaft wieder zueinander fnden.
Es sind die Freunde Chuck Jarvis (Rock Hudson) und Billy Massey (Dean Martin), die seit ihrer Jugend (in den Rückblenden spielen Rich Correll (Chuck, 18 Jahre) und James Carol Jordan (Billy, 18 Jahre) sowie Kyle Reddick (Chuck, 12 Jahre) und Bob Suppelsa (Billy, 12 Jahre) befreundet sind. Diese Rückblenden fielen beim deutschen Kinoeinsatz 1973 allesamt der Schere zum Opfer, warum auch immer. Sie stören nicht, sondern geben der Geschichte um die beiden Freunde etwas mehr Substanz.
Denn so richtig tief werden die beiden Freunde nicht skizziert - Regisseur George Seaton hat sich da vielleicht ganz auf die noch vorhandene Zugkraft der beiden Altstar Rock Hudson und Dean Martin verlassen. Jedenfalls ist Chuck seßhaft geblieben und hat auch Jugendfreundin Kate (Susan Clark) geheiratet. Zu dritt haben sie dann eine Ranch betrieben, die in der Nähe des Städtchens Cumbres liegt. Irgendwo in der Nähe der mexikanischen Grenze. Das Rancherleben ist hart und bringt nicht viel Ertrag, aber es reicht zum Leben. Und der Job als Sheriff bringt dem etwas steifen, aber sehr korrekten Chuck noch zusätzlich 200 Dollar im Jahr. Frau Kate würde aber gerne mal dem Farmleben entfliehen, sie fügt sich aber - und manchmal ängstigt sie sich um ihren Mann, denn der Job als Sheriff lebt man auch gefährlich. Die Zeit des Wilden Westens ist schon fast vorrüber, das Paar hat ihren 1 Jährigen Jungen noch nicht lange im Jahr 1897 wegen einer Krankheit verloren. Da hatte Billy der Ranch schon lange den Rücken gekehrt und seit dieser Zeit haben weder Chuck noch Kate von ihrem guten Freund gehört. Als eine Eisenbahn von einem raffinierten Quartett von Banditen ausgeraubt wird, ist auch Billy einer der gesuchten Männer, denen der Tod am Galgen droht, weil Zugraub inzwischen als Kapitalverbrechen angesehen wird. Sheriff Chucks Aufgabe ist es die Banditen zu fangen - die in Richtung Grenze unterwegs sind. Es gelingt ihm auch irgendwann seinen Freund dazu zu überreden sich zu stellen und die Beute wieder abzugeben, hoffend auf mildernde Umstände. Doch der Staatsanwalt will Billy hängen sehen...



George Seaton setzt natürlich auf allseits bekannte Zutaten und lässt sein Ensemble in wunderbarer Kulisse agieren. Dabei leidet der Film sogar ein bisschen durch die Altstars Rock Hudson und Dean Martin, die zwar ihre Rollen solide meistern, aber wenig Tiefe in die Geschichte zwischen zwei unzertrennlichen Freunden einbringen. Man kann auch nicht so ganz verstehen, warum der Sheriff stur bleibt und geradezu versessen darauf ist, seinen besten Freund hinter Schloß und Riegel zu bringen. Ist es gar die Eifersucht, die ihn plagt ? Jedenfalls bringt das Drehbuch kein Licht in diese Obsession, die nicht alleine durch Pflichtbewusstsein erklärbar ist. Hudson und Martin agieren auch zu sehr als "alte Hasen", die Spass an der Hatz haben - am Ende darf natürlich der Gesetzesbrecher nicht überleben, es wäre aber zuviel gewesen, wenn sein bester Freund ihn zur Strecke gebracht hätte - das überlässt Seaton den bösen Banditen, gegen die das Altstar-Duo am Ende noch ihren "Showdown" haben - aber am Himmel, man sieht sie bereits...die Geier warten schon.



Bewertung. 6 von 10 Punkten. 

Dienstag, 10. Juli 2018

Call me by your name

























Regie: Luca Guadagnino

Ruf mich bei deinem Namen...

Bei der Oscarverleihung sorgten die Nominierungen für "Call me by your name" (darunter auch bester Film) für eine Überraschung, denn Luca Guadagninos Film ist alles andere als übliches Oscarfutter und irgendwie weit davon entfernt ein Film fürs amerikanische Mainstreampublikum zu sein. Regisseur Guadagnino, der Sohn einer Algerierin und eines Italieners wuchs einige Jahre in Äthiopien auf, besuchte die Universität La Sapienza in Rom. Bereits 1999 legte er mit "The Protagonists" sein Spielfilmdebüt vor. Es folgte eine 35-minütiger Kurzfilm mit Tilda Swinton. Sie war auch in seinem Film "Io sono l´amore" zu sehen. Dieser Film erhielt sogar eine Golden Globe Nominierung. Es folgte "A bigger Splash" - ein Remake des Alain Delon/Romy Schneider Klassikers "Swimmingpool".
"Call me by your name" ist auf den ersten Blick gesehen ein Sommerfilm mit viel Romantik und viel Melancholie, denn zu einer ersten großen Liebe kommt dann am Ende auch noch ein Abschied dazu. Für die Kameraarbeit hat der italienische Filmemacher auf den Thailänder Sayombhu Mukdeeprom gesetzt. Eine sehr gute Wahl, der Cinemathograph hat bislang für Apichatpong Weerasethakul (u.a. auch für "Onkel Boonmee erinnert sich an seine frühere Leben") gearbeitet.
Eine starke Komponente liegt auch in der Filmmusik - hier konnte Sufjan Stevens gewonnen werden, der erstmalig für einen Film drei Filmsongs (Mystery of Love, Visions of Gideon", "Futile Devices") beisteuerte. Der Mann weiß, wie man dichte melancholische Lieder schreibt.
Die Geschichte spielt in den frühen 80er Jahren, daher kamen auch Songs dieser zeit von F. R. David, Franco Battiato, Lorendana Berte, Bandolero, Giorgio Moroder und Joe Esposito zum Einsatz, als Gegengewicht zum Pop dieser Zeit wurden auch Stücke von Ryuichi Sakamoto, Johann Sebastian Bach und Maurice Ravel eingesetzt.
Die Geschichte ist recht alltäglich - der 17jährige Elio (Thimothee Chalamet) lebt bei seinen Eltern im ländlichen Norditalien. Es sind Ferien und es ist Sommer. Sein Vater (Michael Stuhlbarg) ist ein angsehener Professor für Archäologie und er lädt jeden Sommer einen Doktoranden für 6 Wochen dorthin ein, um eine Hilfe bei seinen akademischen Papieren zu haben und um bei Forschungsarbeiten zu helfen. In diesem Sommer ist es der zuerst etwas oberflächlich und etwas arrogant wirkende Amerikaner Oliver (Armie Hammer) aus New England. Der schöne Landsitz liegt irgendwo in der Poebene, nahe der Kleinstadt Crema. Elio ist mehrsprachig aufgewachsen, der Vater ist vermögend und dementsprechend ist die Mutter (Amira Cazar) durch einige Dienstboten entlastet. Der Haushalt wird von Mafalda (Vanda Capriola) geschmissen. Elio ist ein Schöngeist, er liest viel und ist ein talentierter Klavierspieler. Mit der etwa gleichaltrigen Mariza (Esther Garrel) flirtet er ein bisschen und der Neuankömmling sieht gut aus und hat auch gleich einige Verehrerinnen um sich geschart. Vor allem die hübsche Chiara (Victoire Du Bois) scheint sich sehr stark für den attraktiven Ami zu interessieren. In dieser zeit versucht auch Elio Oliver einzuschätzen.  Er merkt, dass der ihm alles andere als egal ist, vermutet aber, dass Oliver ihn nicht besonders leiden kann. Gelegentlich schwimmen sie zusammen und machen Spaziergänge oder Radtouren in die Stadt. Er beginnt eine sexuelle Beziehung mit Mariza und prahlt damit vor Oliver, um weitere Reaktionen abzuschätzen. Immer mehr fühlt er sich von Oliver angezogen. Während eines Besuchts auf der Post fasst Elio dann doch seinen Mut zusammen und deutet an, dass er Gefühle empfindet. Obwohl Oliver zögern, kommt es am folgenden Tag zum ersten Kuss...





"Call me by your name" ist vor allem ein europäischer Film, die Handschrift des italienischen Regisseurs ist deutlich spürbar. Das Schlußbild am Kamin ist wunderschön und doch gleichzeitig sehr schmerzhaft, denn mit Abschied wird sich jeder Zuschauer identifiieren können, auch mit dem süßen Schmerz der ersten Liebe, die man für immer in Erinnerung behalten wird.
Die Affäre eines 17jährigen Jungen mit einem 24jährigen US-Amerikaner basiert auf dem 2007 erschienen Roman von Andre Aciman (Ruf mich bei deinem Namen) wird getragen von hervorragenden Darstellerleistungen. Der 1995 geborene Timothee Chalamet wurde sogar mit einer Oscar-Nominerung als bester Hauptdarsteller geehrt - leider war Gary Oldman als Churchill so sehr Churchill, dass man voraussehen konnte, dass nur er das Rennen machen kann. Schauspiel-Oscars vergibt man gerne an Darsteller, die bekannte und historische Persönlichkeiten darstellen. Ein Hoch aufs Method Acting - oder auch nicht. Jedenfalls finde ich die Leistung von Chalamet genauso preiswürdig. Sie ist halt völlig anders, hat Identifikationscharakter, Tiefe und löst Emotionen aus, während die andere Art der Schauspielkunst wie sie Gary Oldman liefert, den Zuschauer so verblüfft und beeindruckt, weil man es schafft eine bekannte Persönlichkeit zum Leben zu erwecken.
Von den vier Oscarnominierungen konnte James Ivory den Preis fürs beste adaptierte Drehbuch gewinnen - damit gelang dem mittlerweile 90jährigen Regisseur von Filmen wie "Zimmer mit Aussicht" oder "Maurice" ein glänzendes Comeback.
"Call me by your name" ist sicherlich einer der schönsten Filme dieses Jahres. Dem Regisseur gelang ein super Film, der sowohl feinfühlig, lebendig und auch zerbrechlich wirkt. Damit ist ihm nicht nur ein Klassiker des Jugendfilms gelungen. Weit mehr als Coming of Age oder Coming out - die Hauptthemen dieses Films sind die Sehsucht und die Vergänglichkeit.






Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.