Mittwoch, 19. Juli 2017

Einer flog übers Kuckucksnest

























Regie: Milos Forman

Packendes Duell...

In Ken Keseys Roman "Einer flog übers Kuckucksnest" dienen die Zustände in einer Nervenheilanstalt als Parabel über den Kampf des Einzelnen gegen ein totalitäres, machtvolles System - dem tschechischen Filmregisseur Milos Forman gelang 1975 mit der Verfilmung einer der populärsten und kontroversesten Filme dieses innovativen Kinojahrzehnt. Auch wenn die satirische Attacke auf gesellschaftliche Züstände durch die Location "Psychiatrie" eher in den Hintergrund gedrängt wurde. Was aber blieb sind die ausserordentlichen Darstellerleistungen von Jack Nicholson und Louise Fletcher, die sich in ihrem, am Ende bis über die Schmerzgrenze hinaus gehenden Psychoduell Oscarsiege erspielen konnten - selten waren diese Siege so gerechtfertigt wie in "Einer flog übers Kuckucksnest". Der Film gewann nach "Es geschah in einer Nacht" endlich auch wieder die fünf wichtigsten Oscars: Bester Film, beste Regie, Nicholson und Fletcher und auch das Drehbuch von Laurence Hauben und Bo Goldman war siegreich.
Ausserdem waren der Schauspiel-Neuling Brad Dourif, die Kameramänner Haskell Wexler und Bill Butler, die hypnotische Filmmusik von Jack Nitzsche und das Trio Chew, Kan und Lyngman für den besten Schnitt nominiert.
 Wenn man die Filmgraphie von Milos Forman betrachtet, dann fällt auf, dass er in den fünf aktiven Jahrzehnten eigentlich nur wenige Filme realisiert hat. Ein Regisseur, der sich immer viel Zeit nahm für seinen neuen Film und dem 9 Jahre nach seinem Welterfolg noch ein weiterer ebenbürtiger unsterblicher Filmklassiker gelingen sollte. Der 1984 realisierte "Amadeus" wurde auch mit Oscars überschüttet.
 Ist der aufsässige und aggressive Randie Patrick McMurphy (Jack Nicholson) krank oder täuscht er seine wahnsinnigen Einlagen im Arbeitslager nur vor um der schweren Arbeit dort zu entgehen ? Dort sitzt er ein wegen der Verführung einer Minderjährigen und weiteren Aggressionstaten. Er wird zur Beobachtung in eine Nervenheilanstand eingewiesen. Am Anfang sieht es so aus als würde der Plan aufgehen eine ruhige Kugel in der Klapse schieben zu können. Er lernt dort Insassen wie den jungen Billy Bibbit (Brad Dourif), den intelligenten Harding (William Redfield), den aufsässigen Taber (Christopher Lloyd), den gutmütigen Fredrikson (Vincent Schiavelli) oder den geistig behinderten Martini (Danny de Vito) kennen. Besonders faszniert ist McMurphy von dem riesengroßen, jedoch taubstummen Indianer Chief Bromden(Will Sampson), den er spontan "Häuptling" nennt und ihn immer wieder zum Baseballspiel während des Hofgangs gewinnen will. Das Sagen auf Station hat die von der Geschäftsleitung äusserst geschätzte Oberschwester Ratched (Louise Fletcher). Wichtig sind ihr die Regeln und Vorschriften sowie die immer gleichbleibende Tagesstruktur, die sie unter keinen Umständen verändern möchte, da sie glaubt, dass Ausnahmen die Station ins Chaos versinken lassen. Unter einer sehr freundlich wirkenden Fassade ist sie aber streng und unerbittlich. McMurphys Art ist ihr natürlich ein Dorn im Auge. Der Mann hält sich Null an Regeln und organsiert auf station Kartenspiele, um die triste Atmosphäre etwas aufzuhellen und Schwung in die Bude zu bringen. Immer wieder kommt es dadurch zu Machtspielen, Schwester Ratched untergräbt erfolgreich die Initiationen, die zuerst eher spielerisch gestaltet sind - dann aber im Laufe der Handlung sichtbar erkennen lassen, dass "Therapie" auch schlimmstenfalls bedeuten kann, dass der eigene Wille unter Zwang gebrochen werden kann...




 Am Ende des Films wird auch die Lobotomie thematisert - sowohl Keseys Roman als auch der Film sorgten nachhaltig dafür, dass die Abschaffung langsam aber sicher vollzogen wurde. Der Film gibt auch einen düsteren Einblick in die Welt der Psychiatrie, die erst vor wenigen Jahrzehnten immer mehr versuchte den Patienten in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Trotzdem ist die Gefahr dort immer wieder groß, dass Macht und Ohnmacht in den Alltag einziehen. So gesehen ist der Schlagabtausch zwischen einengender, aber sicherheitsgebender Struktur und lustvollem Chaos auch heute noch genauso aktuell. Der Film engagiert sich für die Freiheit des Einzelnen, für sein Recht aus einer von sinnlosen Normen und Zwängen auszubrechen. Obwohl die ersten Duelle zwischen Schwester und Patient noch etwas witziges, komödiantisches haben, kann man aber schon erahnen, dass sich der Schlagabtausch noch steigern wird und von beiden Kontrahenten härtere Bandagen angelegt werden. Kirk Douglas hatte sich lange vorher die Verfilmungsrechte gesichert, er selbst wollte den subversiven McMurphy spielen, als der Film dann von seinem Sohn Michael gemeinsam mit Saul Zaentz realisiert wurde, empfand sich die Hollywood-Legende als zu alt für diesen Part. So kam Jack Nicholsons Stunde - der Kritikerliebling aus "Chinatown", "Das letzte Kommando" oder "Five Easy Pieces" wurde über Nacht zu Hollywoods Big Star.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Merry Christmas Mr. Lawrence

























Regie: Nagisha Oshima

Ritual und unterdrückte Leidenschaft...

Nagisa Oshimas Film "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence" aus dem Jahr 1983 spielt in einem japanischen Gefangenenlager auf Java und handelt von Männlichkeitsritualen, der Film stellt auch die Unterschiede zwischen britischen und japanischen Soldaten dar. Dabei spielt sich auch versteckte Homosexualität (vor allem in Kriegszeiten) eine tragende Rolle. Ein Wärter, der einen holländischen Gefangenen zum Sex gezwungen hat, wird in einer der ersten Szenen von dem ruppigen Feldwebel Hara (Takeshi Kitano) zum Harakiri gedrängt. Oberstleutnant Lawrence (Tom Conti), einer der mit der japanischen Lebensart vertraut ist und auch die Sprache beherrscht, wird dazu gezwungen dem merkwürdigen Schauspiel beizuwohnen.
Der noch sehr junge Hauptmann Yonoi (Ryuichi Sakamoto) leitet das Lager und drängt den Kommandanten der britischen Gefangenen, Hicksley (Jack Thompson) darauf, dass er die Namen der Waffenexperten unter den Gefangenen offenlegen soll. Dieser weigert sich und beruft sich auf die Genfer Konventionen. Die Lage spannt sich noch mehr an als der neue Gefangene Major Celliers (David Bowie) ins Lager aufgenommen wird. Der wurde vom Gericht beschuldigt einheimische Guerilla Kämpfer im Kampf gegen die Armee angeführt zu haben. Dass er nicht hingerichtet wurde hat er Yonoi zu verdanken, der sich in der Verhandlung für ihn eingesetzt hat. Überhaupt scheint es so, dass der Hauptmann eine starke Sympathie für den blonden Engländer hegt. Doch er muss diese Gefühle unterdrücken und glaubt er werde vone einem bösen Dämon heimgesucht. Als Cellier für ein Vergehen bestraft wird kommt er mit Lawrence in Einzelhaft, der für ein eingeschmuggeltes Radio enthauptet werden soll. Dort erzählt ihm Celliers von seinem Kindheitserlebnis mit seinem jüngeren Bruder (James Malcolm, in diesen Szenen wird der 12jährige Cellier von Chris Broun gespielt), den er bei einem Aufnahmeritual der Universität im Stich gelassen hatte und ihn dem Spott seiner Mitkommilitonen überließ. Am Weihnachten entscheidet der betrunkene Hara die beiden Gefangenen zu begnadigen. Doch dies führt zu weiteren Eskalationen. Nun soll Hicksley, der sich immer noch permanent weigert Namen zu nennen, exekutiert zu werden. In diesem Moment schreitet Celliers auf den Hauptmann zu und gibt ihm vor allen Männern einen Kuß auf die Wange...




In dieser Szene kommt noch einmal die phänomenale Filmmusik von Ryuichi Sakamoto zum Einsatz, der schon am Anfang des Films der Geschichte seinen ureingenen Stempel aufdrückte und für mich nach wie vor eine der besten Filmsoundtracks aller Zeiten ist. Das musikalische Thema ist immer ein Teil des Geschehens und manifestiert und kräfigt die eindrucksvollen Bilder von Kameramann Toichiro Narushima. Ein bisschen erinnert David Bowie als blonder Celliers an die großartige Performance von Peter O´Toole in "Lawrence von Arabien". Ist es nur Zufall, dass einer der Hauptfiguren Lawrence heißt oder hat Nagisa Oshima den Namen bewusst gewählt. In beiden Filmen spürt man beim Helden unbewusste homoerotische Neigungen und Frauen kommen im Film überhaupt nicht vor. Genauso schillernd wie Bowie ist aber auch Sakamoto, der Darsteller des Hauptmanns Yonoi, der dem bereits sterbenden Celliers (er ist bis auf den Kopf im Sand eingegraben) eine Locke des Haars abschneidet, ein Schmetterling, das Symbol für Wandel und Transformation, setzt sich auf dessen Stirn. Der Film macht es aber seinem Zuschauer nie leicht, denn alles ist nur angedeutet und nie wird etwas sehr konkret ausgesprochen. Die Gesten sind aber manchmal vielsagender als Worte in diesem immer noch sehr eigenwilligen Film über den Clash der Kulturen.





Bewertung: 9 von 10 Punkten.

The Salesman

























Regie: Ashgar Faradhi

Folgenschwerer Überfall...

Vielleicht hat die aktuelle Politik von Donald Trump dem iranischen Regisseur Ashgar Farhadi mitgeholfen, dass er nach "Nader und Simin" im Jahr 2012 auch diesmal den Oscar für den besten ausländischen Film des Jahres gewinnen konnte. Lange Zeit war unser "Toni Erdman" der Topfavorit unter den 5 Nominierten, zu denen auch "Unter dem Sand" (Dänemark), "Ein Mann names Ove" (Schweden) und "Tanna" (Australien) gehörte. Die Quoten sahen einen deutlichen Sieg für Maren Ade - doch nachdem Donald Trump härtere Visa-Bestimmungen für iranische Staatsbürger angekündigt hatte und der Iran dann auch auf der Liste der 7 Länder stand, deren Bürger nicht mehr einreisen durfte, sahen die Wettquoten immer mehr den Sieg von Farhadis "The Salesman" und so kam es dann auch. Den Oscar nahm er aber nicht persönlich entgegen, schon nach der Ankündigung Trumps sagte er die Einladung zu den Academy Awards ab.
Es ist ihm mit "The Salesman" erneut ein sehr eindrücklicher Film gelungen, der im Laufe der Handlung immer intensivere Züge annimmt. Die Protagonisten kommen dabei alle an ihre Grenzen und interessanterweise präsentiert der Regisseur seine Figuren sehr liberal, tolerant und weltoffen, auch kritisch in ihren Äusserungen über die Zustände im eigenen Land. Zwar alles geschickt irgendwie subtil erwähnt, aber so dass man die Subtexte gut erkennen kann.
Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti) leben in Teheran, sind verheiratet und man kann sie wohl als liberal eingestellte jungen Menschen ansehen, die für ein modernes Iran stehen. Sie leben in Teheran - auch dort wird unvorsichtig und rücksichtslos gebaut. Deshalb werden sie wie andere Mieter aus dem Schlaf gerissen, das Haus droht einzustürzen. Schnell aus dem Haus, nachdem man den gebrechlichen und älteren Nachbarn geholfen hat - dann steht man sozusagen auf der Straße. Zwar stürzt das Haus in dieser Nacht nicht ein, doch es ist nicht mehr bewohnbar. Beide sind Schauspieler und Emad hat tagsüber einen angesehen Beruf als Lehrer. Abends proben sie am Theater das Bühnenstück "Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller.
Babak (Babak Karimi), der ebenfalls am Theater mitwirkt, hat aber eine rettende Idee. Er besorgt dem jungen Paar eine andere Wohnung, deren Vormieterin ausgezogen ist. Leider hat diese Frau ihre Habseligkeiten noch in einem der Zimmer zurückgelassen. Von den Nachbarn erfahren Emad und Rana, dass die Vormieterin einen zweifelhaften Ruf hatte, sie hatte wohl öfters Herrenbesuch. An einem Abend nach der Probe, geht Rana früher als ihr Mann nach Hause. Dann klingelt es unten an der Haustür. In der Annahme, dass dort unten am Eingang Emad steht, öffnet sie, auch die Wohnungstür und geht ins Bad zum Duschen. Als Emad wenig später nach Hause kommt, findet er eine Blutspur bis ins Bad vor und erfährt von den Nachbarn, dass Rana in der Klinik ist. Sie wurde unter der Dusche von einem Fremden angegriffen, den sie aber nicht beschreiben kann. Die erlittene Kopfverletzung ist nicht ganz so schlimm wie es zuerst aussah, doch diese Attacke hat drastische Folgen -  Rana leidet durch das Ereignis psychisch schwer und möchte nicht allein in der Wohnung bleiben. Und Emad ist ebenfalls tief verstört, er wird immer mehr besessen vom Gedanken den Angreifer zu finden und zu bestrafen. Es gelingt ihm sogar einen Lieferwagen ausfindig zu machen, der nur dem Täter gehören kann...


Tatsächlich belastet der gewaltsame Einbruch in die Privatsphäre immer mehr das Eheglück. Obwohl der Zuschauer nie genau erfährt, was tatsächlich passiert ist. Man muss wie ein Puzzle die einzelnen Aussagen zusammenfügen, um näher an die Wahrheit zu kommen. Immer mehr wird das tolerante Paar durch diese Tat mit den traditionellen Moral- und Ehrvorstellungen konfrontiert. Was ist wirklich geschehen ? Was sagen die Anderen ? Wer ist der Täter ? Rana, das Opfer wird vom Schamgefühl geplagt, auch gibt sie sich eine Mitschuld an dieser Tat. Schließlich hat sie dem Fremden ja die Tür geöffnet. Sie will nicht zur Polizei - anders Emad. Er drängt zur Polizei zu gehen und will unbedingt Anzeige erstatten, denn er sieht ja, dass der Fall geklärt werden muss, wenn er seine Frau nicht verlieren will, die sich immer mehr von ihm entfremdet, sich zurückzieht und von der Angst dirigiert wird.
In dieser Phase der Paarproblematik wird der Film auch etwas thrillerhaft. Die Suche Emads nach dem Täter. Am Ende steht ein junger Verdächtiger (Mojtaba Pirzadeh) fest. Emad lockt ihn mit einem Vorwand in das alte abruchreife Haus - leider kommt statt des Verdächtigen dessen herzkranker Schwiegervater, gespielt von Farid Sajadhosseini, der eine sehr gute Leistung als Nebendarsteller bringt. Natürlich muss man auch die Hauptdarsteller Shahab Hosseini und Taraneh Alidoosti.
Insgesamt ist der Film besonders in dieser Endphase sehr bedrückend - man hofft, dass Emad sich nicht ganz von seinen hasserfüllten Gefühlen leiten lässt. Seine Frau macht ihm dies auch klar. Doch es ist schwer die destruktive Dynamik noch aufzuhalten. Wie bereits mit "Nader und Simin" beweist der iranische Regisseur erneut seine Klasse, die Geschichte wird von ihm sehr präzise und tief geschildert. Dabei wird es auch klar, dass jede Geschichte mit Menschen immer wieder neue Facetten eröffnet. Steht am Ende der Geschichte tatsächlich "Der Tod eines Handlungsreisenden" ?


Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Wolfskinder

























Regie: Rick Ostermann

Kinder ohne Heimat...

War das wirklich so ?  Rick Ostermanns erinnert in seinem Film an die "Wolfskinder".  Elternlose und heimatlos gewordene Kinder aus dem nördlichen Ostpreußen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges in das Baltikum, vor allem nach Litauen oder Lettland flüchteten und wenn Sie Glück hatten fanden sie Bauern, bei denen sie leben und arbeiten konnten. Diese Kinder hatten Mühe ohne die Eltern zu überleben, denn die Lebensmittelversorgung war ohnehin sehr schlecht und wenn man sich alleine durchschlagen musste, dann war der Hunger noch ein viel größeres Thema. Diese Kriegswaisen von Königsberg mussten betteln, schuften oder auch stehlen, etwas anderes blieb ihnen gar nicht übrig. Man schätzt, dass sich in der Zeit zwischen Kriegsende bis 1947 ca. 5.000 dieser Kinder in Litauen waren.
Ostermanns "Wolfskinder" ist ein sehr ruhiger Film, gesprochen wird nicht viel. Der Regisseur lässt die Bilder wirken, die Kamerafrau Leah Striker muss ein bisschen Fan von den Bilderfilmen des Terrence Malick sein, denn die Landschaften mit weiten Panoramen trügen eine Idylle vor, die in der Geschichte gar nicht vorhanden ist. Hans (Levin Liam) und sein kleiner Bruder Fritzchen (Patrick Lorenczat) blicken zum Himmel und sehen die Wolken in dieser Sommerlandschaft. Herrliches Sonnenwetter, die Strahlen gehen tief in die Wälder ein. Die beiden Buben haben letzte Nacht ihre Mutter (Jördis Triebel) verloren. Zuvor besorgten die Kinder der Mama noch rohes frisches Pferdefleisch. Es blieb den Kindern gar nichts anderes übrig als das gestohlene Pferd zu töten, nachdem sie es Sekunden zuvor noch liebevoll gestreichelt hatten. Eine schreckliche Zeit. Die Mutter meinte "ihr müsst zusammen bleiben" und "sucht den Bauernhof in Litauen, wo wir letztes Jahr waren" - am anderen Morgen ist die Mutter tot. Nun heißt es alleine weiterwandern durch unzählige Seen, durch Moore und Sumpfwiesen, durch endlose Schilffelder. Immer wieder auf der Jagd nach Nahrung - Frösche müssen dran glauben, auch sie werden vor dem Töten noch mit viel Interesse und Liebe bewundert von den Kindern. 
Auf der Flucht vor den russischen Soldaten müssen sie die Memel überqueren, dort treffen sie auf zwei die zwei Mädchen Christel (Helena Phil) und Ruth (Hanna Lehmann), doch durch die schließenden Verfolger werden die beiden Brüder getrennt. Christels Schwester Ruth wird von den Schüssen todlich getroffen. Am anderen Ufer angekommen macht sich bei Hans Verzweiflung breit, weil sein Bruder im Wasser abgetrieben wurde, aber er geht mit Christel und den Geschwistern Luise (Vivien Ciskowski) und Karl(Willow Voges-Fernandes), die sich dort aufhalten, weiter. An einem Bauernhof angelangt, hetzt der Bauer den bissigen Hund auf die Kinder. Karl wird verletzt und die Kinder erschlagen den Hund. Doch der verletzte Junge wird von einem anderen Bauer, der mit seinem Pferdegespann auf die Kinder trifft, mitgenommen. Wenig später trifft Hans den kleinen Paul (Til-Niklas Theinert), der keine Schuhe hat und deshalb nicht mehr gut laufen kann. Hans trägt den Jungen und es wirkt so als habe Paul nun die Rolle von Fritzchen eingenommen. Wenig später werden sie von litauischen Partisanen aufgegriffen, zu denen auch der russische Junge Alexej gehört. Dort lauern weitere Gefahren...



Man kann sich das Leid dieser Kinder schon so ähnlich vorstellen, wie im Film. Obwohl die Härte und die Brutalität doch schon sehr erdrückend wirkt (getötetes Pferd, erschlagener Hund, schießende Verfolger). In einigen wenigen Szenen erinnert Ostermann auch an den Inszenierungsstil von Andrej Tarkowski, wenn etwa der 14jährige Hans in einem Tagtraum ins Wasser steigt und dann bewusst untertaucht, so als würde er nicht mehr leben wollen. Auch das offene Ende zeugt von einem interessanten Stil. Der Film beinhaltet auch ein bisschen Poesie - durch den Zusammenhalt der Kinder ist die Odyssee ins Ungewisse sicherlich etwas erträglicher. Dabei steht so vieles auf dem Spiel: Die ganze Existenz und die schon vollzogene Entwurzelung.



Bewertung: 7,5 von 10 Punkten. 

Creed

























Regie: Ryan Coogler

Onk...

1976 wurde die Kinolegende "Rocky" geboren - John G. Avildsens Boxerfilm nach dem Drehbuch des Neulings Sylvester Stallone war der Überraschunghit an der Kinokasse und wurde 1977 für 10 Oscars nominiert. Drei Siege konnten eingefahren werden - Rocky wurde zum besten Film des Jahres gewählt, der Regiepreis ging an Avildsen und auch der Schnitt wurde preisgekrönt. Sylester Stallone als Hauptdarsteller und Drehbuchautor nominiert ging leer aus. Der Rest ist Kinogeschichte. Stallone wurde neben Schwarzenegger zum größten Kinoactionstar der 80er Jahre und die "Rocky" Filmreihe brachte es auf 5 Fortsetzungen - mit "Creed" ist nun auch Teil 7 zum Kinohit geworden. Der Film spielte weltweit 173 Millionen Dollar ein und war somit erfolgreicher als Teil 5 (aus dem Jahr 1990) und Teil 6 (aus dem Jahr 2006).
Die erfolgreichsten Filme der Reihe sind "Der Kampf des Jahrhunderts" von 1985, dort kämpft Sly gegen den bösen Russen Drago (Dolph Lundgren) und "Im Auge des Tigers", dort werden Sly und sein Gegner Apollo Creed, gespielt von Carl Weathers, zu Feunden. Der stirbt zwar im 4. Teil auf dem Höhepunkt des kalten Krieges durch den Feind, aber immerhin hat er durch eine aussereheliche Affäre einen Sohn mit dem vielsagenden Namen Adonis gezeugt.
Dieser Adonis (Michael B. Jordan) ist nun der Nachfolger seines Vaters und auch der Nachfolger von Legende Rocky Balbao, denn der hat sich zur Ruhe gesetzt und führt sein italienisches Restaurant. Gelegentlich nimmt er den Gartenstuhl und läuft zum Friedhof zu den Gräbern von Ehefrau Adrien und seinem besten Freund Paulie, die beide schon im Laufe der Filmreihe das Zeitliche gesegnet haben.
Es ist auch Apollos gütige Ehefrau Mary Anne Creed (Phylicia Rashad), die den schwer erziehbaren Adonis bei sich aufnimmt, nachdem dessen Mom durch Drogen starb. Sie will zwar nicht, dass der Junge mit Boxtalent so wird wie der Vater, aber sie kann es nicht verhindern, dass er Spass hat im Ring zu stehen. Er hat Siegergene in sich. Aber ein ungeschliffener Rohdiamant braucht auch den besten Trainer der Welt, so wird Rocky überredet diese Aufgabe zu übernehmen.
Da der junge Adonis ziemlich attraktiv ist und seinem Namen alle Ehre macht, braucht er natürlich noch ein Mädel, dass ihn und seine Muckis anhimmeln darf - das ist dann die Musikerin Bianca (Tessa Thompson). Am Ende nach den üblichen Strapazen und dem ganz viel Aufmotzen von Körper, Geist und Seele steht dann der Weltmeisterkampf im Halbschwergewicht. Adonis ist der krasse Aussenseiter und Herausforderer und der amtierende Weltmeister, der Brite "Pretty Ricky Conlan (Tony Bellew) ist ein Meister der Provokation...


Natürlich wird das Rad des Boxfilms hier nicht neu erfunden. Im Gegenteil: Der Regisseur Ryan Coogler setzt wahrscheinlich sehr bewusst auf die üblichen Versatzstücke aus dem Rocky Filmen nach dem Motto "Für was der Rockyfan besonders schwärmt, wenn es wieder aufgewärmt". Man könnte meinen Rocky 1 wurde einfach mal so ein bissel abkopiert, nur mit dem Unterschied, dass der Underdog nun als Coach mentale Dienste vollbringt und der Held nicht unbedingt ein Kind der Gosse ist, sondern eher privilegiert und gebildet. Doch er will natürlich so werden wie sein Dad, bis die Menschen, die ihn lieben, ihm beibringen, dass er immer nur gegen sich selbst kämpft und auch immer für sich selbst siegt.


Bewertung: 6 von 10 Punkten. 

Freitag, 23. Juni 2017

Die Taschendiebin

























Regie: Park Chan Wook

Das Dienstmädchen und die junge Herrin...

Im seinem bisher einzigen US-Film "Stoker" zeigte Südkoreas bekanntester Regisseur Park Chan-wook eine deutliche Verehrung für den Hitchcock Klassiker "Im Schatten des Zweifels" und schuf einen ähnlichen Film. Nun kehrte er wieder nach Südkorea zurück und verfilmte, inspiriiert durch den Roman "Fingersmith" von Sarah Walters mit "Die Taschendiebin" einen verschachtelten Mix aus Thrill und Erotik. Dabei wird dem Zuschauer aber erst in Teil 2 klar, dass die Geschichte von der Taschendiebin einen doppelten Boden hat. Das Setting wurde aber verlagert vom viktorianischen Zeitalter ins Korea, während der japansichen Besatzung.
Chung Chung-hoons Kameraführung ist berauschend, ebenso das ganze Szenenbild und die Kostüme. Hier waren Könner am Werk. Die Location vermittelt sogar noch ein bisschen diesen englischen Stil des Romans, das englisch-japanisch gestaltete Anwesen wirkt sowohl wunderschön, als auch recht gruselig.
In diese Umgebung wird die junge Taschendiebin Sookee (Kim Tae-ri) von dem Betrüger und Hochstapler Fujiwara (Ha Jung-Woo) als Dienstmädchen eingeschleust. Der gibt sich als Graf aus und hat es auf das Vermögen der jungen Hausherrin und Erbin Fräulein Hideko (Kim Min-He) abgesehen. So soll Sookee die junge Herrin derart beeinflussen, dass diese sich in den attraktiven Grafen verliebt, der immer mal wieder zu Besuch auftaucht. Doch die Sache hat noch einen Haken. Der autoritäre Onkel Kouzuki (Cho-Jin Woong) will seine Nichte ebenfalls ehelichen, denn das Vermögen der Familie fällt alleine auf Hideko. Zum Hobby des sonderbaren Onkels zählt eine ausufernde Bibliothek von unschätzbarem Wert. Auch hat man das Gefühl, dass die ängstliche Hideko wie ein Vogel wirkt, der in einem goldenen Käfit gefangen ist. Nachts plagen die junge Erbin Albträume,sie sieht dann ihre verstorbene Tante (Moon So-ri) immer wieder an diesem Baum im Garten hängen. Die Tante hat sich damals, als Hideko noch ein kleines Mädchen war (gespielt von Eun-hyung-Jo) aufgehängt. Dann verlieben sich aber Dienstmädchen und Herrin ineinander. Trotzdem hält Sookee an dem Plan von Fujiwara fest. Tatsächlich funktioniert alles reibungslos, denn immerhin soll Sookee 60.000 Won und Hidekos Schmuck bekommen. Nach der geplanten Hochzeit will der Hochstapler seine reiche Frau für verrückt erklären. Bei der Einweisung in die Irrenanstalt gibts aber eine handfeste Überraschung...



Bis dahin wurde die Geschichte in Teil 1 aus einem ganz bestimmten Blickwinkel erzählt, alles wirkt konstruiert wie der böse Plan selbst. Doch manchmal hat der beste Plan Stolperfallen, die gar nicht auf Anhieb sichtbar werden. Teil 2 erzählt die gleiche Geschichte aus einem verbesserten Blickwinkel, denn die Emotionen werden aufgedeckt und ein Blick wird in den blinden Fleck gestattet. Dies wurde von Park Chan-Wook ausserordentlich und meisterhaft inszeniert. Erst jetzt wird die Geschichte, die in Teil 1 etwas an "Howards End" nur mit Thrillerattitüde erinnerte, mit wahrem Leben gefüllt...Leidenschaft kommt dazu, aber auch die düsteren Abarten, die das Herrenhaus bisher verborgen hat. Wer aber glaubt, dass dies alles war, den belehrt der Filmemacher eines Besseren. Ein Teil 3 gehört natürlich als fieser Showdown noch dazu. Herausgekommen ist ein sehr atmosphärischer und erotischer Film, mit dunkler Struktur. Und vor allem Kim Min-hee als unverheiratete Frau Hideko spielt eine oscarreifen Part.



Bewertung: 8,5 von 10 Punkten.