Montag, 18. September 2017

Sweet Sixteen

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Regie: Ken Loach
 
Kurz vor dem 16. Geburtstag...
 
Ken Loach lässt in seinem 2002 gedrehten Sozialdrama "Sweet Sixteen" offen, ob seine 15jährige Hauptfigur Liam möglicherweise zum Mörder, vielleicht sogar zum zweifachen Mörder wurde. Aber manchmal sind die Lebenswege auch schon so niederdrückend vorgezeichnet und die Menschen können nur schwer davon abgehalten werden in den Abgrund zu schlittern. Gespielt wird der schottische Teenager Liam vom Youngster Martin Compston so stark, dass er dafür sogar einen BAFTA Award bekam. Umso interessanter, dass dieser junge Schauspieler sich auch als Profifußballer in Schottland einen Namen machen konnnte.
Mit Handkameraaufnahmen gelang dem britischen Filmemacher der Arbeiterklasse ein fast dokumentarisch anmutendes Szenario. Sein Sozialstudie aus den heruntergekommenen Bezirken der schottischen Metropole Glasgow hat es in sich - leider kam sie 2002 ein bisschen zu spät in die Kinos, ein paar Jahre früher während des Siegeszuges des New British Cinema, wäre "Sweet Sixteen" sofort als ultimatives Meisterwerk gefeiert worden. So blieb einer der besten Filme von Ken Loach leider bis heute ein Geheimtipp.
Der Regisseur zeichnet dabei ein sehr wehmütiges Bild von einer Jugend ohne große Hoffnung. Diese von der Gesellschaft benachteiligte Unterschicht hat nicht mal in der eigenen Familie einen Schutzraum - die Sehnsucht nach Geborgenheit, Zärtlichkeit und bürgerlichen Träumen treibt aber den jugendlichen Helden in schnellen Schritten in die Kriminalität. Dabei läuft er nicht nur Gefahr ein Verbrecher zu werden, er opfert dabei sogar Freundschaften und seine Unschuld.
In ein paar Wochen wird Liam (Martin Compston) 16 Jahre. Gemeinsam mit seinem besten Freund Pitbull (William Ruane) hängt er jeden Tag nur noch ab.  Sie sind seit Monaten nicht nur zur Schule gegangen, statdessen verkaufen sie Zigaretten zu Dumpingpreisen. Immer wieder sitzt ihnen die Polizei im Nacken bei diesen illegalen Geschäften. Liams Mom Jean (Michelle Coulter) hockt im Knast für ein Delikt, dass ihr Freund Stan (Gary McCormack) begangen hat. Stan verdient sich gemeinsam mit Rab (Tommy McKee), Liams Großvater mit Drogendeals. Bei einem Besuch im Gefängnis soll Liam Jean Drogen von Stan übergeben, die sie dann im Knast verkaufen. Doch der Junge weigert sich, weil er nicht möchte, dass seine Mom noch eine weitere Strafe aufgebrummt bekommt. Er wird daraufhin nach dem Besuch von Stan und von seinem Opa zusammengeschlagen. Seine Schwester Chantelle (Annmarie Fulton) verarztet ihn, wie sie es schon oft getan hat. Aus Rache klaut Liam gemeinsam mit Pitbull eine Lieferung von Heroin aus Opas Großvaters Haus. Mit der Kohle will er seiner Mutter, die bald entlassen wird, ein besseres Leben ermöglichen - weit entfernt vom schlechten Einfluss ihres Liebhabers. Immerhin kann eine Anzahlung auf ein Wohnwagen in einem Trailerpark mit Blick auf den malerischen Firth of Clyde, gemacht werden. Durch den Verkauf der Drogen wird der örtliche Drogenboss Tony Douglas, ein Unternehmer mit bürgerlicher Fassade, auf Liam aufmerksam. Der braucht toughe Jungs, die für ihn Subunternehmer eines Pizza-Services werden wollen. Natürlich ist die Haupteinnahmequelle der dazugehörige Drogen-Bringdienst. Er macht die Sache gut, doch Pinball ist beim Drogenboss unerwünscht. Das führt zu einem Bruch zwischen den beiden Freunden...



Trotz der Unklarheit wie schwer die Verbrechen wirklich wiegen, wird dennoch klar, wohin der Filmemacher die Geschichte hinsteuert. Es ist eine beinahe Null Perspektive für den Jungen, dem in der letzten Einstellung von seiner Schwester zum 16. Geburtstag gratuliert wird. Loach hat die Hauptfigur sehr intensiv und sehr liebevoll geschildert, auch seine tiefe Sehnsucht nach einem besseren Leben. Doch es bleibt Illusion. Er merkt, dass er bei seinem Aufstieg in eine Bande zwar seine Finanzen aufbessert, aber noch viel wichtigeres verliert. Loach hat diese tragische Coming of Age Geschichte bewusst als nüchternes Verlierer-Epos geschildert. 



Bewertung: 9,5 von 10 Punkten. 

Samstag, 16. September 2017

Boston

























Regie: Peter Berg

Am Patriots Day...

Regisseur Peter Berg hat ein Faible für aktuelle und oft auch politische Stoffe, die er dann sehr kommerziell für ein großes Publikum inszeniert. "Operation Kingdom" beispielsweise zeigt einen terroristischen Anschlag in Saudi-Arabien. Marc Wahlberg schickte er als Scharfschützen nach Afghanistan, als Navy Seal war er mit der Ausschaltung des Talibanführers Ahmad Shah beauftragt. Hochaktuell und dramatisch war auch die ökologische Katastrophe, die durch die brennende Ölplattform "Deepwater Horizon" angerichtet wurde. Sein neuer Film "Boston" heißt im Original "Patriots Day" und schildert den Terrorakt, der sich am Boston Marathon 2013 ereignete und 3 Todesopfer forderte und mehrere hundert Verletzte hinterließ. Möglicherweise ist "Boston" Peter Bergs bislang ambitioniertester Film, aber der Film hat schwere Defizite beim Drehbuch. Ausgewiesen werden neben Peter Berg auch Matt Cook, Joshua Zetumer, Paul Tamasy und Eric Johnson als Schreiber und ist viel Wahres dran an dem Spruch, dass viele Köche den Brei verderben - die Dialoge sind leider total uninteressant und oberflächlich. Ein Manko, dass mir schon bei "Deepwater Horizon" auffiel - auch hier waren mehrere Autoren für die Texte verantwortlich. Der zweite Kritikpunkt ist die extrem patriotische Aufbereitung dieses interessanten Stoffes. Hier wird mir zuviel nationaler Zusammenhalt gegen die beiden Bösen gezeigt, man beschränkt sich aber auf Floskeln wie schrecklich das Alles ist und dass man die Verbrecher schnell fangen muss, bevor sie noch weiter aktiv Bomben zünden. Mehr Tiefgang bei den Figuren und man hätte damit einen brisanten Thriller zum hochaktuellen Thema des Terrorismus gestalten können - aber so bleibt "Boston" leider nur eine am Anfang etwas zähe aber wahrheitsgetreue Schilderung der Ereignisse und den anschließenden Ermittlungen. Mehr und mehr gewinnt der Film aber etwas an Fahrt, so dass Bergs neuer Film nicht gänzlich scheitert.
Am 15. April 2013 entschließen sich die Brüder Dzhokhar (Alex Wolff) und Tamerlan Tsarnaev (Themo Melikidze) zwei Bomben während des Boston Marathons detonieren zu lassen. Man sieht kurze Einblicke in die Wohnverhältnisse dieser scheinbar integrierten Neubürger. Tamerlans Frau (Melissa Benoist) hat ein kleines Kind und kurz nach dem Anschlag fordert sie ihren Mann auf für ihr Kind Milch im Drugstore nebenan zu holen. Obwohl sie weiß, was ihr Mann und ihr Schwager angerichtet haben, geht alles den gewohnten Gang weiter.
Um Identifikationen zu schaffen werden vor dem Anschlag mehrere Menschen, die später Opfer des Anschlags wurden, eingeführt. Ein junges Paar Patrick Downes (Christopher O´Shea) und Jessica Kensky (Rachel Brosnahan) entscheidet sich spontan beim Marathon zuzuschauen. Der Familienvater Steve Woolfenden (Dustin Tucker) ist mit seinem kleinen Sohn Leo (Lucas Thor Kelley) ebenfalls einer der Zuschauer, die die vielen Marathonläufer anfeuert. Auch Streifenpolizist Sean Collier (Jake Picking) hat an diesem Tag Dienst. Der chinesische Student Dun Meng (Jimmy O. Yang), der sich in Boston etwas einsam fühlt, wird an diesem Tag seinen schlimmsten Alptraum erleben. Der Boston Police Department Sergeant Tommy Saunders (Marc Wahlberg) ist an diesem "Patriots Day" eingeteilt für einen reibungslosen Ablauf des Rennens zu sorgen. Sein Vorgesetzter Commissioner Ed Davis (John Goodman) hält große Stücke auf seine Männer. Dann detonieren die Bomben, das Chaos ist perfekt. Sehr schnell wird klar, dass es sich um einen Anschlag mit terroristischem Hintergrund handelt und somit wird auch das FBI unter der Leitung von Special Agent Richard DesLauriers (Kevin Bacon) tätig. Die Ermittlungen werden auch nach Watertown ausgeweitet und somit ist auch Sergeant Jeffrey Pugliese (J.K. Simmons) einer der Verantwortlichen bei der Suche nach den unbekannten Attentätern. Aufgrund der Überwachungskameras werden die mutmaßlichen Täter sehr schnell ermittelt. DesLauriers zögert zwar erst noch die Fotos der Verdächtigen zu veröffentlichen, doch schließlich führt das Publikmachen der Bilder zum Erfolg und somit flüchten Dzhokhar und Tamerlan...



Leider werden die Polizisten zu sehr zu Helden erkoren, dabei haben sie nur eine gute Arbeit bei der Ermittlung dieser Terroristen getan. Aber die Amis lieben solche aufgemotzten Heldenstorys, so muss auch Marc Wahlberg sämtliche Register der Gefühlsregungen ziehen, vom eiskalten Verbrecherjäger, der den Anschlag sehr persönlich nimmt und sich auch während seines Jobs bei seiner Frau Carol (Michelle Managhan) kräftig ausheult. Dies ist alles menschlich nachvollziehbar - aber fügt einem Film mit dokumentarischen Anspruch doch zuviel an Pathos bei. Wie interessant der Film hätte gesamthaft werden können, zeigt die Szene, in der die Ehefrau von Tamerlan von einer muslimischen Ermittlerin (Khandi Alexander) befragt wird. Hier gehts in Richtung tieferer Ermittlung, welche Beweggründe zu dem Anschlag führten und somit auch ein bisschen in Prävention um solche Terrorakte vielleicht in Zukunft zu verhindert. Die Frau des Attentäters bleibt aber knallhart an der Seite ihres bereits getöteten Mannes und als Zuschauer kann man den tiefen Graben zwischen unserem freiheitlichen System und dem religiösen Fanatiker erkennen. Mit einen guten Schauspielerensemble konnte der Film an der Kasse ca. 50 Millonen Dollar weltweit einspielen. Für Berg sicherlich eine Enttäuschung - zumal "Deepwater Horizon" als auch "Lone Survivor" (seine bislang beste Arbeit) das Doppelte bis Dreifache einspielten.




Bewertung: 6 von 10 Punkten. 

Freitag, 8. September 2017

Nashville

























Regie: Robert Altman

It don´t worry me...

Nashville im US-Bundesstaat Tennessee hat ca. 600.000 Einwohner und ist das Zentrum der amerikanischen Country- und Western Music. Eine der populärsten Musikgenres in den USA und gleichzeitig die Musik der "Rednecks, der Konservativen, der christlichen Fundamentalisten, der von der Wirtschaft im Stich gelassenen Unterschicht und der vielen Fernfahrer. In den Texten wird von Liebe, Familie, Kindern, Heimweh, Fernweh und Patriotismus gesungen und gefiedelt. In Downtown Nashville befinden sich zahlreiche bekannte Musik-Clubs und Bars, in den fast immer Live Musik gespielt wird. Aus der Stadt wird auch seit 1925 die berühmte Liveshow Grand Ole Opry, das älteste noch existierende Radio-Muskprogramm in den Staaten, das lange schon auch im TV übertragen wird. Wie konservativ die Zuschauer und Zuhörer dieser Show sind und waren lässt sich am Auftritt von Elvis Presley am 2. Oktober 1954 beweisen. Ihm wurde danach von den Machern der Show dringend empfohlen die Musikkarriere zu stecken und wieder Lastwagen zu fahren.
Technisch verstärkt wird das dort ständig ablaufende"24 Stunden Rund um die Uhr Spektakel" mit eigenen Slogans und Werbeslogans. In Robert Altmans scheinbar purem Dokustreifen "Nashville" aus dem Jahr 1976 kommen noch zwei Varianten dazu: Es ist Wahljahr und der Politiker Hal Philip Walker (Thomas Hal Phillips) hat Chancen mit seinen poplulistischen Reden ins Weiße Haus zu kommen und es laufen die Vorbereitungen für Amerikas große 200 Jahr Feier.
Dort in diesem Musikmekka dreht sich alles um den Traum ganz weit nach oben zu kommen, viele junge Musiker und Bands reisen in die Stadt, weil sie wissen, dass dort das Herz und der Schmerz Amerikas musikalischen Ausdruck erhält und der Rest des Landes mit dieser Stilrichtung vollgepumpt wird. Alles ist Schein hier, man kann Plastik nicht mehr von Fleisch und Blut auseinanderhalten, weil beides bereits eine Art Symbiose gebildet hat. In der ersten Szene des Films erlebt der Zuschauer den neuen Song des Topstars Haven Hamilton (Henry Gibson) im Tonstudio. "I pray my sons won't go to war -But if they must, they must. I share our country's motto And in God I place my trust. We may have had our ups and downs Our times of trials and fears. But we must be doin' somethin' right To last 200 years." - ein Übersong für die anstehenden Feierlichkeiten. Dabei hat der populäre Toupetträger seine Karriere zu einem lukrativen Familienunternehmen gemacht, der Sohn Bud (Dave Peel) ist gleichzeitig Manager seines berühmten Daddys. Er streitet sich auch mit den zwei singenden Ladys Connie White (Karen Black) und der privat sehr zerbrechlichen und labilen Barbara Jean (Ronee Blakely) um die Krone von Nashville. Inzwischen ist auch das Wahlkampfteam von Walker eingetroffen, der mit seinem dröhnenden Lautsprecherwagen seine nichtssagenden Phrasen an den Mann bringt. Der Wahlkampfberater John Triplette (Michael Murphy) versucht den Big Star Haven als Gouverneur zu gewinnen. Triplette findet die Musik, die hier in der Stadt gemacht wird, sehr rückständig - aber das neue anspruchsvolle Folkalbum von Bill (Allan F. Nichols), Mary (Cristina Rains) und Tom (Keith Carradine) findet er sehr gut. Tom ist aber ein Frauenheld aus Passion und ruft heimlich die verheiratete Gospelsängerin Linnea Reese (Lily Tomlin) an, damit ein Date zustande kommt. Zuerst ziert sich die Frau mit ihren beiden taubstummen Kindern, doch dann kommt es doch zu einem Seitensprung. Kein Wunder, denn Tom singt auf der Bühne "I´m easy" und die Verführung klappt - ihr Mann (Ned Beatty), örtlicher Wahlhelfer für den kommenden Mann im weißen Haus, ist zu beschäftigt um überhaupt was zu bemerken. Barbara Jean indessen ist nahe dem Nervenzusammenbruch, doch sie kann ihre zahlreichen Fans wie den noch jungen Vietnam Veteranen Glenn Kelly (Scott Glen) oder Kenny Frasier (David Hayward), der auch mit seinem Geigenkasten angereist ist und bei Mr. Green (Keenan Wynn) ein Zimmer genommen hat. Der hat Besuch von seiner Nichte Martha (Shelley Duvall) aus Kalifornien bekommen, doch Tante Esther liegt im Krankenhaus - im Nachbarszimmer der kränkelnden Diva Barbara Jean, die von ihrem robusten Mann (Allan Garfield) umsorgt wird. Als eher nervig entpuppt sich die aufdringliche BBC Reporterin Opal (Geraldine Chaplin), die soviele Prominente wie möglich hier interviewen will. Davon gibts ja genug. Zu einer Party draussen kommt mal kurz Elliot Gould vorbei, im angesagten Club trifft man auf die britische Schauspielerin Julie Christie und sagt mal kurz "Hallo".  In diesem Geflecht von 24 Menschen, die sich in den gezeigten 5 Tagen in Nashville mal immer wieder über den Weg laufen, sind auch die jungen Gesangstalente Suellen Gay (Gwen Welles) und Winifred (Barbara Harris), die ihre Auftrittschance denn auch tatsächlich bekommen...





Und Letztere zeigt dabei sogar ihr Riesentalent mit der tragischen Schlußnummer "It don´t worry me" - geschrieben von Keith Carradine. Das besondere der Songs liegt auch darin, dass die meisten Schauspieler die Lieder selbst geschrieben haben und nicht nur textlich passen sie vortrefflich zum Filmgeschehen, sie lenken sogar den Fluß der Handlung und dieser scheinbar banalen Geschichten dieser zwei Dutzend Schicksale, die hier in zahlreichen Handlungssträngen chaotisch miteinander kollidieren. Doch dies scheint nur so - tatsächlich hat Altman dieses Storygeflecht sorgfältig miteinander verwoben. Politik und Unterhaltungsindustrie werden dabei ihrer Oberflächlichkeit und Unehrlichkeit völlig entlarvt. Ein Messer in die Wunde populistischer Meinungsmache sowohl im politischen Geschäft als auch in den entlarvenden Texten dieser HeileWelt Musik und machen aus dem amerikanischen Traum eine Alptraum. Für Altmans Meilenstein des Episodenfilms gabs 5 Oscar-Nominierungen, darunter die Nebendarstellerinnen Lily Tomlin und Ronee Blakely. Auch Regisseur Altman wurde nominiert und auch in der Hauptkategorie "bester Film" kam "Nashville" unter die besten Fünf. Es gab aber am Ende nur eine Auszeichnung: "I´m easy" gewann als bester Filmsong.




Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Dienstag, 29. August 2017

Moonlight

























Regie: Barry Jenkins

Fehl am Platz...

Nachdem im Januar 2016 die Nominierungen für die Oscars feststanden wurde die Kritik laut, dass dunkelhäutige Darsteller nicht eine einzige Nominierungen erhielten. Und dies obwohl  es Darsteller wie Idris Elba (Beasts of No Nation),, Michael B. Jordan (Creed), Samuel L. Jackson (Hateful Eight) oder Will Smith (Erschütternde Wahrheit) durchaus verdient gehabt hätten. Viele schwarze Filmleute boykottierten daraufhin die Oscarverleihung - das Ergebnis war eine Korrektur der Regeln, um die Zahl von Frauen und Minderheiten wesentlich mehr zu berücksichtigen.
Ein Jahr darauf gewann dann tatsächlich ein Vertreter des Black Cinema den Hauptoscar als Bester Film. Barry Jenkins ambitioniertes Drama "Moonlight" triumphierte am Ende gegen Favoriten wie "La La Land" von Damiel Cazelle oder "Manchester by the Sea" von Kenneth Longergan. Man könnte diesen Sieg vielleicht abtun als Wiedergutmachungs-Oscar für Niederlagen im Vorjahr. Die gibts ja tatsächlich immer mal wieder  in der Geschichte der Academy Awards, aber mit "Moonlight" hat für mich tatsächlich auch der beste Film gewonnen. Er ist für mich neben dem leider völlig zu Unrecht ignorierten Ang Lee Meisterwerk "Billy Lynns long halftime Walk" der Film dieses Jahres und jetzt schon ein echter Klassiker.
In den frühen 90er Jahren hatte das Black Cinema eine große Zeit. Filmemacher wie John Singleton, Spike Lee oder die Hughes Brothers zeigten mit Werken wie "Boyz in the Hood", "Do the right thing" und "Menace II Society" das trostlose und kriminelle Ghettoleben junger Afroamerikaner in den Problembezirken von Los Angeles oder New York City. Diese Filme zeigten ein typisches Bild dieses jungen Schwarzen, der wenig Chancen hat ins bürgerliche Leben einzusteigen und dann irgendwann im Viertel mit Dealen seinen Lebensunterhalt verdient. Jeder 21. schwarze Amerikaner wird ermordet - fast immer von anderen schwarzen Amerikanern - so der Slogan zum Film "Boyz in the Hood". Die Misere wurde fast ab unveränderliches Schicksal geschildert. John Singleton hat aber mit seinem 2001 realisierten Film "Baby Boy" einen etwas mutigeren Weg eingeschlagen und kritisierte diese vielen jungen schwarzen Boys, die immer noch mit ihrer Mom zusammenleben, keine Verantwortung für sich und ihr Umfeld übernehmen und auch nicht auf die Idee kommen einer normalen Arbeit nachzugehen.
Barry Jenkins "Moonlight" bietet jetzt noch einen noch wesentlich brisanteren Blickwinkel auf diese Lebensläufe und ist damit in seiner humanen Aussage hochpolitisch in einem Amerika, dass gespalten wirkt. Populismus sowie Polizei- und Justizwillkür, auch ein Erstarken des rechten Lagers in den USA sorgt für eine neue Debatte über die Misere vieler schwarzer Bürger. Für das weiße Establishment existiert dieses Problem vor allem auch in statistisch belegbaren Zahlen über die hohe Kriminalität dieser Bevölkerungsgruppe. Die Gefahr besteht natürlich darin, dass durch das "Alle über einen Kamm scheren" hartnäckige  Klischees entstehen und sich  "Wahrheiten" daraus formiulieren, die keine sind -  es besteht leider die Gefahr die Entmenschlichung einer ganzen Bevölkerungsgruppe voranzutreiben.
"Moonlight" basiert auf dem Theaterstück "In Moonlight Black Boys looked Blue" von Tarrell Alvin McCraney und erzählt die Geschichte von Chiron in drei zeitlichen Abständen.
Als neunjähriger ist Chiron (Alex R. Hibbert) ein sehr ängstlicher Junge, der jeder Schlägerei aus dem Weg geht. Eines Tages versteckt er sich in einem Drogenhaus, weil er von einigen gleichaltrigen Jungs verfolgt wird. Dort wird er von dem aus Kuba stammenden Dealer Juan (Mahersalah Ali) gefunden, der ihn bei sich und seiner Freundin Teresa (Janelle Monae) übernachten lässt und am anderen Tag zurück zu seiner Mutter Paula (Naomie Harris) zurückbringt. Die scheint wenig dankbar, später stellt sich heraus, dass Mom cracksüchtig ist, wie so viele hier in diesem Problemviertel in Miami. Alle nennen Chiron "Little" und durch seine sanfte Art wird er immer wieder gemobbt. Selbst die Mutter beschimpft ihn als "Schwuchtel". Bei Juan findet er Verständnis und auch Kevin (Jaden Piner), ein gleichaltriger Junge, freundet sich mit ihm an.
Sieben Jahre später ist Chrion (Ashton Sanders) auf der High-School und mit seinem früheren Freund Kevin (Jharrel Jerome) hat er immer noch hin und wieder Kontakt, doch der hat einen festen Platz in der Clique, weil er als stark gilt. Chiron ist der Aussenseiter und immer wieder leidet er unter den Schikanen von Terrel (Patrick Decile). Mit Mädchen hat er keine Erfahrungen und sein erstes Mal hat er dann ganz zufällig am Strand von South Beach.  Als er eines Abends dort nachdenklich herumhängt, kommt Kevin dort vorbei. Sie rauchen gemeinsam einen Joint und dort kommt es zum ersten Sex von Chiron mit dem Draufgänger.
Es wird aber kein weiteres Treffen dieser Art geben, denn nach einer Schlägerei landet Chiron im Knast und 10 Jahre später lebt er als "Black" (Trevante Rhodes) in Atlanta. Im Knast hat sich der schmächtige Junge neu erfunden. Er sieht nun tatsächlich aus wie ein muskulöser, gefährlicher Ghettoboy und er dealt auch noch. Eines Tages bekommt er einen Anruf aus der Vergangenheit. Am anderen Ende der Leitung ist Kevin...






Barry Jenkins hat seinen Film in drei Kapitel unterteilt. Teil 1 ist dem kleinen Junge Little gewidmet, der eigentlich Chiron heißt und in Kapitel 2 ist er Teenager, der sich nicht ganz klar über seine Gefühle ist. Er versteckt sie auch vor der Aussenwelt, die ihn nicht akzeptiert, weil er anders ist. In Kapitel 3 hat er sich vordergründig den Erwartungen angepasst. Er hat sich als "Black" körperliche Stärke erworben, dennoch zeigt er am Ende des Films seine menschliche Natur und seine Verletzlichkeit. Diese subtile Machart hat der Regisseur intensiv in Szene gesetzt und alle drei "Chiron" Darsteller sind perfekt besetzt. Und dies obwohl sie sich tatsächlich gar nicht so ähnlich sind, ein weiteres Argument für die vielen Facetten, die in einem einzigen Menschen stecken können. Ein bisschen Coming out Film, aber dennoch vermittelt "Moonlight" andere komplexe Themen wie "Männlichkeit" oder "Identität". Vielleicht erreicht der Filmemacher durch sein kleines Meisterwerk eine Wende beim dunkelhäutigen Publikum, die selbst  festgelegten und von anderen verordneten Rollenmuster in Frage zu stellen. Als Filmsong wurde Barbara Lewis Klassiker "Hello Stranger" wiederentdeckt.






Bewertung: 9 von 10 Punktne.

Mittwoch, 23. August 2017

Amores Perros

























Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu

Hundeliebe....

Der Erstlingsfilm des Mexikaners Alejandro Gonzalez Inarritu entstand im Jahr 2000 und ist trotz weiterer Riesenerfolge neben "Babel" immer noch sein bester Film. Mit diesem Debüt gelang ihm ein sehr wuchtiger Kinobeitrag, dessen Bilder und Handlung für den Zuschauer eine sehr brutale Wirkung hat. Dennoch hat Inarritu in diese Geschichten von Menschen in der Mega-Metropole Mexiko City auch Poesie eingeflochten. So bleibt auch immer etwas Hoffnung auf eine bessere Welt.
Neben den Menschen der Stadt spielen auch deren Hunde eine große Rolle in diesem Film. Viele der beliebten Vierbeiner werden in der Stadt für Hundekämpfe abgerichtet und missbraucht, damit ist gutes Geld zu verdienen. Die im Film enthaltenen Hundekampfszenen empörten natürlich die Tierschützer weltweit. Auch der Regisseur ist kein Freund dieser Kämpfe und hat versichert, dass kein einziges Tier bei den Dreharbeiten zu Tode kam. Er wollte aber nicht davor zurückschrecken, das brutale Treiben der gegenseitigen Zerfleischung zu visualisieren. Und wie der dressierte Hund, so der Mensch. Nur so ist vielleicht auch eine Umkehr möglich, denn die Zahl der streunenden Hunde in Mexiko City wird auf rund eine Million geschätzt. Diese Menschen, die vor diesen bestalischen Kämpfen nicht zurückschrecken und damit Geld verdienen, kennen auch nichts anderes in ihrem Dasein. Um in dieser rauen Gesellschaft zu überleben, eignet man sich diese Brutalität an, auch wenn dadurch eine Kettenreaktion entsteht. "Amores Perros" heißt übersetzt "Hundeliebe" und führt nach Tarantino Manier drei Episoden zu einem Gesamten zusammen. Dieser Einfluss des "Pulp Fiction" Machers ist natürlich vordergründig auch hier sichtbar, aber Inarritu mutet dem Zuschauer mehr zu als die zusammengewürfelte Handlung und elegante Gewalt vieler anderer Nachahmer. Alle drei Epsioden zeichnen die Grausamkeit der Menschen auf, auch den Umgang mit Tieren.
Die Handlung spielt kurz vor der Jahrtausendwende in Mexiko City. In einer kleinen Wohnung lebt Mutter Ramirez (Adriana Barazza) mit ihren beiden Söhnen Octavio (Gael Garcia Bernal) und Ramiro (Marco Perez). Inzwischen lebt auch Ramiros junge Ehefrau Susanna (Vanessa Bauche) hier, die beiden haben eine kleine Tochter. Auch der Rottweiler Khofi gehört zur Familie. Die Brüder sind ständig zerstritten und Octavio ist heimlich in seine Schwägerin verliebt. Ramiro arbeitet als Verkäufer in einer Apotheke, der Lohn reicht aber bei weitem nicht aus den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Daher raubt er gelegentlich Banken aus. Octavio will mit seiner Schwägerin abhauen, dafür braucht er Geld. Mit seinem Hund könnte dies möglich werden. So lässt er sich gemeinsam mit seinem besten Freund Jorge (Humberto Busto) auf das dreckige, aber lukrative Geschäft der Hundekämpfe ein. Dort macht er sich den durchgeknallten Jarocho (Gustavo Sanchez Parra) zum Feind. Als sich die Rivalität zuspitzt, wird Octavios Wagen mit dem verletzten Khofi von Jarochos Gang verfolgt, es geschieht dabei ein fürchterlicher Autocrash.
Opfer im anderen Auge wird das aufstrebende Supermodel Valeria (Goya Toledo). Ihr Lover, der Verleger Daniel (Alvaro Guerrero) hat sich von seiner Frau getrennt und ein luxuriöses Appartment zu Zweit eingerichtet. Doch der schwere Autounfall, bei dem auch Valerias Hund Ritchie dabei war, hat Auswirkungen auf die Karriere. Die Verträge werden gekündigt, Valeria ist gezwungen tagsüber in der Wohnung vor Langeweile zu sterben. Ihr einziger Inhalt wird der kleine Hund, doch der kleine Schoßhund springt in ein Loch des Parkettbodens und kommt nicht wieder heraus. Die Suche wird auch für Daniel zur Zerreißprobe.
Zeuge des Unfalls wird der alte El Chivo (Emilio Echevarria), ein ehemaliger Guerillero. Der ehemalige Professor verbüsste für seinen politischen Fanatismus 20 Jahre Gefängnis. Er sehnt sich aber nach seiner Tochter Maru (Lourdes Echevarria), die er so lange nicht mehr sehen konnte und die glaubt, dass er lange schon tot sei. El Chivo lebt mit sehr vielen Hunden zusammen, die er wie eigene Kinder liebt. Gelgentlich übernimmt der alte Mann Auftragsmorde. Der junge Geschäftsmann Gustavo (Rodrigo Murray) hat ihm 150.000 Pesos angeboten, wenn er dessen Partner Luis (Jorge Salinas) aus dem Weg räumt. Während sich die anderen Menschen um die Verletzten des Unfalls kümmert, nimmt El Chivo den schwerverletzten Hund mit zu sich nach Hause. Es gelingt ihm tatsächlich, dass sich das Tier langsam erholt. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte...




 

 Kurz vor dem Millenium führen die Wege von Octavio, Valeria und dem alten Revolutionär durch diesen CarCrash zusammen. Der junge Octavio versucht seinem trostlosen Milieu zu entkommen, Valeria wird von einer Sekunde auf die andere aus ihrem luxuriösen Leben gerissen und für den Vagabunden El Chivo bietet sich durch verschiedene Grausamkeiten eine gewisse Kehrtwende im Denken. Das Drehbuch von Guillermo Arriaga ist raffiniert geschrieben und wirkt völlig unkonstruiert. So pulsierend die Stadt, so dynamisch ist auch dieser Film. Gael Garcia Bernal feierte mit diesem Film ein bemerkenswertes Leinwanddebüt. Dieses zärtliche wie gewalttätige Epos wurde 2001 in der Kategorie "bester Auslandsfilm" für den Oscar nominiert. Er unterlag jedoch dem Ang Lee Welterfolg "Tiger and Dragon" aus Taiwan.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.