Sonntag, 19. November 2017

Holy Motors

























Regie: Leos Carax

Zauberkünstler und Artist...

 Der französische Film "Holy Motors" ist ein Film von Leos Carax und wurde 2012 gedreht. Carax drehte vor "Holy Motors" in der Zeit ab 1984 nur vier weitere Spielfilme. Im Jahr 1984 das Liebesdrama "Boy meets Girl" , es folgte zwei Jahre später "Die Nacht ist jung". Mit "Die Liebenden von Pont-Neuf" gelang ihm nicht nur der internationale Durchbruch, sondern auch ein richtiger Welterfolg. Der 1999 entstandene "Pola X" fiel allerdings beim Publikum und bei den Kritikern durch.
"Holy Motors" ist aber wieder ein sehr interessanter Film geworden. Leos Caraxs Film folgt den Gesetzen eines Traums und dies bedeutet natürlich eine Vielzahl von surrealen Einfällen. Man erinnert sich an einige Filme von Luis Bunuel oder an verschachtelte Meisterwerke wie Alain Resnais "Letztes Jahr in Marienbad". Und die Hauptrollen spielen neben der Hauptfigur Monsieur Oscar, der in verschiedene Identitäten schlüpft, auch diese monstösen Stretch-Limousinen. Und die kamen in den letzten Jahren immer in sehr schrägen bis aussergewöhnlichen Filmen zum Einsatz. Man erinnere sich an die Hochzeitskarre in Lars von Triers "Melancholia" oder in David Cronenbergs "Cosmopolis", in dem Robert Pattnison mit seinem Luxusobjekt durch Manhattan fährt.
Die Stretch-Limos bei Leos Carax sind "Holy Motors" und eine davon gehört Monsieur Oscar, der von Caraxs Lieblingsdarsteller Denis Lavant gespielt wird. Scheinbar ein ganz normaler Geschäftsmann, der am Morgen sein Haus verlässt und von seiner Fahrerin Celine (Edith Scob) in der Limousine abgeholt wird. Sie ist es auch, die ihrem Fahrgast die heutigen Aufträge in die Hand gibt. Ein arbeitsreicher Tag steht bevor, aber die Arbeit ist alles andere als alltäglich. Der geheimnisvolle Monsieur Oscar nimmt seltsame Aufträge einer ominösen Agentur an, in denen er im Auto seine Identitäten wechseln muss. Die Aufträge werden ihm in dünnen Ordnern präsentiert, als wäre er ein Geheimagent. Und die Utensilien und Requisiten, die er zur neuen Verkleidung braucht,  sind auch alle im riesigen Auto vorhanden. Währenddessen fährt die souveräne Celine durch die Straßen von Paris. Einmal muss Oscar als verkrüppelte Bettlerin durch die Menschenmenge laufen, ein anderes Mal ist er ein Killer, der einen Mann tötet. Dieser Tote verwandelt sich dann langsam in das Abbild seines Täters.
In einer anderen Szene lässt Carax die autralische Popsängerin Kyle Minogue, die wie Jean Seberg in "Außer Atem" zurecht gemacht ist,  ein Lied von verlorenen und vergessenen Identitäten singen, um dann Minuten später vom Dach eines verfallenen Luxushotels in den Tod zu springen. Ein Art buntgekleidetes Zottelbiest mit roten Haaren ist Oscar an diesem Tage auch. Er besucht einen Friedhof, auf dessen Gräbern meistens "Visit my webside" steht und entführt ein Fotomodel (Eva Mendes) in die Katakomben der Stadt. Einmal ist er ein Sterbender, ein anderes Mal ein Vater, der seine Tochter ( ) von einer Party abholt. Perfekt gelungen ist die Motion Capture Episode, die zudem total faszinerend ist. Eine Pause hat Carax eingebaut, hier spielt Monsieur Oscar mit Straßenmusikern ein bisschen Polka auf dem Akkordeon...







Carax hat in "Holy Motors" alles was  Kino ausmacht - Gangsterfilm, Sciencefiction, Stummfilm, Musical oder Melodram - alles zusammengefügt in einen fast schon halluzinatorischen Bilderstrom, angefangen mit einem Prolog, der den Regisseur selbst zeigt wie in einem Zimmer die Tapetentür öffnet und ihn in einen vollen Kinosaal bringt. Bis zum Schluß, wo sich die riesigen Limousinen in der Garage von "Holy Motors" miteinander unterhalten. Ein Film auch über unsere digitale Welt. "Holy Motors" wird dem Mainstrampublikum nicht gefallen, da er mehr Fragen bringt als Antworten zu liefern. Er verstört auch teilweise - allerdings hat "Holy Motors" viel mitreißendes, wenn man sich auf die Bilder einlassen kann.






Bewertung: 9,5 von 10 Punkten. 

Blow

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Regie: Ted Demme
 
Aufstieg und Fall...
 
Ted Demme war der Neffe vom "Schweigen der Lämmer" Regisseur Jonathan Demme und wurde nur 39 Jahre alt. Er starb am 13. Januar 2002 in Santa Monica, Kalifornien an einem Herzinfarkt. Bei der Autopsie wurden geringe Spuren von Kokain gefunden.  Eine tragische Parallele zu seinem letzten Spielfilm "Blow", den er 2001 drehte und für den er sehr gute Kritiken erhielt. Im "Blow" wird die Lebensgeschichte von George Jung erzählt. Jung war in den 70er und 80er Jahren der größte Kokaindealer der USA. Dabei orientierte sich Demme an dem Buch "Blow - How a Small Town Boy made 100 Million Dollar with teh Medellin Cocaine Cartel and Lot it all" von Bruce Porter. In "Blow" - der englische Ausdruck für Koks - kann auch Johnny Depp zeigen, dass er auch eine tragische Figur spielen kann.  Trotz der Mitwirkung der Spanierin Penelope Cruz und der Deutschen Franka Potente muss seine Figur den Film fast im Alleingang tragen. Und dies schafft Depp tatsächlich sehr glaubwürdig und gut.
Der kleine George wächst bei streitenden Eltern Fred (Ray Liotta) und Ermine (Rachel Griffith) auf. Dabei hat er ein besonders inniges Verhältnis zu seinem Vater. Die Mutter rennt oft von Zuhause weg, wird aber immer wieder von ihrem sie liebenden Ehemann aufgenommen. Als Heizungsinstallateur kann er seine Frau aber nie zufriedenstellen oder glücklich machen. Der kleine George schwört sich daher schon sehr früh, dass er nie so leben will. Mit seinem dicklichen Freund Tuna (Ethan Suplee) zieht er nach San Francisco. Es ist Flower Power angesagt, man liebt den Protest und scheisst auf die Normen. Er wird zum Hippie und raucht am Strand Marihuana. Die meisten Mädels, die er kennenlernt, sind Stewardessen. So auch die blonde Barbara (Franka Potente), die ihn mit dem schwulen Friseur Derek (Paul Reubens) bekannt macht. Derek ist der Dealer der Stadt und bald steigen George und Tuna ins Geschäft mit ein. George ist geschäftstüchtig und möchte das Business mit den Drugs ausweiten. Mit einer Cessna wird die heiße Fracht über die Grenze geschafft. Bald versorgt das Trio auch die Ostküste mit Marihuana. Doch er wird erwischt und soll seine erste Gefängnisstrafe antreten. Er flieht aber, weil seine Freundin an Krebs erkrankt ist und bald sterben wird. Seine Mutter verständigt aber die Polizei, als er die Eltern besuchen kommt - im Gefängnis lernt er den Kolumbianer Diego Delgado (Jordi Molla) kennen. Der macht ihn mit Kokain vertraut und verschafft George ein Treffen mit dem berühmten Drogenboss Pablo Eskobar (Cliff Curtis). Nun wird das Geschäft richtig groß. Aus Kolumbien wird die ganze USA versorgt - er ist innerhalb von einigen Wochen Millionär und heiratet die temperamentvolle Kolumbianerin Mirtha (Penelope Cruz). Diese Frau ist nicht nur äusserst attraktiv, sie liebt auch das Leben im Luxus, dass ihr George vorerst bietet. Doch es kommen auch magere Zeiten, da er aus dem Geschäft gedrängt wird und auch versucht clean zu bleiben. Vor allem seiner kleinen Tochter Kristina (als Kind: Emma Watson, als junge Frau: Jamie King) versucht er ein guter Vater zu sein, weil sie das Einzige ist, auf was er stolz sein kann....



Hiermit wird dann auch der Schwerpunkt im Mittelteil und am Ende des films aufgezeigt. Der Höhenflug eines Mannes, der am Ende weiß, dass nur seine Tochter wirklich zählt. Nicht das Leben in Saus und Braus, nicht die Millionen und nicht die vielen Affären mit schönen Frauen. Doch er verliert das Kind durch eigenes Verschulden. Im Grunde eine sehr tragische Komponente, mit der der Zuschauer dann konfrontiert wird. Nachdem der Aufstieg des Mannes so kometenhaft und einfach vonstatten ging. Auch wenn der Protagonist millionenschwer ist, gelingt es Depp dem Dealer auch sympathische Züge zu verleihen. Ähnlich denen eines naiven unerfahrenen Jungen, der ganz zufällig ans große Geld kam, weil er den Trend zur Droge erkannte und dann aktiv in den Markt eingegriffen hat. Der echte George Jung kam 2014 aus 20jähriger Haft wieder frei. Guter Soundtrack mit Hits der Rolling Stones, Cream, Faces, Bob Dylan, Manfred Mann, Ram Jam und Lynyrd Skynard.



Bewertung: 7 von 10 Punkten. 

Mittwoch, 15. November 2017

Traffic - Macht des Kartells

























Regie: Steven Soderbergh

Aussichtsloser Krieg...

Bei der Oscarverleihung 2001 wurde Ridley Scotts Sandalenfilm "Gladiator" als bester Film des Jahres ausgezeichnet und erhielt insgesamt fünf Trophäen. Knapp geschlagen mussten sich Ang Lees "Tiger and Dragon" und Steven Soderberghs "Traffic" geschlagen geben, die beide insgesamt 4 Preise gewannen. Die Oscarnacht 2001 war aber dennoch ein großer Triumph für Steven Soderbergh, denn neben "Traffic" war auch seine "Erin Brockovich" in der engeren Auswahl und am Ende konnte sich Hauptdarstellerin Julia Roberts über ihren ersten Oscarsieg freuen. Bereits sein Debütfilm im Jahr 1989"Sex, Lügen und Video" war ein enormer Kritikererfolg. Es folgten mit "Kafka" oder "König der Murmelspieler" zwei weitere überzeugende Regiearbeiten. Danach wurde es etwas ruhiger bis 1998. "Out of Sight" wurde ein Erfolg und "The Limey" bescherte dem Hauptdarsteller Terence Stamp ein Comeback. Aber das Jahr 2000 war sein erfolgreichstes Jahr...und "Traffic - Die Macht des Kartells" ist sicherlich bis heute sein brilliantester Film geblieben.
Die Geschichte ist in drei Handlungssträngen aufgeteilt, der Drehbuchautor Stephen Gaghan lässt diese sich an eingen Stellen gegenseitig berühren, weil die drei Geschichten das große Thema des mexanisch-amerikanischen Drogensumpfes verbindet. Der Zuschauer lernt dabei zuerst den Kampf der beiden mexikanischen Polizisten Manolo Sanchez (Jacob Vargas) und Javier Rodriguez (Benicio del Toro) gegen die Drogenbanden kennen. Als sie einen Drogenkurier verhaften, der riesige Menge Koks dabei hatte, lernen sie dabei auch den General und  Polizeichef Arturo Salazar (Tomas Milian) kennen, der sich fest vorgenommen hat das Drogenkartell des Gangsters Juan Obregon (Benjamin Bratt) zu zerschlagen. Soderbergh, der auch als Kameramann tätig war, hat das Bild dabei mit einem satten Gelb überbeleuchtet.
Anders der blaugraue Schimmer, der die Episoden um den angesehen Richter Robert Wakefield (Michael Douglas) aus Cincinnati durchzieht. Er wurde zum neuen Stabschef der nationalen Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) ernannt und weiß genau, dass er dazu die Zusammenarbeit mit den Mexikanern fördern muss, wenn er Erfolge erzielen will. Doch er und seine Frau (Amy Irving) haben auch in der Familie ein Suchtproblem. Tochter Caroline (Erika Christensen) kam durch ihren Lover Seth Abrahams (Topher Grace), ein Student aus gutem Hause, mit Crack und Crystal Meth in Berührung. Der Drogenkonsum wird bekannt als ein Bekannter der beiden (Tucker Smalwood) auf einer Party eine Überdosis erwischt und die Teenager in ihrer Panik den bewusstlosen Mann vor einem Krankenhaus ablegen und danach mit dem Auto verschwinden wollen.
Auch die Polizei in San Diego bemüht sich redlich im Kampf gegen die Drogen. Ray Castro (Luis Guzman) und Montel Gordon (Don Cheadle) vom ortlichen Drogendezernat gelingt die Festnahme des Dealers Eduardo Ruiz (Miguel Ferrer). Sie bieten ihm einen Deal an, wenn er gegen den reichen Geschäftsmann Carlos Ayala (Steven Bauer) vor Gericht aussagt. Ayala ist der Mittelsmann des Obregon-Kartells. Er wird verhaftet, seine attraktive Frau Helena (Catherina Zeta-Jones) ist schockiert und kann nicht fassen, dass ihr Mann ein Drogenboss sein soll. Vom Anwalt der Familie Arnie Metzger (Dennis Quaid), der auf die Frau seines Freundes Carlos steht, erfährt sie die bittere Wahrheit. Doch Helena hat vor ihren Mann - koste es was es wolle - aus dem Gefängnis zu holen.
Währenddessen findet Javier in Mexiko immer mehr heraus, dass General Salazar den Drogenring nur deshalb zerschlagen will, um ein anderes Kartell zu etablieren....





Soderberg hat die drei Erzähllinien stets gut im Griff und jede hat dabei ihren eigenen Charakter. Diese Episoden haben die Kraft dem gesamten Film eine dramaturgische Dynamik der Spitzenklasse zu verleihen. Dabei wird der Zuschauer zum Beobachter der einzelnen Schicksale und "Traffic - Die Macht des Kartells" überzeugt auch durch einen gewissen dokumentarischen Touch. Die Abhandlung über Kartelle, Koks und Kapital ist Sonderberg hervorragend gelungen. Dabei kann er auf einen großartig besetzten Cast zurückgreifen. Vor allem Benicio del Toro als kleiner Polizist, der sich aus alles heraushalten will, aber aufgrund der Ereignisse dann doch Farbe bekennen muss, bleibt eindrücklich im Gedächtnis. Del Toro bekam für diese Rolle auch den verdienten Oscar als bester Nebendarsteller. Aber auch Michael Douglas als engagierter und privat doch so machtloser Kämpfer gegen die Drogen ist enorm überzeugend. Das dritte Schicksal liefet Catherine Zeta Jones in einer wunderbaren Rolle als Frau, die trotz aller Bedenken fest zu ihrem Mann hält...sie, die aus armen Verhältnissen kommt will für sich und ihren kleinen Sohn das Leben auf der Sonnenseite nicht aufgeben. Dafür tut sie dann auch alles. Für mich neben del Toros Javier Rodriguez die beeindruckendste Figur dieses starken Drogenfilms.
Mann kann den Film auch als Kritik am Globalsimus empfinden, aber noch stärker deckt Soderbergh den Kapitalismus des Drogengeschäftes auf. Sowohl auf der mexikanischen als auch auf der amerikanischen Seite. Eine Art Bürgerkrieg - man denkt dabei unwillkürlich an Donald Trumps Wahlziel Nr. 1 eine Mauer zu bauen.





Bewertung: 9,5 von 10 Punkten. 

Nocturama

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Regie: Bertrand Bonello
 
Staatsfeinde im goldenen Käfig...
 
Paris, an einem Tag wie jeder andere. Der Zuschauer wird Beobachter einiger Jugendlicher, die sich in der Stadt befinden. Die Teenager sind sehr unterschiedlich, einige wie Yacine (hamza Meziani), Mika (Jamil McCraven), Omar (Rabah Nait Oufella) oder Samir (Ilias le Dore) haben Migrationshintergrund. David (Finnegan Oldfield) und Sarah (Laure Valentinelli) sind ein Pärchen, man würde sie eher dem intellektuellen Milieu zuordnen. Fred (Robin Goldbromm) arbeitet als Securitykraft. Greg (Vincent Rottiers) und Andre (Martin Guvot) haben an diesem Tag ein Bewerbungsgespräch. Sabrina (Manal Issa) ist bei der Arbeit. Auch Jean-Claude (Luis Rego) und Patricia (Hermine Karagheuz) werden bei ihren scheinbar ganz normalen Alltagsbeschäftigungen gezeigt. Die Jugendlichen kämpfen sich dabei durch das Labyrinth der Metro, laufen zielstrebig durch die Straßen der Metropole. Bald bemerkt man einen Zusammenhang bei diesen jungen Menschen, sie gehören zur gleichen Clique. Denn sie treffen sich - tauschen Blicke, aber fast keine Worte aus. In einem Straßencafe kann man dann einen Teil ihrer Unterhaltung mitverfolgen, sie sprechenüber Pinochets Putsch in Chile. Aber auch von der Bankenkrise und von der hohen Arbeitslosigkeit. Und irgendwann wird auch die Mission dieser jugendlichen Hipster immer sichtbarer. Sie sind dabei überall in Paris Sprengsätze zu verteilen. Immer wieder wird die Uhrzeit eingeblendet. Es ist deutlich spürbar, dass hier etwas unheilvolles in Gang ist und das Paris an diesem Tag ein großer Terroranschlag bevorstehen wird. Bevor die Bomben hochgehen, hat Greg die Aufgabe ein Attentat auf einen einflussreichen Wirtschaftsboss zu verüben. Dann kommt es zu mehrfachen Explosionen in der Stadt. Schnell steuern die Jugendlichen ihren abgemachten Treffpunkt an. Ein luxuriöses Kaufhaus kurz vor Ladenschluß. Dort verstecken sich die Staatsfeinde, bis die Luft rein ist. Das Sicherheitspersonal des Geschäfts wurde getötet und nun heißt es warten. Die Attentäter wissen nicht, was draußen vor sich geht und wieviel Opfer ihr Anschlag forderte und in diesem zweiten Teil des Films konfrontiert Regisseur Bertrand Bonello seine Protagonisten mit all ihren Widersprüchen, Wünschen und Ängsten...




Hier wird eine große Zerissenheit spürbar. Die jungen Leute sind nicht nur gegen die Staatsordnung, denn sie agieren auch völlig konsumfreudig in dieser abgeschirmten Welt des Luxus. Sie suchen sich schicke Anzüge in der Bekleidungsabteilung aus und stehen vor dem Ankleidespiegel. Sie machen Fotos mit ihrem Handy und drehen die Musik im leeren Kaufhaus auf. Dabei muss sich der Sound richtig fett und geil anhören, etwas was zum Tanzen geeignet ist.
Bonello wählt ein widersprüchliches Versteck für seine Jugendlichen in seinem 2016 entstandenen "Nocturama" aus. Es ist ausgerechnet ein Gebäude, dass für das steht, was sie bekämpfen und warum sie die Anschläge in der Stadt verübten. Ausserdem stecken sie einer labyrinthartigen Falle, wie sich später noch herausstellen wird. Bonello hat filmische Vorbilder. So erinnert der Anfang von "Nocturama" zum einen an Gus van Sants "Elephant" - auch dort werden Jugendliche gezeigt, die scheinbar ziellos durch das Schulgebäude laufen. Aber auch durch den Einsatz einer elektrisierenden bis pulsierenden Musik wird man an Walter Hills "Die Warriros" erinnert. Ein Film, der ab einem gewissen Zeitpunkt in einem Kaufhaus spielt, lässt natürlich sofort an George A. Romeros "Zombie" denken und tatsächlich nannte der französischen Regisseur den 1878 inszenierten Zomibie-Klassiker neben "Assault" (Handlung hinter verschlossen Türen in einem Gebäude mitten in der Stadt) als größte Inspriationsquelle für seinen virtuosen filmischen Beitrag, der dem Zuschauer allerdings jegliche spektakuläre Momente verweigert. Statdessen setzt er auch auf leise Töne. David findet eine Tür nach draußen und geht dabei das Risiko ein von der Polizei oder vom Militär kontrolliert zu werden. Er lädt ein älteres Obdachlosenpaar ins Kaufhaus ein, indem er vorgibt der Sohn des Ladenbesitzers zu sein. Er hört sich auch bei einer jungen Frau (Adele Haenel) um, die mit dem Fahrrad unterwegs ist, ob man schon weiß, wer die Anschläge verübt hat. Dann geht er wieder ins Kaufhaus. Auf den Monitoren der TV-Geräte erscheint dann die Einblendung vom Kaufhaus. Scheinbar sind sie schon umstellt und überführt. Die Stimme des TV-Sprechers spricht davon, dass es sich dabei um Staatsfeinde und nicht nur um Terroristen handelt. Um Staatsfeinde verdienen den Tod...eine Eliteeinheit hat daher nur einen Auftrag: Die Täter abzuschießen. Bonellos Ende ist dann eine einzige traurige Todesorgie. Auch wenn die Jugendlichen ihre Hände hochheben und sich ergeben. Es wird ignoriert. Sie werden wie Hasen abgeknallt.
Natürlich ist der Film auf der Höhe unserer Zeit und bündelt Angst, Wahnsinn und Hysterie, wie wir sie alltäglich wahrnehmen. Erklärungen gibt es keine, die eine dahintersteckende Ideologie erklären würden. Zwar ein Kommentar zum Thema Terrorismus, aber ohne die üblichen einfachen Antworten. Eher dem Zwiespalt, der Widersprüchlichkeit und der Irritation verpflichtet. "Nocturama" zeigt aber vor allem die Verrücktheit unserer Zeit. Das schlimme daran ist, dass eine gewisse Todessehnsucht präsent ist. Ein wichtiger Film, der interessante Fragen aufwirft.





Bewertung: 8,5 von 10 Punkten.

Montag, 13. November 2017

The Edge of Seventeen - Das Jahr der Entscheidung

























Regie: Kelly Fremon Craig

Mit 17 hat man noch Träume...

Bereits 2010 erhielt Hailee Steinfeld für ihre Rolle als Mattie Ross im Remake von "True Grit" eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin. Sie startete auch eine Karriere als Popsängerin und mit dem 2016 inszenierten Coming of Age Film "The Edge of Seventeen" liefert sie ihre bislang beste Darstellerleistung ab. Hailee spielt die Jugendliche Nadine Franklin, die in einem Vorort von Seattle lebt und die Junior High School besucht. Das Leben war nicht immer glücklich. Bereits im Alter von sieben Jahren (Lina Renna) war sie eifersüchtig auf ihren Bruder Darian (als Kind: Christian Michael Cooper/ als Jugendlicher: Blake Jenner), der Sonnerschein für seine Mutter Mona (Kyra Sedwick), die ihren Sprößling für ein perfektes Kind hält. Mehr Mühe hat sie mit der bockigen Nadine. Während Darian immer viele Freunde hatte, war Nadine eine echte Einzelgängerin, die von anderen Kindern auch des öfteren gemobbt wurde. Aber dann wendet sich scheinbar doch alles zum Guten, denn sie lernt die gleichaltrige Krista (als Kind Ave Grace Cooper/ als Jugendliche: Haley Lu Richardson) kennen, mit der sie sich anfreundet. Und tatsächlich gehen die beiden Mädels durch dick und dünn. Als ihr geliebter Vater (Erich Keenleyside) plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt, bricht Nadines Welt zusammen. Dad war immer auf ihrer Seite. Ihren Geschichtslehrer Mr. Bruner (Woody Harrelson) hält sie mit ihren Aussagen oder Drohungen immer wieder auf Trab. Da der ihr immer die passenden trockenen Antworten gibt, ist diese Beziehung zwischen aufmüpfiger Schülerin und zynischem Lehrer sehr spannend. Eines Nachts betrinken sich Nadine und Kriste, während der große Bruder eine Poolparty schmeißt. Betrunken schläft Nadine auf. Als sie aufwacht, erwischt sie ihre beste Freundin bei ihrem nackten Bruder im Bett. Dies führt zum Bruch zwischen der Freundschaft. Denn in ihrer großen Eifersucht stellt Nadine Krista vor die Wahl sich entweder für sie oder für den verhassten Bruder zu entscheiden. Zeitgleich hat sich  Klassenkamerad Erwin Kim (Hayden Szeto) in Nadine verguckt, doch die zeigt ihm zuerst mal die kalte Schulter. Ihre heimliche Liebe ist der ältere Student Nick Mossmann (Alexander Calvert), der im Jugendknast war und nun in einem Tiergeschäft jobbt. Doch der ignoriert sie...



Erstaunlich wie souverän die US-Regisseurin Kelly Fremon Craig ganz viele typische Klischeefallen dieses Genres umschifft und ein richtiges Feel-Good Movie gemacht hat. Das Schauspieler-Ensemble wurde sehr gut ausgewählt und Hailee Steinfeld gelingt eine großartige Performance als hin- und hergerissene jugendliche Protagonistin. So lernt der Zuschauer mal ihre humorvolle Seite kennen, dann wieder ihre Verbitterung und Verbissenheit. Eine quirlige, unberechenbare und sehr süße Nadine. Der Film hält eine gute Balance zwischen Comedy und Drama und hat sicherlich Potential einer dieser großen Jugendkultfilme wie "Dazed and Confused" oder "Juno"
zu werden. Leider kam der Film nicht mal in die deutschen Kinos. In den USA spielte er ca. 18 Millionen Dollar ein und man wird auch ein bisschen an die 80er Jahre John Hughes Filme erinnert. Wobei "Edge of Seventeen" sogar noch ein bisschen stäker als diese schönen 80er Teeniefilme ist.




Bewertung: 8 von 10 Punkten