Samstag, 25. Oktober 2014

Hexenkessel




Regie: Martin Scorsese

In den Straßen von Little Italy, Manhattan...

Denkt man an Martin Scorseses Mafiafilme, dann fallen zuerst "Good Fellas", "Departed" oder "Casino" ein. Dabei ist der 1973 entstandene "Hexenkessel" (Original: Mean Streets), der noch vor seinem Welterfolg "Taxi Driver" entstand, sein erster Film über das organisierte Verbrechen. Er ist aber im Vergleich zu den drei bekannteren Mafiafilmen etwas anders konzipiert und hat sein Augenmerk eher auf die unteren Stufen der Hierarchie in Little Italy, New York gelenkt. Seine Helden sind Kleinkriminelle, von denen vor allem der junge Charlie Cappa (Harvey Keitel) höhere Ambitionen hegt. Immerhin arbeitet er schon erfolgreich als Schuldeneintreiber für seinen Onkel Giovanni (Cesare Danova) und macht sich berechtigte Hoffnungen, dass er bald ein Restaurant für den Boss leiten darf. Man hat sich allerdings immer an die Gesetze der Cosa Nostra zu halten und daher verheimlicht Charlie auch sein Verhältnis zu Teresa (Amy Robinson), die aufgrund ihrer Epilepsien als "Verrückte" gilt. Ausserdem hängt Charlie auch mit Teresas Cousin Johnny Boy (Robert de Niro) herum, dem er extra einen Job besorgt hat, damit dieser seine diversen Schulden bei anderen Mafiosi zurückzahlen kann. Doch Johnny Boy ist ein unverbesserlicher,  aufgrund seiner Unberechenbarkeit fast schon psychopathischer Kerl, der seine Einkünfte sofort wieder für attraktive Frauen und teure Kleidung verspielt. Die Schulden, die er bei Michael Longo (Richard Romanus) hat, nimmt der unzuverlässige Johnny Boy auf die leichte Schulter und denkt noch nicht mal daran diese pünktlich abzustottern. Das ist natürlich auf die Dauer für Longo wie auch für die anderen Kredithaie, bei denen Johnny Boy in der Kreide steht, nicht länger hinzunehmen...



Scorsese skizziert einen Mann, der zwischen seinem frommen Katholizismus und seinen Ambitionen für die Mafia steht und daher innerlich etwas zerrissen erscheint. Darüberhinaus gibts da auch Diskrepanzen zwischen der Loyalität zu seinem Caporegime und der langjährigen Freundschaft zu einem unbesonnnen Spinner mit dessen fatalistischen Handlungsweisen. Am Ende wird auf einer Fahrt durchs nächtliche Brooklyn plötzlich geschossen und prägen den Moment. Ausserdem dürften die Perspektiven nach diesem Ausbruch von lebensgefährlicher Gewalt nicht besonders rosig sein.
Neben dem Alltag der Mafia ist "Mean Streets" vor allem auch ein äusserst gelungener und atmosphärisch dichter New York Film, wo sich das brodelnde Leben hauptsächlich in der Nacht abspielt und wo es - meist recht locker und spielerisch dargestellt - um nichts anderes geht als ums nackte Überleben. Und Scorsese lässt keinen Zweifel zu, dass hier nur die Starken und die Angepassten eine reele Chance haben.
Nicht nur die drastische Schlußszene ist zum echten Klassiker geworden, der Film erhielt bereits bei seiner Premiere ausserordentlich gute Kritiken. Man sprach von einem der originellsten amerikanischen Filme überhaupt. Tatsächlich ist der Film in jeder Phase sehr kraftvoll, was er auch seinen großartigen Schauspielern verdankt - der junge Robert de Niro stand damit kurz vor dem ganz großen Durchbruch durch "Der Pate II" und  brillierte in dieser wichtigen Rolle eines neurotischen Typs. Die Locations wie auch das Milieu...alles wirkt düster, bedrohlich, trist und dreckig - aber alles vermittelt auch pulsierendes Leben.
Filmhistorisch ist der mit einer eigenwilligen Großstadtpoesie ausgestattete Großstadtfilm "Mean Streets" als Vorläufer vieler bekannter amerikanischer Filmklassiker, von großer Bedeutung und großem Einfluß - seine authentische Machart prägte das weitere Kino der 70er Jahre mit und der Film vermittelt - ähnlich wie der einige Jahre vorher entstandene "Midnight Cowboy" - ein faszinierendes wie brüchiges New York Bild.



Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Enemy

























Regie: Denis Villeneuve

Der Feind in der Nähe...

Der kanadische Filmregisseur Denis Villeneuve ist ein Name den man sich unbedingt merken muss: Bereits dreimal in Folge hat mich nun ein Film dieses Regisseurs gepackt. 2010 begeisterte er mit "Die Frau, die singt" (der Film bekam auch eine Oscarnominierung als bester ausländischer Film). Es folgte der packende Thriller "Prisoners" und auch "Enemy" - erneut mit Jake Gyllenhal . gibt er ein hervorragendes filmisches Rätsel auf. Durch die Location Toronto hat man immer ein bissel das Gefühl man würde einen Cronenberg-Film sehen - einige Szenen bestätigen oder verstärken diesen Eindruck sogar noch. Aus einer simplen, aber dennoch aussergewöhnlichen wie geheimnisvollen Story holt der Filmemacher ein Optimum an Atmosphäre und Suspence heraus. Dabei muss auch unbedingt Kameramann Nicolas Bolduc erwähnt werden, der mit starken Kupfer- , Gelb- und Grüntönen der Optik des Films entscheidende Stimmungen verleiht.
Am Anfang besucht ein Mann (Jake Gyllenhaal) eine seltsame Erotikshow in einem Undergrund-Club, in der eine nackte Frau mit Lackleder bekleidet und hochhackigen Plateauschuhen auf einem kleinen Podium tanzt, wo eine Tarantel herumläuft. Dann sieht man eine schwangere junge Frau (Sarah Gadon) auf einem Bett sitzend. Adam Bell, der angesehene Collegeprofessor, ist dieser Mann aus der ersten Szene und er hält eine Vorlesung an der Uni. Ein College empfiehlt ihm einen bestimmten Film auf DVD anzuschauen. Adam ist mit der hübschen Mary (Melanie Laurent) liiert. Als er diesen besagten Film anschaut, glaubt er seinen Augen nicht. Einer der Nebendarsteller sieht haargenau aus wie er selbst. Er macht den Darsteller ausfindig, der sich den Künstlernamen Daniel St. Claire zugelegt hat, in Wirklichkeit Anthony Claire heißt und ebenfalls in der Stadt lebt. Die frappierende Ähnlichkeit lässt Adam Bell nun keine Ruhe mehr und kommt durch das identische Aussehen sogar an einen vertraulichen Brief heran, der eigentlich an Anthony Claire gerichtet ist. In diesem Brief erfährt er die Anschrift seines Doppelgängers und ruft bei ihm an. Anthonys Ehefrau Helen, die sich am anderen Ende meldet, glaubt sogar die Stimme ihres Gatten zu erkennen. Schockiert legt Adam auf. Doch das Ziel, dieses zweite unbekannte Ich, bleibt dominierend und alles läuft auf ein Treffen heraus...



...und dies hat es dann auch in sich, denn nach vielen mysteriösen Annäherungen läutet es nun eine verhängnisvolle Dynamik ein. Mit 90 Minuten, so könnte man sagen, ist der Film knackig kurz - aber jede Minute ist meisterlich an diesem Psychothriller nach dem gleichnamigen Roman des portugiesischen Romancier Jose Saramago. Die Geschichte ist so bedrückend, dass sie beinahe schon klaustrophobische Ängste auslöst. Für Leute, die gerne Geschichten interpretieren und einzelne Szenen deuten, ist der Film auch eine schöne psychologische Fundgrube. Denn vieles was der Macher offen lässt, kann man auch seelisch ableiten - vorausgesetzt man gibt sich damit zufrieden, dass "The Enemy", dieser Feind das eigene Ich darstellt. Aber wie gesagt: Es ist schön, wenn auch am Ende spekuliert werden darf. Und Spinnen haben ja schon immer beim Menschen etwas ausgelöst...grins.


Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Freitag, 24. Oktober 2014

Kings of Summer

























Regie: Jordan Vogt-Roberts

Toys Haus...

Ich liebe sie irgendwie: Diese melancholischen Jugendfilme wie "Stand by me" oder "Mean Creek", die im Sommer spielen. Das DVD Cover suggeriert auch mit diesen drei Jungs, die von einem Fels ins Wasser springen den Eindruck, dass sich da mit "Kings of Summer" (Original: Toy´s House) des Regisseurs Jordan Vogt-Roberts ein ganz enger Verwandter präsentiert. So sehr dies dann auch für einige Elemente zutreffen mag - die Umsetzung dieses Independent Coming of Age Films ist ganz anders, in manchen Teilen sogar komödienhaft. Es ist auch wenig von dieser übergeordneten Wehmut zu spüren, die es so einfach macht den Film mit den Augen eines Erwachsenen zu sehen und sofort Erinnerungen wachzurufen.
Was aber nicht heißen soll, dass "Kings of Summer" ein schlechter Film ist, ganz im Gegenteil. Er ist dann doch trotz wohlbekannter Geschichte (Jugendliche reißen von zu Hause aus) reichlich originell gestaltet. Wobei er dann doch nicht so ganz skurril verläuft wie Wes Andersons "Moonrise Kingdom", der ein einer genialen Schrulligkeit verharrt. Man könnte dem Film aber vorwerfen, dass er die emotionale Bedeutung seiner Momente nicht genügend reflektiert oder dies dem Zuschauer überlässt. Nach "Mud - Kein Ausweg" und "Ganz weit hinten" ist der Film, der seine Premiere beim Sundance Film Festival hatte, aber wieder ein interessanter Vertreter seines Genres.
Um was geht es: Joe (Nick Robinson) ist noch Schüler an der Highschool und lebt nach dem Tod seiner Mom mit seinem dominanten Vater (Nick Offerman). Seine ältere Schwester (Alison Brie) hat es geschafft und ist zu ihrem Freund gezogen. Die Spannung zwischen Vater und Sohn ist latent bedrückend und innerlich rebelliert der Junge gegen die strengen Regeln, die der Vater im Zusammenleben aufgestellt hat. Joes bester Kumpel Patrick (Gabriel Basso) hat ebenfalls Sorgen mit seinen Erzeugern (Megan Mullally und Marc Evan Jackson), aber die sind ganz anderer Art. Durch deren ständige Fürsorge und Bemutterung glaubt der Junge diese Ausschläge an seinem Körper kämen aus diesem Grund. Joe hat in diesem Tagen ein Auge auf ein Mädchen namens Kelly (Erin Moriarty) geworfen, die sich auch für ihn interessieren könnte. Doch der Vater unterbindet ein Treffen an einer Party damit, dass sein Sprössling zuhause Monopoly zu spielen hat. Das familiäre Beisammensein endet im Streit und sorgt dafür, dass die Polizei (Mary Lynn Rajskub und Thomas Middleditch) vor der Tür steht. Aber es wird auch der Beginn einer Idee im abgelegenen Wald heimlich ein Waldhaus zu bauen und dann im Sommer einfach zu verschwinden. Mit im Gepäck auch noch ein dritter Junge oder besser gesagt ein sonderbar bizarres Wesen namens bizarre Biaggio (Moises Arias). Bald kann der Plan in die Realität umgesetzt werden...



und lehrt uns auch ein bisschen, dass die Freiheit, die die Jungen da im Wald suchen und vielleicht in gewissen Momenten auch gefunden haben, gar nicht so einfach ist und man viel von seinen Zwängen mitnimmt.  Es fängt schon an mit der Nahrungsbeschaffung (keine Angst: Die Tiere, die im Film mitspielen waren allesamt in guten, tierlieben Händen und es ist ihnen kein Leid geschehen) und endet in einer Szene der Eifersucht, die beiden Freunde streiten um das Mädchen, dass zu Besuch kommt und Joe merkt, dass ein Stück weit sein stinkstiefeliger Vater in ihm steckt.
"Kings of Summer" bietet vor allem viele schöne originelle Einzelszenen und auch in den Nebenrollen gute Performances (ich denke da auch vor allem an die aberwitzige Szene mit dem Delivery Boy, der das indische Essen ausliefert - aber auch die beiden Bullen oder Patricks Eltern sind der Brüller), er versäumt es aber tiefer zu werden. Er flirtet zwar damit, aber wenn es zu ernst wird, dann sucht das Drehbuch leider manchmal den Weg im Sit-com-Stil wieder Erleichterung zu schaffen. So bleibt die Aussage etwas verschwommen - bleibt am Ende nur der sehr überzeugende Jungstar Nick Robinson, der selbst das Gefühl hat mit diesem Verschwinden zum Mann geworden zu sein und seine ersten Bartstoppeln mit Stolz zur Schau trägt. Das ist natürlich schon wieder gelungen - so wie auch eine der finalen Szenen als Joe mit seinem Vater im Auto sitzt und im Auto nebenan Patrick und Kelly erblickt und die beiden Freunde sich mit Zeichen verständigen.


Bewertung: 7 von 10 Punkten.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Lone Survivor





















Regie: Peter Berg

In den Klauen der Taliban...

Inzwischen hat sich Schauspieler Peter Berg, der 1994 sozusagen Linda Fiorentinos "Die letzte Verführung" war zu einem erfolgreichen Regisseur entwickelt (Hancock, Battleship). Nach "Operation Kingdom" aus dem Jahr 2007 kehrt er nun mit "Lone Survivor" wieder in Krisengebiete islamischer Welten zurück, damals kämpfte das FBI in Saudi Arabien gegen Gotteskrieger. Im neuen Film, der nach dem gleichnamigen Tatsachenbericht des ehemaligen United States Navy Seals Marcus Lutrell entstand, werden die tapferen US-Soldaten in Afghanistan von den Taliban angegriffen. 
Formal gibts an dem effektiven Genrebeitrag gar nichts auszusetzen, man muss aber schlucken, dass da viel plumper Hurra-Amerika-Militarismus mitschwingt und die Machoboys der Navy Seals im Gruppenverbund, so wie er am Anfang im Camp gezeigt wird, die Neigung haben sich zu unsympathischen Nervtröten zu geben. Ja, das ist alles ziemlich unreflektiert und ziemlich angeberisch von den Etablierten, wenn der Youngster Shane Patton (Alexander Ludwig) diese Idole anhimmelt und ihnen nacheifert, auch wenn er sich zum Affen machen muss. Ein eingeschworenes Team von 4 Männern, darunter der bereits erwähnte Marcus Luttrell (Marc Wahlberg), Michael P. Murphy (Taylor Kitch). Danny Dietz (Emile Hirsch) und Matthew Axelson (Ben Foster). hat die Aufgabe den Taliban Führer Ahmad Shah zu töten. Luttrell und Axelson sind als Scharfschützen erste Wahl, Dietz ist der Mann, der für die Kommunikation verantwortlich ist und geleitet wird der Auftragsmord von Teamleader Murphy, der sehr bald eine schwerwiegende Entscheidung treffen muss. Zuerst klappt alles gut, die Männer haben ihre sichere Position auf einer bewaldeten Anhöhe erreicht und erkennen unten im Dorf ihre Zielperson. Doch die Kommunikation ist in diesem Dickicht dürftig und dann werden sie auch noch von drei Ziegenhirten entdeckt. Diese werden gefangen genommen und unter den vier Amis entsteht eine Diskussion wie man jetzt mit diesen veränderten Optionen umgehen soll. Axelson will die drei unbewaffneten Bauern (ein alter Mann, ein junger Mann, ein Knabe) erschießen, da sie bei einer Freilassung das Versteck verraten und so die Mission missglückt ist. Das Fesseln an den Bäumen wird ausgeschlossen, da die drei leichte Beute für wilde Tiere sind. So entscheidet sich Murphy für deren sofortige Freilassung, was katastrophale Folgen nach sich zieht...


 und zeigt eine der besten Szenen des Films, in der der junge Ziegenhirte mühelos den Berg hinunterrennen kann und eh die vier Soldaten sich versehen - sie kletterten den Berg hinauf und warten auf den Feind - sind sie schon umzingelt, denn der Feind ist schon da. Es folgt eine wilde Schießerei, man hat auch als Zuschauer das Gefühl als würden die Kugeln um die Ohren fliegen und Peter Berg ist ungefähr so nahe dran am Geschehen wie Ridley Scott in seinem Szenario "Black Hawk Down", in der hart umkämpften Stadt Mogadischu. Das Hinabstürzen vom Berg, was allen vier Männern passiert, wird genüsslich zelebriert und man hat das Gefühl, dass alle Knochen brechen - aber oh Wunder, die Helden sind zwar verletzt, aber immer noch einsatzbereit und -fähig. Solche Übertreibunggen sind auch Wermutstropfen, denn auch in der Szene als Luttrell bei den Einheimischen Unterschlupf fand ist nicht frei von Übertreibungen, wenn der afghanische Junge den verletzten Luttrell wie einen Helden anhimmelt. Ansonsten darf man sich aber auf einen spannenden und unterhaltsamen Actionfilm aus einem der Krisengebiete dieser Welt freuen. Beklemmend und intensiv verläuft diese Operation Red Wings. Zwei Oscarnominierungen gabs sogar: Erstens für den besten Ton, zweitens für den besten Tonschnitt.

Bewertung: 7,5 von 10 Punkten. 

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Das finstere Tal

























Regie: Andreas Prochaska

Von Rache besessen...

Gleich nach dem phänomenalen und eopchalen Meisterwerk "Die andere Heimat" hat ein weiterer deutscher Heimatfilm bei der Vergabe des deutschen Filmpreises triumphiert. Andreas Prochaskas neuer Genrefilm "Das finstere Tal" erhielt die Auszeichnung Silbernes Filmband. Tobias Moretti erhielt die Trophäe als bester Nebendarsteller und Kameramann Thomas W. Kienast setzte sich sogar überraschend gegen den großen Favoriten Gernot Roll (Die andere Heimat) durch.  Insgesamt gabs 8 Trophäen für den Genremix aus Heimatfilm und Western. Der Film ist eine deutsch-österreichische Coproduktion und festigt Prochaskas Ruf als einer der wichtigsten Genreregisseure im deutschsprachigen Raum, denn auch seine beiden "In 3 Tagen bist du tot" Filme können sich sehen lassen - im zweiten Teil dieses Alpenslashers nimmt er sogar ein bisschen eines der Themen von "Das finstere Tal" vorweg, denn die arme Nina muss dort in einem abgelegenen Berghof, also ebenfalls in einem finsteren Tal, ein Abenteuer bestehen. Die Umgebung beider Filme ist daher ähnlich abgeschieden. Die Geschichte, die Prochaska erzählt, spielt sich aber in der Mitte des 19. Jahrhunderts ab. Dort kommt ein junger Mann (Sam Riley), der sich Greider nennt mit seinem Pferd und Gepäck in ein abgelegenes Bergdorf in den Alpen. Und man merkt, dass nicht jeden Tag ein Fremdling durch diese Gegend reiten und vor allem noch den Winter dort verbringen will. Greider stellt sich den argwöhnischen Dorfbewohnern als Fotograf vor und mit einem angemessenen Bestechungsgeld akzeptieren die tyrannischen sechs Söhne (Tobias Moretti, Helmuth A. Häusler, Martin Leutgeb, Clemens Schick, Johann Nikolussi, Florian Brückner) des alten Brenner-Bauern (Hans-Michael Rehberg), der dort oben als Patriarch das Sagen hat, den Wunsch nach Kost und Logis. Sie quartieren den Fremden bei der Gaderin (Carmen Gratl) ein. Deren Tochter Luzi (Paula Beer) hat vor ihren Freund Lukas (Thomas Schubert) zu heiraten. Doch dann wird der Ort plötzlich durch den Tod eines der Brenner Söhne überschattet. Was auf den ersten Blick wie ein Unfall aussieht, deutet immer mehr auf ein gewaltsames Einwirken hin. Doch ehe dies klar wird, stirbt auch schon der zweite Brenner...


Optisch fühlte ich mich ein bisschen an Robert Altmans besten Film "MacCabe und Mrs. Miller" erinnert, vor allem sieht das abgelegene Dorf genauso wenig einladend aus, wie die Stadt, die MacCabe aufbaut und wo er am Ende im Schnee stirbt. Aber auch diese Westerngeschichten von dem einsamen Reiter, der in die Stadt kommt, eine Mission hat und dann wieder verschwindet, kommt in den Sinn. So festigt sich der Verweis auf das Westerngenre. Wobei Prochaska dem Motiv des Heimatfilms doch irgendwie den Vorzug gibt. Trotz des Rape and Revange Charakters der Geschichte. Denn die wahren Hintergründe von Greiders Mission liegen in der Zerstörung einer totalitären und archaischen, stark religiös gefärbten Ideologie, die es möglich macht den Patriarchen der Bergdorfgemeinschaft auf eine Stufe mit dem Herrgott zu stellen. Dieser psychologische Kniff des Drehbuchs ist es auch, der diesen Film sehr wuchtig und atmosphärisch dicht erscheinen lässt.


Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Die andere Heimat...Chronik einer Sehnsucht

























Regie: Edgar Reitz

Jakobs Traum...

"Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" ist als Film eine regelrechte Offenbarung - vor allem in einer Zeit, in dem das Kino mit Sensationen und Effekten nur so um sich wirbelt und von einem Blockbuster zum Anderen Millionen scheffelt. Dabei braucht es nur eine gute, authentische Geschichte, in dem endlich wieder das Augenmerk auf interessantere Charaktere gelegt werden. Regisseur Edgar Reitz hat meines Erachtens mit diesem 230 Minuten langen Epos all das geschafft, was ich eigentlich in der heutigen Filmlandschaft als unwiederbringlich verloren glaubte. Ein Film, der scheinbar sperrig sein soll (was er aber zu keiner Zeit ist) und der sich lange und sorgfältig Zeit lässt seine Geschichte aufzubauen und der dann irgendwann eine unheimliche Sogwirkung entwickelt. Ich würde vom besten deutschen Film der letzten 30 Jahre sprechen. Ein Film, der nicht nur von einem großen Filmemacher getragen wird, sondern auch von einem Weltklasse-Kameramann, dem in Dresden geborenen Gernold Roll optisch veredelt wird. Bravo, das Wagnis einen überlangen Monumentalfilm in Schwarz-Weiß zu machen, ist erstklassig geglückt. Jan Dieter Schneider, ein unverbrauchtes junges Gesicht, trägt den Film als Hauptfigur mühelos und bringt dem Zuschauer eine Sehnsucht nah, die man auch heute auch tief im Herzen empfinden kann - obwohl die Zeiten ganz andere sind und lange nicht so drastisch wie in dieser Zeit der Jahre 1840 bis 1845 im Hunsrück.
Dort - in dieser Zeit, die einen ganz anderen Rhythmus hat als unsere heutige von Hektik und Stress geprägte Welt. Die Menschen mussten hart arbeiten, konnten aber auch vielleicht viel mehr als heute mal ein paar Stunden innehalten und die schöne, waldreiche Naturlandschaft geniessen, die dort existierte. Die Menschen sind einfach, religiös geprägt. Johann Simon (Rüdiger Kriese) ist der Dorfschmied und hat seine Tochter Lena (Melanie Fouche) vom Hof verstoßen, weil sie den Katholiken Walter (Martin Schleimer) geheiratet hat. Gustav (Maximilian Scheidt) kehrt heim, er war zwei Jahre bei den Soldaten. Sehr zur Freude des Vaters, denn der zweite Sohn Jakob (Jan Dieter Schneider) liest lieber Bücher und bildet sich als körperlich anzupacken. Unterstützt wird der romantische, melancholische Junge aber von seiner Mutter (Marita Breuer), die ihn immer wieder in Schutz nimmt. Jakobs großer Traum ist das Auswandern nach Brasilien, er liest Bücher über die Reiseerfahrungen anderer in die neue Welt, ausserdem lernt er bereits die Sprache der Indianer Südamerikas. Und die Chancen für eine Auswanderung stehen auch gar nicht so schlecht, denn schon einige Hunderttausende von Landsleuten haben die Heimat verlassen. Oft sind es ganze Familienverbände, die Abschied nehmen und nie wiederkehren.  In den Kneipen, während der Kerbe und auch bei den Familienfesten findet sich kein aktuelleres Thema. Der Hunsrück, in dem Jakob aufwächst, gehört zu den Regionen Deutschlands, die am stärksten von der Auswanderungswelle betroffen waren. Angeworben wurden sie von Kaiser Pedro I, der europäische Kräfte suchte um sein Land urbar zu machen, vor allem begehrt waren Landwirte oder Handwerker. Also alles gute Zukunftsaussichten, wenn man sich entschloß die Wurzeln aufzugeben und in eine ungewisse, aber verheißungsvollere Zukunft aufzubrechen. Das war Jakobs Traum. Dazu gab es schreckliche Missernernten und sehr viel soziales Elend, unerträgliche Steuern - zu dieser Zeit - und Jakob steht da auch für einen dieser Vertreter einer neuen Richtung - kam aber auch der Gedanke auf, dass jeder einzelne Mensch Anspruch auf eigenes Lebensglück hat. Dies war ein aufkeimender Wunsch, aber noch dominierte die Demut und Ergebenheit gegenüber der Obrigkeit.
Der Alltag ist geprägt von viel Arbeit, von einigen Schicksalschlägen. Der geliebte Onkel (Reinhard Paulus), der Jakob immer verstanden hat, fällt eines Tages plötzlich tot um. Auch Schwärmereien und vielleicht die Jugendliebe hält Einzug ins Leben des jungen Träumers, denn mit den Mädchen Jettchen (Antonia Bill) und ihre Freundin Florinchen (Philine Lembeck) hat Jakob plötzlich ein Geheimnis...



 Wahnsinng atmosphärische Bilder zeigen in endlosen Kolonnen die hochbeladenen Pferdefuhrwerke, wie sie über Berg und Tal ziehen, um von ihrer Heimat zu den weit entfernten Seehäfen zu gelangen.
Der Film erzählt von einer nicht greifbaren Sehnsucht und von Abschied. Aber er ist auch geprägt von diesem Aufbruchgedanken, der keine Wiederkehr vorsieht. "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" wurde an Orginalschauplätzen im Hunsrück mit großem Aufwand an Bauten und historischer Ausstattung gedreht. Dabei passiert das Beste, was einem Historienfilm passieren kann: Der Zuschauer ist nach einer gewissen Zeit tatsächlich in dieser völlig anderen Zeit vor ca. 170 bis 175 Jahren gefühlsmäßig angekommen und passt sich dort an. Es ist ein Einblick in eine fast verlorene und vergessene Epoche oder Vergangenheit, wenn da nicht einige Gefühle auch heute noch existent wären und so der Bezug zum Hier und Jetzt aufrechterhalten bleibt. Es geht dabei um Leben und Sterben, auch um die wichtigen Grundbedürfnisse des Menschen, dem Wunsch nach einem besseren Leben. Jakob liest Bücher und schafft so ein eigenes Universum aus Wissen und Träumen. Dabei geht das Leben aber oft seltsame Wege und vielleicht sind Träume deshalb so schön, weil sie noch unerreichbar sind. Filmisch ist Edgar Reitzs Film stark mit dem großartigen zweiteiligen schwedischen Filmepos "Utvandrarna/Nybyggarna" (Die Emmigranten/Das neue Land) von Jan Troell verwandt. Was ihm übrigens eine Oscarnominierung einbrachte. Daher hab ich mich auch ein bissel gewundert, warum man mit "Die andere Heimat" nicht den besten deutschen Film des Jahres ins Oscarrennen schickt. Chance auf die Trophäe vielleicht mal wieder verpasst...wie schon in 1992 als die deutsche Oscarkomission "Hitlerjunge Salomon" nicht für erfolgsversprechend und geeignet hielt. 




Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Familiengrab

























Regie: Alfred Hitchcock

Gräber, Geister, Juwelen, böse Neffen und Blondinen...

Blanche Tyler verdient sich ihre Brötchen als hellsichtige Madame Blanche. Ihr Klientel besteht vor allem aus leichtgläubligen alten Frauen. Am Anfang von Hitchcocks letztes Film "Familiengrab" hält sie in der Anfangsszene eine Seance mit einer diser exzentrischen alten Damen ab. Die Umgebung ist wie geschaffen für eine selbst ernannte Spirtistin wie Blanche, der Salon der alten Frau ist voll von Antiqutäten und Erbstücken...aber auch von tiefen Schatten einer versteckten Vergangenheit.
Von ihrem etwas schwerfälligen Boyfriend George Lumley (Bruce Dern) hat sie brauchbare Informationen, die sie bei der Geisterbeschwörung gewinnbringend einsetzen kann: Die betagte und schwerreiche Julia Rainbird (Cathleen Nesbitt) hat für ungefähr 40 Jahren dafür gesorgt, dass ihre verstorbene Schwestger ihr uneheliches Kind zur Adoption freigeben musste. Damals wäre eine ledige Mutter - vor allem in den gehobenen Kreisen - eine schwerwiegende Schande gewesen. Als Mrs. Rainbirds Schwester starb verlor sich aber auch jede Spur des Kindes. Jetzt nach all den Jahren will sie mit ihrem Vermögen das Unrecht wieder gut machen - das vermisste Kind, nunmehr 40 Jahre alt, soll ihre Millionen erben. Doch die alte Frau braucht jemanden, der den fehlenden Neffen finden soll. Detektiv oder Polizei...zu auffällig, alles soll diskret und verschwiegen sein. Also ein Fall für Madame Blanche, die für diesen Job 10.000 Dollar als Prämie erhalten soll.
Eigentlich eine Routinegeschichte - aber nicht bei Altmeister Hitchcock, der somit ein eher unbeholfenes Duo auf die Suche schickt und vor allem Blanche unerschütterlich naiv an den schnellen Erfolg denken lässt. Schnell mal einen Mann suchen, finden, abgeben und kassieren. Doch so einfach ist es nicht: Der unbekannte Mann hat keinen Namen, keinen Wohnort und die wenigen Zeugen, die Auskunft geben könnten, liegen unter der Erde. George, der Taxifahrer und Möchtegernschauspieler, ist daher eher skeptisch bis pessimistisch, doch er liebt Blanche und wird weiterhin die Detektivarbeit mit ihr verrichten.
Als die beiden mit Georges Taxi nach Hause fahren, wird der Plan geschmiedet und vor lauter Reden fahren die beiden beinahe eine blonde Frau (Karen Blaick) um, die den Zebrastreifen überquert. Die Kamera folgt dieser Frau. Sie ist die Entführerin von reichen, einflussreichen Männern - als Lösegeld für deren Freigabe verlangt sie wertvolle Brillanten. Doch auch sie arbeitet im Duett - der Juwelier Arthur Adamson (Willem Devane) ist ihr Partner. Währenddessen startet George seine Detektivarbeit, die er erstaunlich gut absolviert. Denn sehr schnell hat er auch schon Kontakt zum Tankstellenbesitzer Joseph Maloney (Ed Lauter), den eine sehr dunkle Verbindung mit dem verschollenen Neffen von Mrs. Rainbird verbindet...

 

Alfred Hitchcocks Alterswerk ist eine extrem elegante und lässige Thrillerkomödie, die in seiner Filmographie leider ein bisschen untergeht. Zu Unrecht - denn hier in diesem doppelbödigen Filmvergnügen orientierte er sich sichtlich an seinen 50er Jahre Erfolg "Immer Ärger mit Harry", der mit prachtvollen Bildern des indian Summer auch eine Leiche auf Wald und Wiese präsentiert. Der Unterschied seiner beiden Komödien liegt aber darin, dass "Familiengrab" von der Struktur her ein echter Suspence Thriller ist - allerdings mit dem Spass komische Protagonisten darin einzusetzen und mit "Plots" aufzuwarten, die aberwitzig und obskur bleiben. Aber gut: Ein Meister wie Hitch darf sich auch entscheiden von Zeit zu Zeit auf Erklärungen und Logik zu verzichten. Warum auf solche schönen unglaubwürdigen Situationen verzichten, wenn man sie doch einfach präsentieren und zeigen kann ?
Nebenbei bietet auch "Familiengrab" unvergessliche Filmszenen vom Feinsten. Etwa dann, wenn George zum ersten Mal den Friedhof aufsucht, wo der Gesuchte "Edward Shoebridge" neben seinen Eltern begraben sein soll und Musik einsetzt als sich ihm von hinten ein geheimnisvoller Totengräber nähert. Auf dem gleichen Friedhof gibts noch ne tolle Einstellung bei einer Beerdigung, als sich die Wege von George und der Witwe des Toten kreuzen. Die Kamera filmt das Laufen der Beiden auf den Graswegen von oben. Es wirkt wie ein Labyrinth. Genial auch die Entführungsszene in der Kirche. Der gute alte Bischof Wood (William Prince) wird während des voll besetzten Gottesdienst aus der Kirche von unserem Diamantengeilen Duo entführt. Und alle bleiben auf der Kirchenbank sitzen - in einem Gottesdienst schickt sich es auch nicht sonderbare Menschen mit dem Bischof unter dem Arm zu verfolgen.
"Familiengrab" funktioniert auch deshalb, weil die vier Hauptdarsteller alle prächtig funktionieren. Nebn der liebenswürdigen und naiven Blanche, perfekt gespielt von Barbara Harris,  ist es aber vor allem Karen Black, die dem Film ihren Stempel aufdrückt. Als typische Hitchcock Blondine getarnt setzt die Brünette mit ihrer Optik Akzente. Sie braucht dazu nur die blonde Perücke, den schwarzen Mantel, den schwarzen Hut und die dunkle Brille.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.