Mittwoch, 7. Oktober 2015

Jakob der Lügner



Regie: Franz Beyer

Letzte Hoffnungen im Ghetto...

Regisseur Frank Beyer (1932 bis 2006) war einer der wichtigsten Regisseure der DEFA, insbesondere seine Romanverfilmungen "Nackt unter Wölfen" (1963), "Spur der Steine" (1966) und "Jakob, der Lügner" (1974) wurden zu wichtigen Klassikern der deutschen Filmgeschichte. 1991 erhielt der Filmemacher das Filmband in Gold des Deutschen Filmpreises für sein Lebenswerk.
"Jakob, der Lügner" schaffte es auch als erster und einziger DDR Film im Jahr 1977 eine Oscar-Nominierungen in der Kategorie "Bester ausländischer Film" zu bekommen, er musste sich aber am Ende durch die Elfenbeinküste, die mit Jean Jacques Annauds "Sehnsucht nach Afrika" ins Rennen ging, geschlagen geben. Immerhin war der Film auch in den USA so beliebt, dass Hollywood 1999 ein Remake mit Robin Williams in der Hauptrolle nachschob.
Es ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jurek Becker, der in seiner Geschichte die aufkeimende Hoffnung in einem namenlosen Ghetto des Jahres 1944 beschreibt. Ursprünglich sollte sogar Heinz Rühmann die Rolle von Jakob Heym übernehmen, doch dies gefiel Erich Honecker gar nicht und er setzte den tschechischen Schauspieler Vlastimil Brodsky durch, der seine Rolle aber auch vorzüglich gestaltete.
Vermutlich liegt es nahe, dass es sich bei dem namenslosen Ghetto um das Ghetto Lodz handelt, da es auch in Jurek Beckers Biografie eine große Rolle spielte. In diesem Ghetto im von den Deutschen besetzten Polen lebt Jakob Heym, der eines Abends von einem Posten aufgefordert wird sich im nahe liegenden Revier der Deutschen zu melden, da er die Ausgangssperre missachtet habe. Der Eintritt in dieses Revier ist zwar den Juden strengstens verboten, doch Heym soll sich dort auf Geheiß des Wachpostens die gerechte Strafe für dieses Vergehen abholen. Wer die Ausgangssperre missachtet, der wird erschossen. Doch soweit kommt es nicht. Der Wachhabende ist kein böser Mensch und lässt ihn laufen. Zumal es erst kurz nach 1/2 8 ist. Aber Jakob hat beiläufig aus einem Radio gehört, dass die rote Armee bereits bis kurz vor die Stadt Bezanika vorgerückt ist. Diese hoffnungsvolle Nachricht stimmt ihn hoffnungsvoll. Denn die Lage der hier eingepferchten Juden wird zunehmend aussichtsloser. Selbstmorde sind an der Tagesordnung. Jakob kümmert sich auch rührend um die 8jährige Waise Lina (Manuela Simon), die bei ihm auf dem Dachboden lebt. Er selbst arbeitet mit anderen Ghetto Bewohnern zusammen auf dem Güterbahnhof. Sein Arbeitskollege Mischa (Henry Hübchen) ist mit der hübschen Rosa Frankfurter (Blanche Kommerell) befreundet, die noch bei ihren Eltern (Dezso Garas/Zsuzsa Gordon) lebt. Micha will Kartoffeln stehlen, da der Hunger so groß ist und versucht sie aus einem Container, der auf dem Bahnhof lagert, zu entwenden. Eine gefährliche Absicht, Jakob kann sie verhindern, indem er Mischa vom Vormarsch der Russen erzählt. Dieser glaubt ihm aber erst als Jakob ein Radio erfindet. Diese Notlüge hat aber Folgen. Denn der Besitz eines Radios ist den Juden im Ghetto bei Todesstrafe verboten. Mischa hat auch das Herz auf der Zunge und erzählt im Ghetto von Jakobs geheimen Besitz. Die Nachricht verbreitet sich rasend schnell, sodass Jakob bereits beim Mittagessen des gleichen Tages von seinem alten Freund Kowalski (Erwin Geschonneck) angesprochen wird. Obwohl das Radio, das gar nicht existiert, gefährlich ist und möglicherweise auch Durchsuchungen im Ghetto zur Folge hat, wird es dennoch zum Hoffnungsschimmer...


 Der Film wirkt leise und bescheiden. Aber durch die bedrückende Atmosphäre wird der Film immer stärker, je länger er läuft. Es sind vor allem auch die Darsteller, die den Film tragen. Dabei geben der Tscheche Vlastimil Brodsky als Jakob Heym und Erwin Geschonneck als Jakobs Freund Kowalski eine besonders gute Vorstellung. Letzterer wird zu einer völlig tragischen Figur, der voll auf die Zeichen der Hoffnung springt und umso drastischer einen Weg wählt als die Realität die Ghettobewohner wieder einholt. Gespenstisch wirkt die Räumung einer Straße des Ghettos, die Menschen laufen mit ihrem 5kg Gepäck die Straße entlang - hinein in die Züge. Auch am Ende sitzen wieder Menschen im Zug, auch wenn die Hoffnung bereits tot scheint, flackert sie am Himmel wieder auf. Ein tief wirkender und  zutiefst menschlicher und bewegender Film.


Bewertung: 8 von 10 Punkten.

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