Dienstag, 15. März 2016

Das Märchen der Märchen



Regie: Matteo Garrone

Das Pentameron...

Wer kennt sie nicht: Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1812), die Märchen von Hans Christian Andersen oder die Sagen und Märchen von Ludwig Bechstein. Einer der frühesten Märchensammler war aber der Italiener Giambatista Basile (1575-1832).
Basiles Schwester gab sein Hauptwerk erst nach dessen Tod zwischen 1634 und 1636 heraus, der Titel war "Das Märchen der Märchen". Ab 1674 wurde diese Sammlung in "Das Pentameron" umbenannt.
Die Handlungen schöpfte Basile aus volkstümlichen und orientalischen Überlieferungen sowie der griechischen Mythologie. Jacob und Wilhielm Grimm entdeckten mehr als 150 Jahre später viele Ähnlichkeiten zu den vn ihnen gesammelten mündlich tradierten Stoffen. Immerhin finden sich bei Basile die ersten vollständigen Fassungen der uns bekannten Märchenklassiker wie "Aschenputtel", "Der gestiefelte Kater", "Schneewittchen" oder "Der Froschkönig". Basiles Erzählweise ist spielerisch barock geprägt mit vielen Allegorien, Wortspielen, Witz und auch etwas derbem Humor.
Matteo Garrone, der Regisseur des preisgekrönten Mafia-Episodenfilm "Gomorrha" (Europäischer Filmpreis 2008 als bester Film des Jahres, Regie und Drehbuch), hat sich nun an dieser literarischen Vorlage orientiert und zeigt 3 dieser magischen Geschichten. Vermutlich wird er die Erwartungshaltung einiger Zuschauer damit enttäsuchen, wenn diese ein Hollywood gerechtes Disney Märchen erwarten, also merklich harmonisiert oder geglättet und vielen fiesen Eigenheiten des europäischen Märchens beraubt. Wer also Blockbuster wie "Hänsel und Gretel Hexenjäger", "Red Hood Riding", "Maleficent" oder "Snow White and the Swordsman" als das Non Plus Ultra in Sachen Märchenverfilmungen ansieht, der wird vermutlich Garrones Film sperrig oder spröde, für ein Märchen gar zu brutal halten - alle Anderen dürfen sich auf ein echtes Meisterwerk freuen. "Das Märchen der Märchen" ist ein überwältigender Film, der mich völlig begeistert hat und der endlich ein Element beinhaltet, was die US-Produktionen bei aller Perfektion und schönen Bildern und publikumsgerechten Effekten vergaßen: Die Magie.
Ein tolles Erlebnis für den anspruchsvollen Zuschauer, der sich mit diesem Film nicht nur ein Märchen genussvoll ansieht, sondern darüberhinaus tatsächlich in eine andere Zeit katapultiert wird, ganz nach dem Motto "Es war einmal vor langer Zeit..."
Drei Burgen, drei Königreiche und darum auch drei Geschichten. Die Geschichte werden nicht der Reihe nach erzählt, sondern Garrone nimmt immer wieder einen Szenenwechsel in die andere Geschichte vor. Alle drei Geschichten sind wunderschön, poetisch, etwas traurig und melancholisch. Die königin von Longtrellis (Salma Hayek) ist unglücklich, auch die Hofnarren, die ihr Gemahl und König (John C. Reilly) zur Aufheiterung schauspielern lässt, machen die Frau nicht fröhlich, denn sie wünscht sich nichts so sehr als ein Kind. Dieses Kind wird ihr von einem Geisterbeschwörer (Franco Bistoni) versprochen. Der König muss aber vorher ein Seeungeheuer bezwingen und das Herz des Monsters muss von einer jungfräulichen Magd gekocht werden, dass dann von der Königin gegessen werden soll. In dieser Nacht gebären zwei Frauen ein Kind und beide sehen sehen aus wie Zwillinge. 16 Jahre später ist der Königssohn Elias (Christian Lees) immer noch unzertrennlich mit seinem Freund Jonah (Jonah Lees), der Sohn der Magd (Laura Pizzirani). Doch die Königin möchte die Freundschaft verbieten.
In der 2. Geschichte verliebt sich der König von Strongcliff (Vincent Cassel), ein Schützenjäger vor dem Herrn, in den Gesang einer holden Jungfrau - zumindest glaubt er das. Denn er konnte die Schönheit nicht genau von der Burgspitze erkkennen. Er macht ihr den Hof, ohne zu wissen, dass Dora (Hayley Carmichael),  sein Objekt der Begierde eine betagte Alte ist, die mit ihrer schwester Imma (Shirley Henderson) einen gewagten Plan fasst. Dabei will es die Geschichte, dass Dora sprichwörtlich in einen Art Jungbrunnen (Stacy Martin) fällt. Die 3. Geschichte ist die vielleicht skurrilste ist. Wohl auch deshalb, weil der König von Highills (Toby Jones) ein sonderbarer Vogel ist, der einen Floh großzieht, der immer größer wird und den er heimlich vor der Öffentlichkeit versteckt. Irgendwann stirbt das ominöse Haustier, genau zu der Zeit als seine Tochter Prinzessin Violet (Bebe Carver) sich vermählen möchte. Doch wo ist der Traumprinz ? Der Vater schmiedet einen Plan, damit er seine Tochter noch länger für sich behalten kann und veranstaltet ein Turnier, bei dem der Sieger die Tochter zur Frau haben kann. Die Freier müssen erraten welchem Tier die Haut gehört, die er ihnen zeigt. Natürlich ist es äusserst unwahrscheinlich, dass jemand die richtige Antwort "Floh" errät. Doch ein menschenfressender Oger (Guillaume Dellanay) hat einen guten Geruchsinn...
 


Am Ende treffen sich die Geschichten in der Schluss-Sequenz, die wie alles vorher äusserst edel und erlesen ist und stimmungsvoll und atmosphärisch zu Ende geht. Selten gab es in den letzten Jahren einen ähnliche guten Historienfilm, auch wenn es sich nicht auf einen realien Hintergrund bezieht, sondern in den Geschichten schwelgt, die man sich vor langer zeit erzählte...als jedes Haus noch einen Hausgeist hatte. Es war einmal. Garrones Film gehört jetzt schon zu den großen Filmen dieses Jahres.




Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.

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