Mittwoch, 2. Mai 2018

Die Nonne

























Regie: Jacques Rivette

Suzanne Simonin, die Nonne von Diderot...

Jacques Rivettes "Die Nonne" aus dem Jahr 1966 ist ein Film, den der Filmfreund im Lauf der Zeit irgendwie aus dem Gedächtnis verloren hat, obwohl der Stoff - baiserend auf dem Roman "La Religieuse" von Denis Dideron - im Jahr 2013 noch einmal von Guillaume Nicloux verfilmt wurde. 
Der Roman erschien in Frankreich im Jahr 1796, zwölf Jahre nach seinem Tod.  Der Autor erzählt die Geschichte der Suzanne Simonin, eine Frauenfigur, die wahrscheinlich eine gewisse Ähnlichkeit aufweist als seine Schwester Angelique (1720 - 1749), die sehr früh schon einem Ursulinen-Orden beitrat und dort bereits in jungen Jahren im Zustand der psychischen Verwirrung verstarb.
Rivette verfilmte den Stoff in einem sehr kargen und strengen Gewand - hinter den Klostermauern erscheint das Leben Grau in Grau. Lediglich in den hoffnungsvollen Momenten der Geschichte verändert sich auch der Farbton, es erscheint für kurze Zeit alles irgendwie lebendiger und farbiger.
Dabei ist die Geschichte in vielen Hinsichten sehr interessant. Der Roman ist ein Werk der Aufklärung und richtet sich gegen die Bigotterie und den Aberglauben jener Zeit, aber auch die religiösen Institutionen müssen sich eine vernichtende Kritik gefallen lassen. Man muss aber kein moralisch anklagendes Werk erwarten, denn der Gottesglaube - intim und individuell - wird positiv dargestellt.
Desweiteren ist "Die Nonne" auch ein Plädoyer für die Rechte des Einzelnen, für das Recht auf Selbstbestimmung, für das Recht der Frau - in einer Zeit, in der Knechtschaft und Zwang allgegenwärtig war und die Menschen Regeln und Normen unterworfen werden, die gar nicht hinterfragt werden.
Der Film beginnt um 1750 mit dem Bild einer jungen Frau namens Suzanne (Anna Karina), die sich in einem Hochzeitskleid vorbereitet, das Gelübde der Keuschheit, des Gehormams und der Armut abzulegen - die junge Frau soll Nonne werden. Aber im letzten Moment weigert sich die junge Frau, denn sie fühlt sich trotz starkem Glauben nicht zu diesem Leben berufen. Ihre Eltern (Charles Millot, Christiane Lenier) sind fassungslos, denn als dritte Tochter des Hauses ist keine Aussteuer mehr vorhanden. Daher soll Suzanne auch gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt werden. Nach diesem Skandal wird Suzanne im Haus der Eltern kurz gehalten und man versucht sie mit allen Mitteln umzustimmen. Die Mutter erzählt ihr auch noch, dass sie aus einem Fehltritt und aus der Sünde hervorging und der Mann, den sie bislang Vater nannte ist nicht der leibliche Vater. Über diesen Mann gibt die Mutter aber keine Auskunft, sondern suggeriert ihrer Tochter noch, dass sie eine Mitschuld aus dem Seitensprung in sich trägt und die Mutter nur zur Ruhe kommt, wenn sie weiß, dass das Kind sein Leben der Kirche verschreibt. Aufgrund dieses psychischen Terrors willigt Suzanne ein zweites Mal ein das Gelübde abzulegen. Tatsächlich schafft sie diese Hürde, vor allem durch die Zuwendung, die ihr von von der herzlichen Äbtissin Madame de Moni (Micheline Presle) zuteil wird. Sie kann sich aber am Tag nach dem Gelübde gar nicht mehr daran erinnern, dass sie es ablegte. Als die Äbtissin stirbt, wird eine genauso junge Ordensfrau zu deren Nachfolgerin gewählt. Und Soeur Sainte-Christine (Francine Berge) ist mit diesem Amt auch sichtlich überfordert. Als Suzanne Kontakt mit einem Anwalt aufnimmt, der das Gelübde rückgängig machen soll, wird sie wegen diesem rebellischen Wesen von der neuen Oberin in sadistischer Weise gezüchtigt. Denn die glaubt, dass die Abkehr vom Kloster auf den Satan zurückzuführen sei und so wird Suzanne von den anderen isoliert, sie dürfen auch nicht mit der Sünderin sprechen und auch das Essen wird gestrichen. Sie isst die Abfälle der Anderen. Sie bekommt auch das Verbot auferlegt nicht mehr zu beten. Überzeugt, dass Suzanne besessen ist, darf sie auch von den anderen körperlich gezüchtigt werden. Doch dann gelingt es ihr immerhin in ein anderes Kloster versetzt zu werden. Dort scheint alles ganz anders zu sein. Die dortige Äbtissin Madame de Chelles (Liselotte Pulver) ist eine Frohnatur und hat gleich großes Interesse für Suzanne. Diese bemerkt aber auch gewisse Eifersüchteleien anderer Nonnen, weil die Äbtissin nur noch Augen für Suzanne zu haben scheint. Sie kann aber diese Zuneigung nicht richtig deuten. In der Beichte erfährt sie von einem Priester, dass Madame de Chelles Zuneigung sündhaften Charakter in sich trägt und sie solle sich hüten Nachts den Kontakt mit ihr zu suchen. Beichtvater Morel (Francisco Rabal) verhilft am Ende Suzanne zur Flucht. Doch auch in Freiheit geht die Leidensgeschichte weiter. Sie landet auf der Suche nach gütigen Menschen, die ihr weiterhelfen, in einem Bordell....



Das ist ein sehr starker Film von Rivette, der sogar im Jahr 1966 bei seinem Erscheinen, einen echten Skandal hervorrief. Damals hieß es "Ein blasphemischer Film, der die Nonnen entehrt" und die Politik stieg auch auf den Wunsch ein "dieses schändliche Machwerk" zu verbieten. Gleich nach der Premiere auf den Filmfestpielen in Cannes wurde Rivettes Film verboten und erst Monate später wieder freigegeben. Dabei ist Rivettes Film dieser eindringlichen Novelle ein echtes Meisterwerk im Genre der religiösen Filme und es täte gut daran, dass der Vatikan diesen wichtigen Film auch in seinen Filmkanon aufnehmen würde, denn er prangert nie den Glauben selbst an, sondern zeigt diesen als echten Anker im Leben der geschundenen Frau. Seine Kritik bezieht sich auf Tyrannei und Willkür und ist eine Aufforderung an die Kirche sein System selbstkritisch auf lebensfeindliche Tendenzen zu beleuchten. Ein wahnsinnig guter Film, den Arthaus hier für den anspruchsvollen Filmfreund hier ausgegraben hat. Hoffe sehr, dass die Arthaus Retrospektive wieder fortgesetzt wird.



Bewertung: 9 von 10 Punkten.

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