Sonntag, 3. November 2019

Der Wolfsjunge

























Regie: Francois Truffaut

Die tragische Geschichte des Victor von Aveyron...

"Der Wolfsjunge" (L´enfant Sauvage) aus dem Jahr 1970 ist einer von Francois Truffaut schönsten Filmen. Der Film schildert den historischen Fall des Victor von Aveyron (geb. um 1788, gestorben 1828 in Paris), der auch als "Der Wilde von Averyron" bekannt wurde. Der Junge war ein in Frankreich entdecktes "Wolfskind". Als er in einem Wald aufgegriffen wird, ist der wilde Junge (Jean Pierre Cargol) ungefähr 12 Jahre alt. Das Kind hat offenbar seit vielen Jahren wie ein Tier im Wald gelebt und benimmt sich auch wie ein Tier - nicht nur weil er unartikulierte Laute ausstößt. Der Fund im Wald bei Saint-Sernin-sur-Rance ist nicht nur im Department Aveyron eine Sensation. Alle wollen den Wolfsjungen sehen, der von Jägern eingefangen wurde. Er wird nach Paris gebracht, wo in der berühmte Psychiater Pinel (Jean Daste) untersucht und als "Idiot" in eine Irrenanstalt einweisen lässt. Der Arzt Dr. Itard (Francois Truffaut) ist allerdings anderer Meinung. Er glaubt felsenfest daran, dass der Junge nur durch den mangelden sozialen Kontakt zurückgeblieben ist. Er setzt auf Bildung, obwohl das Kind weder auf Geräusche oder optische Reize reagiert. Er kann jedoch den Psychiater davon überzeugen ein Experiment einzugehen. In einer harmonischen Umgebung soll der Junge sich an sein neues Zuhause in der Zivilisation gewöhnen, es langsam zu schätzen wissen und dabei zu lernen. Dr. Itard will ihm Begriffe von Gegenständen des Alltags beibringen mit dem Ziel in vielleicht sogar das Sprechen beibringen. Durch das strenge Lernpensum ist das Kind, das den Namen "Victor" bekommt, allerdings immer mal wieder überfordert. Itards Haushälterin Madame Guerin (Francoise Saigner), die den mütterlichen Part in der Erziehung übernimmt, findet ihren Arbeitgeber manchmal zu streng mit Victor. Sie kritisiert auch das rigorose Straf- und Belohnungssystem mit dem der Mediziner arbeitet. Der erste Begriff, den er sagen kann, ist "lait" (Milch). Durch eine ungerechtfertigte Strafe für Victor, glaubt er auch zu wissen, dass der Junge inzwischen eine Art Gerechtigkeitssinn entwickeln konnte...




Das Leben des Kindes in der Zivilisation hat nicht nur traurige Aspekte. Als der Junge flieht und einige Zeit nicht mehr auftaucht, ist die Überraschung groß, dass er doch irgendwann zurückkehrt. Hat das Kind also seine Heimat gefunden. Truffauts Film endet irgendwie unvollendet, weil der Regisseur es so wollte. Er hatte vor dem Zuschauer nahezubringen, dass Erziehung nie abgeschlossen sein kann. Victors Gefangennahme ist von äusserster Brutalitat, auch seine Sozialisierung durch einen Bildungsbürger hat manchmal den Anschein als würde man ein Tier dressieren. Trotz aller Bitterheit und Skepsis ist der Film dennoch von einer wunderschönen Poesie durchzogen - eine Höchstleistung des Regisseurs, wenn man bedenkt, dass die Machart sogar sehr dokumentarisch ist. Schöne Bilder von Nestor Almendros machen "L´enfant sauvage" zu einem der besten Filme des Jahres 1970.




Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

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