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Mittwoch, 2. September 2015

Lebewohl meine Konkubine

























Regie: Chen Kaige

Sehnsucht nach dem irdischen Leben...

Die Pekingoper "Lebewohl meine Konkubine" spielt zur Zeit der Machtkämpfe zwischen den Chu und den Han. Der König war damals überaus mächtig. Am Ende blieben ihm aber nur eine Frau und ein Pferd. Er wollte, dass seine Konkubine auch flieht. Aber sie blieb bei ihm. Ein letztes Mal goss sie ihrem Geliebten Wein ein, tanzte für ihn den letzten Schwerttanz und erstach sich danach mit dem Schwert. Sie blieb ihrem König treu ergeben bis in den Tod. Chen Kaiges Meisterwerk beginnt im China des Jahres 1977, kurz nach dem Ende der sogenannten Kulturrevolution. Auf einer Bühne trifft der Peking-Opernstar Cheng Dieyi (Leslie Cheung) nach 11 Jahren seinen ehemaligen Partner Duan Yialou (Zhang Fengyi) wieder. Beide Schauspieler haben ihr altes prächtiges Opernkostüm an, sind edel maskiert und geschminkt. Der eine als Mann und der andere als Frau. Der König und seine Konkubine. Der Hausmeister ist der einzige Zuschauer, erkennt aber die Stars sofort wieder. Dann tut sich für den Zuschauer in einer Rückblende die jüngste Geschichte Chinas auf. Es ist eine Geschichte von Diktatur, Bürgerkrieg und Revolution, vom Theater und vom Leben. Aber auch die Geschichte dieser beiden Männer, die sich schon seit ihrer Kindheit kennen und miteinander befreundet sind. Damals noch als Schauspielschüler Shitou (Kind: Fei Yong/Teenager: Zhao Holong) und Douzi (Kind: Ma Mingwei/Teenager: Yin Zhi). Letzterer wird zuerst von Meister abgelehnt, da er wenig Talent bei dem sensiblen Jungen wahrnimmt und auch einen sechsten Finger an dessen Hand. Die Mutter (Wenli Jiang) trennt ihn kurzerhand mit einem Messer ab. Der Junge soll es besser haben. Und die Lehrer sagen tatsächlich "Ihr habt bei uns das große Los gezogen" - die Realität wird aber bestimmt durch unmenschliche Prügel und Foltermethoden. Mit Ziegelsteinen werden die Beine auseinandergerissen, damit der Spagat gelingt. Jeder falsche Schritt ein Schlag und auch für den falschen Text, den Douzi immer wieder aufsagt "Die kleine Nonne ist eben erst 16 geworden und ihr langes und sehr hübsches Haar ist ihr von der Meisterin abgeschnitten worden, ich bin eigentlich ein Jüngling und keine zarte Schönheit"...dabei müsste es "ich bin eigentlich eine zarte Schönheit und kein Jüngling, weswegen trage ich eine gelbe Kutte um die Hüfte" heissen. Doch dieser Satz will nicht über seine Lippen. Irgendwann, nach viel Tränen, viel Blut und mit Hilfe der glühenden Tonpfeife des Lehrers,  sitzt aber genau dieser Satz in höchster Vollendung und Perfektion und der kleine Schauspieler identifiziert sich immer mehr zu 100 Prozent mit seiner Rolle als Konkubine. Die beiden werden erwachsen und er wird sich schmerzlich bewusst, dass er seinen Freund Shitou liebt. Doch diese Liebe bleibt unerfüllt und wird nur auf der Bühne in der Form des tragisches Pekingopernstücks zelebriert. Diese Vorstellungen bedeuten dem Schauspieler aber alles. Doch Shitou lernt im Haus der Blüten die Prostituierte Juxian (Gong Li) kennen und nimmt sie zur Frau, was zu großen Spannungen zwischen den beiden Freunden führt....



Juxian braucht einen Beschützer, aber am Ende schützt sie die Männer voreinander und vor der Wirklichkeit„"Lebewohl meine Konkubine" erzählt neben der jüngsten chinesischen Geschichte (vom alten China der alten Generäle der zwanziger Jahre, den japanischen Besatzern, den Kuomintang, den Kommunisten und den Reformern ) auch eine komplizierte Dreieckstragödie zwischen einem Mann, einer Frau und einem Homosexuellen, der seine Sehnsüchte nie ausleben kann und daher eine Besessenheit für seine Rolle wählt. In diesen Zeiten der vielen Umstürze und ständigen gesellschaflichen Wandlungen ist es schwierig für die Schauspieler neutral zu bleiben. Sie werden sich immer wieder politisch positionieren müssen, der Künstler muss zur "Hure" werden, wenn er überleben will. Besonders beängstigend ist eine der Schlußszenen, während die Kostüme der Schauspieler im Feuer lodern und die Akteure öffentlich als Verräter vorgeführt werden. Die Kulturrevolution wird inszeniert als eine flammende Inquisition. Das Propagandarot der Fahnen und Straßenumzüge macht richtig Angst -die Hitze verzerrt die Masken, die die Angeklagten tragen müssen, zu hysterischen Fratzen. Die Freunde werden einander zu Monstern und so werden die Verratenen selbst zu Verrätern. Am Ende kann nur der Tod die Erlösung bringen.
Chen Kaiges Film entstand 1993 und bekam im gleichen Jahr in Cannes die Palme D´Or zugesprochen. Es folgte eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film, musste sich allerdings von Fernando Truebas "Belle Epoque" geschlagen geben. Besser liefs bei der Golden Globe und BAFTA Verleihung. Dort konnte der Film den begehrten Preis als bester Auslandsfilm gewinnen. Veredelt wurde das Meisterwerk zustätzlich durch die geniale Kameraarbeit von Gu Changwei. Für mich ist das 171 Minuten lange morbide Epos einer der besten Filme der 90er Jahre.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Sonntag, 2. August 2015

La Mala Education - Schlechte Erziehung


























Regie: Pedro Almodovar

Alles über Angel....

 Fünf Jahre nach seinem größten Filmerfolg "Alles über meine Mutter" (Oscar, Golden Globe, BAFTA, Cesar, Felix u.a.) drehte Pedro Almodovar einen seiner ungewöhnlichsten und sicherlich einer seiner besten Filme. "La Mala Education - Schlechte Erziehung" bezieht nicht nur eine hohe Wirkung aus seinem verschachtelten Aufbau dreier gleichwertiger Moskaiksteine, die alle in verschiedenen Zeitebenen spielen, sondern es ist auch das einzige Werk im Repertoire des spanischen Meisterregisseur mit ausschließlich männlichem Darstellerensemble. Sehr ungewöhnlich also für einen Filmemacher, der sich vor allem als "Frauenregisseur" einen großartigen Namen machen konnte. In den drei besagten Zeitebenen lernen wir die Protagonisten der Geschichte kennen. Diese Ebenen wechseln sich immer wieder ab, Almodovar erzählt die Geschichte über den sexuellen Mißbrauch von Minderjährigen in den Mauern einer spanischen Klosterschule zur Zeit des Franco Regimes nicht chronologisch. Durch den abrupten Wechsel in die Zukunft von Opfer und Täter gelingt es ihm umso eindringlicher den giften Keim dieses Geschehens in der ganzen Tragweite zu erfassen und mit dem dunklen Kindheitsgeheimnis die Konsequenzen und Dynamiken zu präsentieren, welche Bahn dieses Schicksal nehmen wird.  Durch das Manuskript "Der Besuch", dass der bekannte Filmregisseur Enrique Goded (Fele Martinez) irgendwann im Jahr 1980 in Madrid erhält, sind die Tore in die Kindheitsvergangenheit des Regisseurs und seines Besuchers, einem mittellosen Schauspieler (Gael Garcia Bernal), geöffnet. Dieser Mann behauptet nämlich Enriques ehemaliger Schulfreund Ignacio zu sein und bietet ihm diese selbstverfasste autobiografische Erzählung als potentiellen Filmstoff an. Enriques Interesse ist geweckt, denn die Geschichte erzählt von der gemeinsamen Vergangenheit mit diesem Ignazio (Nacho Perez) seinem besten als er noch Schüler (Raul Garcia Forneiro) im Kloster war.  Hinter diesen Klostermauern trugen sich schrecklichd Verbrechen an den Schutzbefohlenen zu. Vor allem hatte es der diabolische Padre Manolo (Daniel Gimenez Cacho/ später Lluis Homar) auf den engelhaften Ignacio abgesehen. Allerdings ist Enrique von seinem Besucher, der sich jetzt "Angel" nennt und vorgibt Ignacio zu sein,  mehr als irritiert, denn sein Gefühl sagt ihm, dass der attraktive Typ niemals sein geleibter Freund aus Kindertagen sein kann. Deshalb beginnt er Nachforschungen anzustellen. Und dabei stößt er immer mehr auf ein großes Gestrüpp aus Lügen, Verstellungen, Betrug, Intrigen, Erpessung. Am Ende dieser Geschichte steht sogar ein Mord an einem Drogensüchtigen (Francisco Boira)....




Raffiniert aufbereitet durch diese verschachtelte Erzählweise. Dabei liefert auch der mexikanische Schauspieler Gael Garcia Bernal, der bereits vor dieser Rolle durch großartige Filmrollen in "Amores Perros", "Y tu mama tambien" oder "Die Versuchung des Padre Amaro" auf sich aufmerksam machte, eine glänzende und schillernde Rolle. Einerseits ist er der männliche attraktive Typ, andererseits präsentiert er sich auch im Fummel mit Make up und lebt seine Illusion als "Ignacio". Seine Motivation ist ein übertriebener Ehrgeiz, der für seine Ziele irgendwann alle Skrupel verliert. Während im Appartment des Bruders sich eine tödliche Katastrophe durch eine gezielte Überdosis ereignet, vergnügen sich die zwei Verursacher in einem Kino. Dort läuft gerade "Frau ohne Gewissen", der berühmte Film Noir Klassiker von Billy Wilder. Als die beiden den Saal verlassen, sagt Manuel Berenguer, der seinem jungen Begleiter Juan regelrecht verfallen ist "Es ist, als erzählten alle filme von uns". Nicht nur aus diesem Grund sahen viele Filmfans "La Mala Education" als eine Art Wiedergeburt des Film Noir an.
Erwähenswert ist auch die Erzählweise, mit der Almodovar uns diesen bitteren Stoff verkauft...es erscheint alles irgendwie schwerelos leicht. Doch unter dieser unbefangenen Oberfläche, wo fröhliche Kinder mit engelsgleicher Stimme "Moon River" singen, ist auch das Böse angelegt. Die Repressionen im katholischen Klosterinternat kannte Almodovar aus eigener leidvoller Erfahrung.



Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Freitag, 10. Juli 2015

Birdman




















Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu

If I can make it there, I'll make it anywhere....

Von den 9 Oscarnominierungen, die Alejandro Gonzalez Inarritus Schauspieler- und Theaterfilm "Birdman" erreichen konnte, waren insgesamt 4 davon siegreich. Neben dem besten Originaldrehbuch, der besten Kameraarbeit (Emmanuel Lubezki) und der besten Regie (Innarritu) gewann der Film auch den Hauptpreis und ist nun "bester Film des Jahres".
Natürlich ist da schon auch ein bissel Kalkül dabei, denn Kenner der Academy Szene wissen ja, dass gerade die Schauspieler selbst mit einem imposanten Anteil von ca. 30 % ja auch die größte Gruppe der Akademie-Mitglieder stellen und dies ist war für den Ausgang der Oscarwahl nie unerheblich. Die Dominanz der Schauspieler sorgt auch für die Triumphe der Schauspielerfilme. Eine Grund warum es Genrefilme dann doch etwas schwerer hatten. "Birdman" ist von seiner Thematik her eine Steilvorlage für alle Darsteller, die das Gefühl haben, durch ihr professionelles Können die Welt verändern zu können und die aber auch denken, dass ihre Leistung noch nie so richtig gewürdigt wurde. Der unverstandene Schauspieler....und mit der Hauptfigur Riggan Thomson schickt nun der mexikanische Top-Regisseur eine tragische Gestalt ins Rennen, die all diese Emotionen verkörpert. Thomson hat es im Filmgeschäft geschafft. Dies verdankte er einer Comicverfilmung, die den Namen "Birdman" trägt und zum Blockbuster wurde. Thomson war dieser "Birdman" und wurde auf einen Schlag berühmt, der Erfolg zog 2 Fortsetzungen nach sich. Freilich war es aber so, dass er mit einer solchen Rolle, die von der Technik des Films dominiert wird und bei den ganzen BumBumEffekten irgendwie untergeht, nie wirklich als Schauspieler überzeugen konnte. Dies ist aber die größte Antriebsfeder des Mannes, der nun vor seiner größten Herausforderung steht: Er kann in Kürze am Broadway beweisen, dass er mehr kann als Comicheld zu sein. Sein bester Freund Jake (Zach Galifianakis) produziert die Bühnenadaption der Kurzstory "What we talk about when we talk about Love" des Autors Raymond Carver und Riggan darf sich als Regisseur, Autor und Hauptdarsteller des Projekts profilieren. Alle sind aufgeregt, auch die Schauspielerkollegen (Naomi Watts, Amanda Riseboroughs). Doch kurz vor der Premiere fällt einer der Darsteller einer Sabotage zum Opfer und als Ersatz kann man den beliebten Broadway-Schauspieler Mike Shiner (Edward Norton) verpflichten, der sich aber als ausgesprochen schwierige Diva erweist. Mit seiner Egozentrik "der beste Schauspieler der Welt zu sein" könnte er den Rahmen sprengen und versuchen dem Hauptdarsteller Riggan die Show zu vermasseln, der ja selbst die Rolle seines Lebens spielen will. Als Produktionsassistentin arbeitet Riggans Tochter Sam (Emma Stone) mit im Team, die Beziehung zwischen ihrem Vater hat aber auch gewisse Problemfelder vorzuweisen. Die einflussreiche Times Kritikerin Tabitha Dickinson (Lindsay Duncan) will jedenfalls eine verncihtende Kritik schreiben, egal wie gut die Vorstellung sein wird. Denn sie hasst es, dass untalentierte Prominente sich als Schauspieler ausgeben....


der Film begleitet die Protagonisten während der Probewoche und es ist vor allem auch eine Wahnsinnsleistung des Kameramannes Emmanuel Lubetzki, der hier ganz nah und ganz eng am Geschehen bleibt und seine Kamera den kleinen, engen Gängen des Theaters folgt, hinein in die Garderoben der Schauspieler, dann wieder nach draußen in dem Technikbereich und schon sind wir auf der Bühne, der Zuschauer läuft sozusagen immer mit der Kamera mit. Auch in einer großartigen Szene, in der Michael Keaton am Hintereingang des Theaters eine Zigarette rauchen will und ihm zufällig die Türe vor der Nase zufällt. Ein Teil seines roten Morgenmantels hat sich in der Tür verfangen und so bleibt ihm nichts anderes übrig - nur mit Slip begleitet - ein bisschen am umtriebigen Broadway herumzulaufen bis zum Haupteingang des Theaters. Natürlich sorgt sein Lauf in Sekundenschnelle für den größten Aufruhr und für ein Riesenthema auf Youtube und Twitter. Innaritu verlieht seiner Hauptfigur ganz beiläufig ein paar nicht ganz alltägliche Fähigkeiten...er kann fliegen und er kann Gegenstände bewegen, aber dies nur am Rande. Ansonsten ist dieser Probebericht herrlich verrückt eingefangen und Innaritu gelingt es einen würdigen Nachfolger für Joseph L. Mankiewiczs "Alles über Eva" zu erschaffen, den vielleicht besten Film übers Theater überhaupt. Somit ist - trotz der Schauspielerdomianz - die Vergabe des Oscars nicht ganz überechtigt. Der Film "Birdman" ist fantastisch inszeniert und zieht den Zuschauer - sehr schwarzhumorig - immer mehr in einen Sog hinein, der bis zum Schluß echt begeistert. Das mexikanische Regiewunderkind hat bislang keinen schlechten Film gemacht, alle seine Arbeiten waren beeindruckend. "Amores Perros" und "Babel" zähle ich sogar zu den besten 10 Filme der letzten Dekade. Und "Birdman" steht diesen Meisterwerken in nichts nach. Dickes Lob auch an das gesamte Schauspieler-Ensemble, allen voran Michael Keaton mit einer Galavorstellung. Hat der Regisseur ihn deshalb als Hauptdarsteller rausgesucht, weil er ja tatsächlich ein Opfer von "Batman" geworden ist ?


Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.