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Sonntag, 7. Juli 2024

Edipo Re


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Pier Paolo Pasolini

Das unerbittliche Schicksal...

Mit den Filmen "Medea" (1969) und "Edipo Re" (1967) verfilmte Pier Paolo Pasolini zwei Stoffe aus der griechischen Mythologie. Historische Stoffe faszninierten den italienischen Filmemacher, der am 2. November 1975 gewaltsam zu Tode kam. Dieser Mord hinterlässt bis heute ungeklärte Fragen.
Kameramann in "Edipo Re" war giuseppe Ruzzolini (Teorema, Todesmelodie, Erotische Geschichten aus 1001 Nacht) und seine Leistung in dieser filmischen Interpretation des Dramas "König Oedipus" des griechischen Tragödiendichters Sophokles kann man als phänomenal bezeichnen. Zu diesen atmosphärischen Bildern trägt natürlich auch der Drehort in Marokko bei, was der Geschichte zusätzlich sehr viel Poesie verleiht. Ein weiterer Verstärker für eine gelungene Atmosphäre findet sich in der Filmmusik, die größtenteils aus rumänischer Volksmusik besteht.
Pasolini wählte diese Musik aufgrund ihres mehrdeutigen Klangs und ihrer Sprache. Ursprünglich wollte er den Film in Rumänien drehen, da er der Meinung war, dass dies ein guter Ersatz für das antike Griechenland wäre, aber er musste aus politischen Gründen dieses Vorhaben aufgeben. Ich wollte Musik, die ahistorisch und zeitlos ist. Andere verwendete Musik ist das japanische Gagaku-Thema und das indonesische Kecak. Antonio Fusellis Marcetta Bandistica eröffnet und beendet den Film ebenfalls. Mozarts Streichquartett Nr. 19 in C-Dur KV 465 dient als Thema der Mutter. Es wird gespielt, um die Mutter in der Szene aus den 20er Jahren vorzustellen, und wird vom blinden Propheten Tiresias mehrere Male auf der Flöte gespielt. Es erinnert an Ödipus' Kampf mit Iokaste und das verborgene Wissen um seine eigene Geburt. Otto Stranskys Tango In Santa Lucia wird in der Eröffnungsszene gespielt, die in den 1920er Jahren spielt. Am Ende des Films spielt Ödipus sowohl das Gagaku als auch das Widerstandslied Trauermarsch von 1905 auf seiner Flöte.
Einem jungen Paar im Vorkriegsitalien wird ein Sohn geboren. Das Kind öffnet zum ersten Mal die Augen, sieht seine liebevolle Mutter und saugt an ihrer Brust. Der Vater ist eifersüchtig und glaubt, das Kind werde seiner Frau die Liebe nehmen und ihn zurück ins Nichts schicken. Der Soldat nimmt das Baby mit in die Wüste, wo es ausgesetzt wird. An diesem Punkt wechselt die Handlung des Films in die antike griechische Welt. Das Kind wird gerettet und zum König von Korinth, Polybus (Ahmed Belchachmi), und zur Königin Merope (Alida Valli) von Korinth gebracht und wie ihr eigener Sohn aufgezogen, da sie unfruchtbar sind. Das Kind erhält den Namen Ödipus (Franco Citti). Er wächst in dem Glauben auf, er sei der leibliche Sohn von Polybus und Merope. Eines Tages, als er bei einem Sportspiel betrügt, nennt ihn ein wütender Klassenkamerad ein Findelkind, was ihn wütend macht. Dies quält und verwirrt ihn innerlich und plagt ihn mit schlechten Träumen und einem Gefühl des Unheils. Er bittet seine Eltern, das Orakel von Delphi aufzusuchen, um die Meinung des Gottes Apollon zu erfahren. Er reist allein zum Orakel. Das Orakel sagt ihm, dass es sein Schicksal sei, seinen Vater zu töten und mit seiner Mutter zu schlafen. Sie lacht ihn aus und sagt ihm, er solle verschwinden und die Menschen nicht mit seiner Anwesenheit anstecken. Ödipus verlässt das Orakel und beschließt, nicht nach Korinth zurückzukehren. Er wählt absichtlich willkürlich die Richtung, während er durch die Wüste wandert. Als er die heilige Straße des Apollon entlanggeht, wird er von einem Wagen und einigen bewaffneten Soldaten aufgehalten. König Laios (Luciano Bartoli), der auf dem Wagen sitzt, behandelt Ödipus wie einen Bettler und befiehlt ihm, von der Straße abzuweichen. Ödipus schleudert einen riesigen Stein und bricht einem der Soldaten die Beine. Er rennt taktisch davon, Soldaten im Nacken. Ödipus tötet dann einen Soldaten nach dem anderen, bevor er zum Wagen zurückkehrt, wo er König Laios und den verwundeten Soldaten tötet. Laios‘ Diener rennt weg und überlebt. Nach einer nicht näher bestimmten Zeit stößt Ödipus auf umherziehende Gruppen von Vertriebenen, die vor der Sphinx fliehen, die das Land Theben terrorisiert. Sie hat so viele Tote verursacht, dass Königin Iokaste (Silvana Mangano) versprochen hat, jeden zu heiraten, der sie töten kann. Ödipus stößt die Sphinx in den Abgrund, während die Sphinx ihn vor dem Abgrund warnt, der in seinem Inneren lauert. Der triumphierende Ödipus wird mit Königin Iokaste verheiratet, die, ohne dass er es weiß, seine leibliche Mutter ist. Nachdem Ödipus zum König ernannt wurde, bricht eine Seuche aus und tötet einen Großteil der Stadt. Ödipus schickt seinen Schwager Kreon (Carmelo Bene) zum Orakel, um Neuigkeiten darüber zu erhalten, wie man sie stoppen kann. Kreon kehrt zurück und sagt ihm, dass der Mörder von König Laios vor Gericht gestellt werden muss, damit die Seuche endet. Ödipus lässt den blinden Propheten Tiresias (Julian Beck) rufen, um den Namen des Mörders herauszufinden. Tiresias zögert zu sprechen, weil er weiß, dass es sowohl ihm als auch Ödipus schaden würde. Ödipus drängt ihn weiterzureden und Tiresias sagt ihm, dass Ödipus der Mörder ist. Ödipus verbannt ihn aus der Stadt, weil er glaubt, sein Schwager Kreon habe ihn dazu angestiftet, um den Thron zu stehlen. Jocaste enthüllt Ödipus, dass Laios an der Kreuzung von Apollos heiliger Straße getötet wurde. Sie sagt ihm auch, dass das Orakel schon einmal falsch gelegen hat. Das Orakel sagte voraus, dass Jocastes Sohn seinen Vater töten würde, also ließ sie ihn in der Wüste töten. Ödipus erkennt entsetzt, dass sich die Prophezeiung des Orakels erfüllt hat und dass Jocaste und Laios seine leiblichen Eltern sind. Der alte Diener, der Ödipus in die Wüste gebracht hat, wird gerufen und gesteht ihm die Wahrheit. Jocaste begeht Selbstmord durch Erhängen und Ödipus blendet sich. Dann wechselt die Szene erneut ins moderne Italien, wo Ödipus und Angelo (Ninetto Davoli) Flöte spielend von Stadt zu Stadt ziehen. Ödipus kehrt auf die Wiese zurück, auf der er als Kind zum ersten Mal die Augen öffnete, und findet Frieden....









Diese griechische Tragödie wurde 428 v. Chr. von Sophokles geschrieben und erstmalig am Wettbewerb der internationalen Filmfestspiele in Venedig gezeigt. Es ist ein weiterer sehr beeindruckender, jedoch wenig bekannter Film von Pasolini. Seine Adaption strotzt von archaischer Vitalität, die auch seine nachfolgende Erotik Trilogie "Decamerone", "Pasolinis tolldreiste Geschichten" und "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" auszeichnete und sie so faszinierend auf den Zuschauer wirken ließ.








Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Montag, 2. März 2020

Medea


























Regie: Pier Paolo Pasolini

Grausame Rache...

"Medea" ist ein Film von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1969 und wirkt auf den interessierten Zuschauer geheimnisvoll und magisch. Für die Hauptrolle der Medea wählte er die Opernsängerin Maria Callas. "Sie ist eine Frau, in gewisser Hinsicht die modernste aller Frauen, aber in ihr lebt auch eine Frau der Antike" - so seine Begründung für die ungewöhnliche Besetzung. Pasolini hat einige Filme mit historischen Hintergrund realisiert - alle diese Werke sind ausgesprochene Bilderfilme und auch der antike Stoff nach Euripides lebt von dieser faszinierenden Bildsprache. Dem Kameramann Ennio Guarnieri (Bruder Sonne, Schwester Mond, Ginger und Fred, Der Garten der Finzi Contini) ist diese atmosphärische Bildsprache zu verdanken. Auch die Kostüme (Piero Tosi) und Ausstattung (Dante Ferretti) sind perfekt, weil auch hier ein großer Wert auf die Authentizität gelegt wurde.
Pasolini bearbeitete diesen altgriechischen Mythos sehr frei, den Euripides im Jahr 431 v. Christus schrieb. "Medea" ist allerdings kein leichter Stoff, da der Regisseur eine fragmentierte Erzählstruktur wählte. Er wollte sich durch diese sprödere Machart der leichten Konsumierbarkeit enziehen, wurde allerdings durch ein mageres Ergebnis an der Kinokasse bestraft. Dennoch ist es eine Freude dieses Fest der Bilder zu erleben.
Es ist die Geschichte zweier unterschiedlicher Liebenden und auch die Geschichte zweier sich fremder Kulturen. Der Grieche Jason wächst als Kind rational und pragmatisch auf. Sein Lehrmeister ist der Zentaur Chirone (Laurent Terzieff). Als Erwachsener will er das Königreich seines Vaters zurückgewinnen. Doch der Herrscher, sein Onkel Creon (Massimo Girotti) verlangt, dass Jason das Goldene Vlies suchen und herbeischaffen muss. Dieses Vlies ist im Besitz des Königreiches Kolchis, das an der Ostküste des Schwarzen Meeres liegt. Medea (Maria Callas) ist nicht nur die Tochter des dortigen Königs Aietes, sondern auch eine Zauberin. In ihrem Volk ist es Brauch Menschenopfer den Göttern darzubringen. Kurz bevor Jason und seine Argonauten die Küste erreichen, wird dort ein Jüngling den Göttern geopfert. Seine Organe und sein Blut werden in einem rituellen Sparagmos über die Ernte gestreut. Das Opfer wird an eine Holzkonstruktion gebunden, getötet und zerstückelt. Die Bewohner düngen dann die Ernte mit seinem Körper und seinem Blut. Während Medea das heilige Vlies im Tempel anbetet, begegnet sie Jason. Sie verliebt sich sofort in ihn und hilft ihm das Vlies zu rauben. Damit verrät sie ihre Familie und tötet noch dazu ihren Bruder Absyrtos (Sergio Tramonti). Sie flüchtet mit Jason, doch in seiner Welt bleibt Medea eine Fremde. Auch Jason kommt nicht ans Ziel. König Kreon weigert sich sein Versprechen einzulößen. Medea und Jason zeugen gemeinsam Kinder. Doch als er aus Kalkül Clauze (Margareth Clementi), die hübsche junge Tochter von König Kreon heiraten will, übt die Verstoßene grauenvolle Rache....






Hier kommen dann Medeas Zauberkräfte zum Einsatz. Pasolini zeigt eindrucksvoll einen Clash der Kulturen. Medeas Welt ist archaisch und voller heidnischer Riten. Jasons Heimat Korinth wirkt dagegen viel moderner und aufgeklärter. Er entpuppt sich aber als skrupelloser Karrierist. Die kargen Landschaftsstriche der Türkei, Syrian und an der Adria - dort wurde der Film gedreht - fungieren ebenfalls als Seelenspiegel der Figuren. Maria Callas verkörpert in der Titelrolle eine rachsüchige Mörderin in dem Moment als sie den Typus der selbstbewussten, kämpferischen Frau hinter sich lassen konnte.






Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Sonntag, 19. Februar 2017

Salo oder die 120 Tage von Sodom

























Regie: Pier Paolo Pasolini

Einfangen, foltern, töten...

"Salo - Die 120 Tage von Sodom" ist Pier Paolo Pasolinis letzter Film. So gesehen ist dieser sehr umstrittene Skandalfilm auch sein Vermächtnis. In einem Interview sagte er "Salo wird ein grausamer Film sein. So grausam, das ich (so nehme ich an) mich zwangsläufig bald davon distanzieren muss, so tun, als würde ich das alles nicht glauben, als sei ich ganz starr vor Überraschung..." Damit lässt sich heraushören, dass er mit den ausgebreiteten Scheußlichkeiten und der perversen Widerwärtigkiet nicht nur Ekel hervorrufen wollte, sondern auch eine Erkenntnis. Die faschistische Ideologie und jede absolute Macht wollte er mit diesem Treiben entlarven - der Zuschauer sollte erkennen, dass ein solches System den Menschen nur ausnutzt, erniedrigt und kränkt und am Ende zerstört. Doch der Kinogänger des Jahres 1975 verlor die Kontrolle über diese fiesen und schockierenden Bilder, im Grunde wurde von der Mehrheit nur die "sexuelle Perversion" gesehen. Im Heimatland Italien wurde der Film verboten. In Deutschland lief der Film damals im Kino und es gab dauernd Berichte darüber, dass sensible Zuschauer den Saal verlassen musste, weil sie sich aufgrund der gezeigten Szenen übergeben musste. So hatte er bald den Ruf. Er wurde verboten, dann wieder erlaubt. Ein Hin- und Her der Anzeigen, einstweiligen Verfügungen, beschlagnahmten Kopien - schließlich landete er 1987 endgültig auf dem Index.
Der Filmtitel besteht aus "Salo" und "Die 120 Tage von Sodom" - daher sind zwei Themen miteinander verknüpft.  Salo war von 1943 bis 1945 die Hauptstadt der Repubblica Sociale Italiana von Mussolini unter der militärischen Protektion Deutschlands. Die "120 Tage von Sodom" ist ein Buch des Marquis de Sade, der sadisistische Sexualpraktiken von vier einflussreichen Franzosen beschreibt, die in einem zugemauerten Schloß an einem geheimen Ort Südwestdeutschlands während eines viermonatigen Aufenthaltes dort ausgelebt werden.
Der Film ist in die drei Sekmente "Höllenkreise der Leidenschaft", "Höllenkreis der Scheiße" und "Höllenkreis des Blutes" unterteilt, was an Dantes Inferno verweist. Also Faschismus...zuerst Leidenschaft, dann Scheiße fressen und schließlich im Blutbad enden.
Im Jahr 1944 beginnt die Geschichte. Fürst Blangis (Paolo Bonacelli), ein Monsignore (Giorgio Cataldi), Präsident Durvet (Aldo Valetti) und ein Prälat (Umberto Paolo Quintavalle) haben eine abgelegene Villa für die Verwirklichung perverser Ausschweifungen auserkoren. Mit der Hilfe der Gestapo und weiteren miesen Schergen haben sie acht junge Männer und acht junge Mädchen aus gutem Hause festnehmen lassen und entführt. In einer dreitätigen Orgie sollen diese jungen Menschen missbraucht, gedemütigt, geschändet und am Ende ermordet werden. Für diese Ausschweifung wurden extra drei Erzählerinnen engagiert, diese Damen Vaccari (Helene Surgere), Castelli (Caterina Boratto) und Maggi (Elsa de Giorgi) sollen zusätzlich die Lust beim Quartett und auch bei den Gefangenen wecken. Eine Pianistin (Sonia Saviange) begleitet die widerlichen Ausschweifungen...
 





Zuerst wird vergewaltigt, dann auf die übelste Weise erniedrigt und gefoltert. Am Ende beobachten die vier einflussreichen Männer mit einem Fernglas von einem Zimmerfenster aus wie die auserkorenen Opfer von den engagierten jungen Soldaten auf grausamste Art und Weise ermordet werden. Als ich "Salo" zum ersten Mal sah, war ich tatsächlich so schockiert, dass ich da keinen Subtext mehr herauslesen konnte. Nun beim zweiten Mal kann man schon die Ambition des Regisseurs dahinter erkennen, denn so sehr schockierend die Bilder sind - ein pornographischer Film ist das auf keinen Fall. Eher das Gegenteil. Eher kann man darin die schockierende Vision des menschlichen zerstörungswillen sehen. Die Lust wird nicht durch Liebe erzeugt, sondern durch Gewalt, die man dem anderen antut. Wie in vielen seiner Filme hat Pasolini viele Rollen mit Laiendarstellern besetzt. Von diesen Laien dürfte der Junge Franco Merli wiedererkannt werden, denn der spielte bereits ein Jahr vorher  in Pasolinis "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" mit - ebenso die dunkelhäutige Iris Pelegrini, die im gleichen Film die Rolle der Sklavin Zumurrud spielte.







Bewertung: 8 von 10 Punkten.