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Mittwoch, 14. Mai 2025

Die Versuchung des Padre Amaro



Regie: Carlos Carrera

Verbrecher, Sünder und Heilige...

"El Crimen del padre Amaro" von Regisseur Carlos Carrera aus dem Jahr 2002 wurde als mexikanischer Beitrag für den Oscar eingereicht und schaffte es tatsächlich unter die fünf Besten in der Kategorie "Internationaler Film" zu kommen - am Ende bekam aber der deutsche Film "Nirgendwo in Afrika" die meisten Punkte und gewann den Oscar. Erst im Jahr 2019 gelang es Mexico mit Alfonso Araus "Roma" den Oscar in dieser Kategorie zu gewinnen. Zuvor unterlagen Klassiker wie Bunuels "Nazarin", "Das Wunder von Tlayucan", "Amores Perros", "Biutiful" oder "Pans Labyrinth". Entgegen seiner Verdammung durch die Kirche wurde "El Crimen del Padre Amaro" zum bis dahin größten Kassenerfolg eines einheimischen Films in Mexiko. Übersetzt heißt der Film "Das Verbrechen des Padre Amaro" - in Deutschland erhielt er den Verleihtitel "Die Versuchung des Padre Amaro" - ein Titel, der die sexuelle Versuchung des jungen Pfarrers schon vorwegnimmt. Der Film basiert lose auf dem Roman O Crime do Padre Amaro (1875) des portugiesischen Schriftstellers José Maria de Eça de Queiroz aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings wurde die Geschichte ins Jahr 2002 verlegt.  Durch seine kirchenkritische Haltung löste der Kassenhit eine Kontroverse unter römisch-katholischen Gruppen in Mexiko aus, die versuchten, die Aufführung des Films zu verhindern. Sie scheiterten, und der Film wurde zum größten Kassenschlager aller Zeiten in Mexiko und übertraf mit einem Einspielergebnis von 16,3 Millionen US-Dollar alle vorherigen Filmhits. Insgesamt kam der Film auf einen Umsatz von 27 Millionen Dollar.  Mit der Veröffentlichung gab es wütende Proteste der mexikanischen katholischen Kirche, da es die Korrumpierung eines zunächst anständigen Jungpfarrers durch die Kirche darstellt. Entgegen seiner Verdammung durch die Kirche wurde es zum bis dahin größten Kassenerfolg eines einheimischen Films in Mexiko. Der frisch zum Priester geweihte 24-jährige Pater Amaro (Gael García Bernal) kommt nach Los Reyes, einer Kleinstadt im fiktiven Bundesstaat Aldama, um dort sein Leben im Dienst der Kirche zu beginnen. Er ist der Protegé eines skrupellosen politischen Bischofs, während der örtliche Priester, Pater Benito (Sancho Gracia), eine langjährige Affäre mit einer Restaurantbesitzerin (Anjelica Aragon) hat. Benito baut ein großes Krankenhaus und ein Erholungszentrum, das teilweise vom Drogenbaron eines Kartells finanziert wird. Unterdessen wird gegen einen anderen Priester der Gegend, Pater Natalio (Damián Alcázar), den einzigen im Film positiv dargestellten Geistlichen, ermittelt, weil er linksgerichtete Aufständische in seinem abgelegenen ländlichen Kirchengebiet unterstützt. Amélia (Ana Claudia Talancón), ein 16-jähriges Mädchen aus der Gegend, unterrichtet die Kinder der Stadt im Katechismus und ist die Tochter von Benitos Geliebten. Zu Beginn der Geschichte erwägt sie, Rubén (Andrés Montiel), einen jungen Journalisten am Anfang seiner Karriere, zu heiraten. Doch es kommt zu Spannungen, da Rubén kein Gläubiger und Amélia streng katholisch ist. Rubéns Vater ist ein bekennender antiklerikaler Atheist und in der Stadt wegen seiner starken Ansichten unbeliebt. Amaro verliebt sich bald in Amélia, die sich stark zu ihm hingezogen fühlt und im Beichtstuhl unangenehme Fragen über Liebe und Sünde stellt. Dabei gesteht sie, dass sie vor Jesus masturbiert. Später berührt sie seine Hand, während sie ihn im Restaurant bedient. Die Zeitung erhält einen Tipp, dass Benito das neugeborene Kind des Drogenbarons tauft, und Rubén wird gebeten, über die Skandale in seiner Heimatstadt zu schreiben. Mithilfe der Berge von Beweisen, die sein Vater zusammengetragen hat, veröffentlicht er einen Artikel darüber, dass Benitos Krankenhaus eine Tarnung für Geldwäsche darstellt. Die Kirche lässt Amaro ein Dementi schreiben, woraufhin Rubén unter dem Druck der katholischen Lobby von der Zeitung entlassen wird. Amélia ruft Rubén an,gibt ihm den Laufpass und beschimpft ihn mit einer Reihe von Obszönitäten. Rubéns Elternhaus wird von gläubigen Katholiken verwüstet, und als er nach Hause kommt, greift er Amaro an, als er ihn auf der Straße sieht. Amaro beschließt, keine Anzeige zu erstatten, und Rubén entgeht einer Gefängnisstrafe. Der Film beleuchtet den Kampf der Priester zwischen Verlangen und Gehorsam. Amaro wird von Schuldgefühlen wegen seiner Gefühle für Amélia geplagt. Als die Lokalpresse beginnt, die Geheimnisse der Gemeinde zu enthüllen, wendet sich Amaro an seinen Vorgesetzten Benito. Amaro und Amélia beginnen heimlich eine Affäre, und Amaro zitiert Verse aus dem Hohelied, während er sie verführt. Später legt er Amélia bei einem geheimen Treffen ein Gewand um, das für die Marienstatue bestimmt war. Nachdem Amélia mit Amaros Kind schwanger geworden ist, versucht er, sie zu überreden, die Stadt zu verlassen, um ihn zu schützen. Später beschließt sie, die Stadt auszutricksen, indem sie Rubén als Vater ausgibt. Sie versucht, sich wieder mit ihm zu vereinen und kurzfristig eine Hochzeit zu organisieren, damit das Baby ihm zugeschrieben werden kann, doch er erklärt ihr, dass er kein Interesse mehr hat. Als Benito droht, Amaro anzuzeigen, droht dieser mit Vergeltung für Benitos Affäre. Bei einer darauffolgenden Rauferei verletzt sich Benito bei einem Sturz und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Schließlich arrangiert Amaro mitten in der Nacht eine illegale Abtreibung. Diese geht schief, und Amélia beginnt zu verbluten. Amaro fährt sie in ein Krankenhaus in einer Großstadt, doch sie stirbt, bevor sie dort ankommen. Amaro weint. Die grausamen Details des Falles werden verschwiegen, doch Benito und eine zynische alte Frau (Luisa Huertas) wissen, was geschehen ist. Eine falsche Geschichte macht in der Stadt die Runde: Rubén wird beschuldigt, Amélia vor der Hochzeit geschwängert zu haben, und Amaro wird gelobt, weil er in die Abtreibungsklinik eingebrochen sei und Amélia befreit habe, nachdem sein Versuch, sie und ihr Kind zu retten, gescheitert war. Amaro leitet Amélias Beerdigung, die von Trauernden überfüllt ist. Benito, der inzwischen im Rollstuhl sitzt, dreht sich angewidert um und rollt davon....







Die deutschen Kritiker waren sich über die Qualiät des Films uneinig. Manche fühlten sich an "Die Dornenvögel" erinnert, andere zogen Vergleich zu antiklerikalen Werken von Luis Bunuel. Der Film schwankt auch tatsächlich zwischen Melodram und Satire hin und her, am Ende siegt aber die bitterböse Sicht auf das Geschehene. Gael Garcia Bernal spielt hervorragend. 






Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.

Mittwoch, 23. August 2017

Amores Perros

























Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu

Hundeliebe....

Der Erstlingsfilm des Mexikaners Alejandro Gonzalez Inarritu entstand im Jahr 2000 und ist trotz weiterer Riesenerfolge neben "Babel" immer noch sein bester Film. Mit diesem Debüt gelang ihm ein sehr wuchtiger Kinobeitrag, dessen Bilder und Handlung für den Zuschauer eine sehr brutale Wirkung hat. Dennoch hat Inarritu in diese Geschichten von Menschen in der Mega-Metropole Mexiko City auch Poesie eingeflochten. So bleibt auch immer etwas Hoffnung auf eine bessere Welt.
Neben den Menschen der Stadt spielen auch deren Hunde eine große Rolle in diesem Film. Viele der beliebten Vierbeiner werden in der Stadt für Hundekämpfe abgerichtet und missbraucht, damit ist gutes Geld zu verdienen. Die im Film enthaltenen Hundekampfszenen empörten natürlich die Tierschützer weltweit. Auch der Regisseur ist kein Freund dieser Kämpfe und hat versichert, dass kein einziges Tier bei den Dreharbeiten zu Tode kam. Er wollte aber nicht davor zurückschrecken, das brutale Treiben der gegenseitigen Zerfleischung zu visualisieren. Und wie der dressierte Hund, so der Mensch. Nur so ist vielleicht auch eine Umkehr möglich, denn die Zahl der streunenden Hunde in Mexiko City wird auf rund eine Million geschätzt. Diese Menschen, die vor diesen bestalischen Kämpfen nicht zurückschrecken und damit Geld verdienen, kennen auch nichts anderes in ihrem Dasein. Um in dieser rauen Gesellschaft zu überleben, eignet man sich diese Brutalität an, auch wenn dadurch eine Kettenreaktion entsteht. "Amores Perros" heißt übersetzt "Hundeliebe" und führt nach Tarantino Manier drei Episoden zu einem Gesamten zusammen. Dieser Einfluss des "Pulp Fiction" Machers ist natürlich vordergründig auch hier sichtbar, aber Inarritu mutet dem Zuschauer mehr zu als die zusammengewürfelte Handlung und elegante Gewalt vieler anderer Nachahmer. Alle drei Epsioden zeichnen die Grausamkeit der Menschen auf, auch den Umgang mit Tieren.
Die Handlung spielt kurz vor der Jahrtausendwende in Mexiko City. In einer kleinen Wohnung lebt Mutter Ramirez (Adriana Barazza) mit ihren beiden Söhnen Octavio (Gael Garcia Bernal) und Ramiro (Marco Perez). Inzwischen lebt auch Ramiros junge Ehefrau Susanna (Vanessa Bauche) hier, die beiden haben eine kleine Tochter. Auch der Rottweiler Khofi gehört zur Familie. Die Brüder sind ständig zerstritten und Octavio ist heimlich in seine Schwägerin verliebt. Ramiro arbeitet als Verkäufer in einer Apotheke, der Lohn reicht aber bei weitem nicht aus den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Daher raubt er gelegentlich Banken aus. Octavio will mit seiner Schwägerin abhauen, dafür braucht er Geld. Mit seinem Hund könnte dies möglich werden. So lässt er sich gemeinsam mit seinem besten Freund Jorge (Humberto Busto) auf das dreckige, aber lukrative Geschäft der Hundekämpfe ein. Dort macht er sich den durchgeknallten Jarocho (Gustavo Sanchez Parra) zum Feind. Als sich die Rivalität zuspitzt, wird Octavios Wagen mit dem verletzten Khofi von Jarochos Gang verfolgt, es geschieht dabei ein fürchterlicher Autocrash.
Opfer im anderen Auge wird das aufstrebende Supermodel Valeria (Goya Toledo). Ihr Lover, der Verleger Daniel (Alvaro Guerrero) hat sich von seiner Frau getrennt und ein luxuriöses Appartment zu Zweit eingerichtet. Doch der schwere Autounfall, bei dem auch Valerias Hund Ritchie dabei war, hat Auswirkungen auf die Karriere. Die Verträge werden gekündigt, Valeria ist gezwungen tagsüber in der Wohnung vor Langeweile zu sterben. Ihr einziger Inhalt wird der kleine Hund, doch der kleine Schoßhund springt in ein Loch des Parkettbodens und kommt nicht wieder heraus. Die Suche wird auch für Daniel zur Zerreißprobe.
Zeuge des Unfalls wird der alte El Chivo (Emilio Echevarria), ein ehemaliger Guerillero. Der ehemalige Professor verbüsste für seinen politischen Fanatismus 20 Jahre Gefängnis. Er sehnt sich aber nach seiner Tochter Maru (Lourdes Echevarria), die er so lange nicht mehr sehen konnte und die glaubt, dass er lange schon tot sei. El Chivo lebt mit sehr vielen Hunden zusammen, die er wie eigene Kinder liebt. Gelgentlich übernimmt der alte Mann Auftragsmorde. Der junge Geschäftsmann Gustavo (Rodrigo Murray) hat ihm 150.000 Pesos angeboten, wenn er dessen Partner Luis (Jorge Salinas) aus dem Weg räumt. Während sich die anderen Menschen um die Verletzten des Unfalls kümmert, nimmt El Chivo den schwerverletzten Hund mit zu sich nach Hause. Es gelingt ihm tatsächlich, dass sich das Tier langsam erholt. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte...




 

 Kurz vor dem Millenium führen die Wege von Octavio, Valeria und dem alten Revolutionär durch diesen CarCrash zusammen. Der junge Octavio versucht seinem trostlosen Milieu zu entkommen, Valeria wird von einer Sekunde auf die andere aus ihrem luxuriösen Leben gerissen und für den Vagabunden El Chivo bietet sich durch verschiedene Grausamkeiten eine gewisse Kehrtwende im Denken. Das Drehbuch von Guillermo Arriaga ist raffiniert geschrieben und wirkt völlig unkonstruiert. So pulsierend die Stadt, so dynamisch ist auch dieser Film. Gael Garcia Bernal feierte mit diesem Film ein bemerkenswertes Leinwanddebüt. Dieses zärtliche wie gewalttätige Epos wurde 2001 in der Kategorie "bester Auslandsfilm" für den Oscar nominiert. Er unterlag jedoch dem Ang Lee Welterfolg "Tiger and Dragon" aus Taiwan.





Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Sonntag, 2. August 2015

La Mala Education - Schlechte Erziehung


























Regie: Pedro Almodovar

Alles über Angel....

 Fünf Jahre nach seinem größten Filmerfolg "Alles über meine Mutter" (Oscar, Golden Globe, BAFTA, Cesar, Felix u.a.) drehte Pedro Almodovar einen seiner ungewöhnlichsten und sicherlich einer seiner besten Filme. "La Mala Education - Schlechte Erziehung" bezieht nicht nur eine hohe Wirkung aus seinem verschachtelten Aufbau dreier gleichwertiger Moskaiksteine, die alle in verschiedenen Zeitebenen spielen, sondern es ist auch das einzige Werk im Repertoire des spanischen Meisterregisseur mit ausschließlich männlichem Darstellerensemble. Sehr ungewöhnlich also für einen Filmemacher, der sich vor allem als "Frauenregisseur" einen großartigen Namen machen konnte. In den drei besagten Zeitebenen lernen wir die Protagonisten der Geschichte kennen. Diese Ebenen wechseln sich immer wieder ab, Almodovar erzählt die Geschichte über den sexuellen Mißbrauch von Minderjährigen in den Mauern einer spanischen Klosterschule zur Zeit des Franco Regimes nicht chronologisch. Durch den abrupten Wechsel in die Zukunft von Opfer und Täter gelingt es ihm umso eindringlicher den giften Keim dieses Geschehens in der ganzen Tragweite zu erfassen und mit dem dunklen Kindheitsgeheimnis die Konsequenzen und Dynamiken zu präsentieren, welche Bahn dieses Schicksal nehmen wird.  Durch das Manuskript "Der Besuch", dass der bekannte Filmregisseur Enrique Goded (Fele Martinez) irgendwann im Jahr 1980 in Madrid erhält, sind die Tore in die Kindheitsvergangenheit des Regisseurs und seines Besuchers, einem mittellosen Schauspieler (Gael Garcia Bernal), geöffnet. Dieser Mann behauptet nämlich Enriques ehemaliger Schulfreund Ignacio zu sein und bietet ihm diese selbstverfasste autobiografische Erzählung als potentiellen Filmstoff an. Enriques Interesse ist geweckt, denn die Geschichte erzählt von der gemeinsamen Vergangenheit mit diesem Ignazio (Nacho Perez) seinem besten als er noch Schüler (Raul Garcia Forneiro) im Kloster war.  Hinter diesen Klostermauern trugen sich schrecklichd Verbrechen an den Schutzbefohlenen zu. Vor allem hatte es der diabolische Padre Manolo (Daniel Gimenez Cacho/ später Lluis Homar) auf den engelhaften Ignacio abgesehen. Allerdings ist Enrique von seinem Besucher, der sich jetzt "Angel" nennt und vorgibt Ignacio zu sein,  mehr als irritiert, denn sein Gefühl sagt ihm, dass der attraktive Typ niemals sein geleibter Freund aus Kindertagen sein kann. Deshalb beginnt er Nachforschungen anzustellen. Und dabei stößt er immer mehr auf ein großes Gestrüpp aus Lügen, Verstellungen, Betrug, Intrigen, Erpessung. Am Ende dieser Geschichte steht sogar ein Mord an einem Drogensüchtigen (Francisco Boira)....




Raffiniert aufbereitet durch diese verschachtelte Erzählweise. Dabei liefert auch der mexikanische Schauspieler Gael Garcia Bernal, der bereits vor dieser Rolle durch großartige Filmrollen in "Amores Perros", "Y tu mama tambien" oder "Die Versuchung des Padre Amaro" auf sich aufmerksam machte, eine glänzende und schillernde Rolle. Einerseits ist er der männliche attraktive Typ, andererseits präsentiert er sich auch im Fummel mit Make up und lebt seine Illusion als "Ignacio". Seine Motivation ist ein übertriebener Ehrgeiz, der für seine Ziele irgendwann alle Skrupel verliert. Während im Appartment des Bruders sich eine tödliche Katastrophe durch eine gezielte Überdosis ereignet, vergnügen sich die zwei Verursacher in einem Kino. Dort läuft gerade "Frau ohne Gewissen", der berühmte Film Noir Klassiker von Billy Wilder. Als die beiden den Saal verlassen, sagt Manuel Berenguer, der seinem jungen Begleiter Juan regelrecht verfallen ist "Es ist, als erzählten alle filme von uns". Nicht nur aus diesem Grund sahen viele Filmfans "La Mala Education" als eine Art Wiedergeburt des Film Noir an.
Erwähenswert ist auch die Erzählweise, mit der Almodovar uns diesen bitteren Stoff verkauft...es erscheint alles irgendwie schwerelos leicht. Doch unter dieser unbefangenen Oberfläche, wo fröhliche Kinder mit engelsgleicher Stimme "Moon River" singen, ist auch das Böse angelegt. Die Repressionen im katholischen Klosterinternat kannte Almodovar aus eigener leidvoller Erfahrung.



Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Dienstag, 28. Juli 2015

Y tu mama tambien


























Regie: Alfonso Cuaron

Der Ausflug zum Strand...

Bereits im letzten Filmjahrzehnt schufen mexikanische Regisseure herausragende Filme. So begeisterte Guillermo del Toro mit faszinierenden Geschichten in "Devils Backbone" und "Pans Labyrinth". Alejandro Gonzales Inarritus großartiger Episodenfilm "Amores Perros" blieb kein Einzelfall, er konnte mit "Babel" diesen großen künstlerischen Wurf wiederholen. Zu der Riege dieser Regiehoffnungen gehörte auch Alfonso Cuaron, der inzwischen - genauso wie Landsmann Inarritu - den Regie-oscar gewinnen konnte. "Gravity" machte es möglich - sein 2001 in Mexiko gedrehtes Roadmovie "Y tu mama tambien" wurde damals von Kritikerpapst Roger Ebert als die Geburtsstunde des neuen mexikanischen Films bezeichnet und gefeiert und ist für mich nach wie vor sein bester Film - trotz "Gravity" oder "Children of Men".
Der Film gehört für mich neben Monte Hellmanns "Two Lane Blacktop", Walter Salles "Die Reisen des jungen Che", Federico Fellinis "La Strada",  Kathryn Bigelows "Near Dark", Sean Penns "Into the Wild", Jonathan Glazers "Under the Skin" und Sam Peckinpahs "Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia" zu den besten Roadmovies überhaupt.
Einen riesigen Anteil an dem Erfolg ist die grandiose Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki, der in diesem Jahr mit seiner Leistung in "Birdman" seinen zweiten Oscar als bester Kameramann erhielt. Ein Jahr vorher wurde ihm der Preis bereits für Cuarons "Gravity" zugesprochen. Auf das Konto des mexikanischen Ausnahmekünstlers gehen Filme wie "Tree of Life" (Terrence Malick), Sleepy Hollow (Tim Burton), "Bittersüße Schokolade" (Alfonso Arau) oder "Burn after Reading" (Coen Brothers). Seine Kamera steht in "Y tu Mama Tambien" eigentlich nicht still. Während der Autofahrt im Dodge Dart schaut die Kamera einfach aus dem Fenster und zeigt dem Zuschauer interessante Details. Szenen bitterer Armut in Mexiko, immer wieder Straßensperren durch die Polizei, Autounfälle oder Bauern, die verhaftet werden. Die drei Hauptfiguren sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht alles mitbekommen, was da draussen während ihrer Fahrt so alles passiert.
So ist bei "Y tu mama tambien" nicht nur eine interessante Sicht nach aussen erkennbar,  die Protagonisten gewähren während der Reise an einen wunderbaren Strand auch eine Innenschau mit viel Melancholie. Road Movies funktionieren immer dann am besten, wenn die Reise auf der Straße zur Metapher für die Lebensreise wird. Und diese zeigt ein paar Sommertage voller Lust und Freiheit, am Ende steht aber wie in Dennis Hopper und Peter Fondas "Easy Rider" dem berühmtesten aller Roadmovies das Ende und der Tod.
Solche Gedanken sind aber den beiden lebenslustigen Freunden Tenoch Iturbide (Diego Luna) und Julio Zapata (Gael Garcia Bernal) sehr fern. Die beiden Jungs wollen einfach leben, Spass haben und die Sexualität hat im sehr jungen Leben natürlich einen hohen Stellenwert. Die Herkunft der beiden Freunde ist sehr unterschiedlich. Während Julio aus sehr einfachen Arbeiterverhältnissen stammt, ist Tenoch der Sohn eines hohen Regierungsbeamten. Die Freundinnen der beiden Jungs reisen gemeinsam für eine längere Zeit nach Italien. Es ist der Sommer 1999 und zwischen Schulabschluß und dem Beginn des Studiums liegt eine vielversprechende Ferienzeit. Auf der Hochzeit einer Verwandten lernen die beiden die 28jährige Luisa kennen, die mit Tenochs Cousin Jano (Juan Carlos Remoina) verheiratet ist.
Um die attraktive erfahrene Frau zu beeindrucken, phantasieren die beiden großmäuligen Jugendlichen von ihren Reiseplänen zu einem der traumhaftesten Strrände von Mexiko, dieser legendäre Fleck soll an der Pazifik Küste von Oaxaxa liegen. Also weit weg von Mexico City. Als Luisa nach einem Arztbesuch kurz später von der Untreue ihres Mannes erfährt, erinnert sie sich an die beiden Freunde, die mit ihr geflirtet haben. Sie ruft an und bittet darum mitfahren zu dürfen. Kurz entschlossen brechen die drei auf. Von der Hauptstadt geht es in den Süden Mexicos und sehr schnell kommt man sich näher...




 natürlich wird auch auf dieser lebensbejahenden Reise vor allem auch der Sex und die Erotik groß geschrieben. Als es nach einer gewissen Zeit tatsächlich zum Sex zwischen Julia und Tenoch kommt, entsteht in der Freundschaft eine gewisse Schieflage, die sich auch nicht bessert als Luisa den Versuch unternimmt die Balance wieder herzustellen, indem sie auch mit Julio intim wird. Die Eifersucht führt zu Geständnissen, die man hätte besser für sich behalten sollen. So hatte Julio auch etwas mit Tenochs Freundin. Dieser ließ aber auch nichts anbrennen und outet sich als Liebhaber von Julios Mädchen. Um Ende kommt es sogar zu einem Dreier, bei dem auch die beiden Jungs sich küssen. Am anderen Morgen hätte man dieses Erlebnis vielleicht gerne rückgängig gemacht. Julio und Tenoch fahren wieder zurück nach Mexico City, Julia hat sich entschlossen noch ein bisschen an der wunderschöenen Küste zu bleiben. Nach diesem Ausflug sehen sich die Freunde immer weniger oft. Nach einem Jahr treffen sie sich aber zufällig in einem Cafe wieder. Dort erzählt Tenoch vom Tod Julias, die wohl bereits zur Zeit des Ausflugs unheilbar an Krebs erkrankt war und dies auch wußte. Einen Monat später starb sie. Die beiden ehemaligen Freunde verabschieden sich voneinander und sagen ein baldiges Wiedersehen zu, doch sie werden sich nie mehr wieder treffen. Insofern ist dieses Erotik-Roadmovie zwar voll von praller Lebensenergie, aber immer wieder schimmert die Erkenntnis durch, dass alles vergänglich ist und jeder Moment in vollen Zügen genossen werden sollte. Dies tun die Protagonisten auch und es ist eine Freude ihnen dabei zuzusehen. Die noch etwas unreifen Jungs sind immer für ein bisschen unfreiwillige Komik gut, aber man schließt als Zuschauer auch sehr schnell eine gewisse Freundschaft mit den Beiden. Der Film funktioniert auch gut als Coming of Age Beitrag, denn die Reise in den Süden entpuppt sich auch als gewisser Reifeprozess. Für Julia ist es noch einmal ein letztes Mal das Leben zu genießen, für Tenoch und Julio hat die Reise auch einen schnellen Schub in Richtung Erwachsenwerden.
Der Film gewann ca. 30 internationale Filmpreise, darunter den Golden Globe als bester Auslandsfilm. Die beiden Hauptdarsteller Gael Garcia Bernal und Diego Luna bekamen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Marcello Mastroianni Preis als beste Nachwuchsdarsteller verliehen.





Bewertung: 10 von 10 Punkten.