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Mittwoch, 1. Mai 2024

Zelig


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Woody Allen

Chamäleon...

"Zelig" ist die 11. Regiearbeit des New Yorker Filmemachers Woody Allen und stellt durch ihren technischen Aufwand und den historischen, jedoch völlig fiktionalen Bezug eine weitere Wegmarke im künstlerischen Schaffen des Regisseurs dar. Woody Allen, der als Komiker dem Publikum bekannt wurde, hat eine Entwicklung in seiner Filmographie durchlebt, die in eine viel ernsthaftere Richtung führte. Der oscarpreisgekrönte "Annie Hall" ist so etwas wie ein Bindeglied zwischen seinen früheren absurden Komödien wie "Der Schläfer" oder "Boris Gruschenko", Nach "Annie Hall" wurden die Filme immer mehr persönlich (Manhattan) oder erinnerten an seine großen filmischen Vorbilder (Innenleben, Stardust Memories). In "Zelig" geht er noch einen Schritt weiter, allerdings sind Ähnlichkeiten mit Orson Welles "Citizen Kane" sehr schnell zu entdecken. Zahlreiche Wochenschauaufnahmen aus Archivmaterialien wurden von seiner Filmcrew aufwändig bearbeitet, um eine Figur, die Leonard Zelig heißt, als bekannte Persönlichkeit dieser Dekade erscheinen zu lassen. Dieses Stilmittel benutzte Welles in der Schaffung seiner Filmfigur Charles Foster Kane.  Zelig ist eine satirische Mockumentary-Komödie aus dem Jahr 1983, die von Woody Allen geschrieben, inszeniert und in der Hauptrolle gespielt wird. Er spielt diesen Leonard Zelig, ein unscheinbarer rätselhafter Zeitgenosse, der offenbar aus dem Wunsch heraus, sich anzupassen und gemocht zu werden, unabsichtlich die Eigenschaften starker Persönlichkeiten um ihn herum annimmt. Der als Dokumentarfilm präsentierte Film erzählt von seiner Zeit großer Berühmtheit in den 1920er Jahren, einschließlich Analysen zeitgenössischer Intellektueller. Die Wochenschauen weißen aber darauf hin, dass er trotz der großen hohen Popularität von damals, heute total in Vergessenheit geraten ist.  Sein orgineller Dokumentarfilm spielt in den 1920er und 1930er Jahren und handelt von diesem kuriosen Leonard Zelig (Woody Allen), einem unscheinbaren Mann, der die Fähigkeit besitzt, sein Verhalten und sogar sein Aussehen den Menschen um ihn herum anzupassen. Er wird zum ersten Mal auf einer Party von F. Scott Fitzgerald beobachtet, der anmerkt, dass Zelig mit den wohlhabenden Gästen einen raffinierten Bostoner Akzent hatte und ihre republikanischen Sympathien teilte, aber während er mit den Dienern in der Küche war, nahm er einen raueren Ton an und meinte, er sei eher ein Demokrat. Als"„menschliches Chamäleon“ erlangt er bald internationale Berühmtheit. Der in einer Zeugenaufnahme interviewte Psychologe Bruno Bettelheim äußert sich wie folgt: Die Frage, ob Zelig ein Psychotiker oder nur ein extremer Neurotiker sei, wurde unter seinen Ärzten endlos diskutiert. Dr. Eudora Fletcher (Mia Farrow) ist eine Psychiaterin, die Zelig bei dieser seltsamen Störung helfen möchte, als er in ihr Krankenhaus eingeliefert wird. Durch den Einsatz von Hypnose entdeckt sie, dass Zelig sich so stark nach Anerkennung sehnt, dass er sich körperlich verändert, um sich an die Menschen um ihn herum anzupassen. Dr. Fletcher heilt Zelig schließlich von seinem Drang zur Assimilation, geht aber zu weit in die andere Richtung; Für kurze Zeit ist er gegenüber der Meinung anderer so intolerant, dass er in einen Streit darüber gerät, ob es ein schöner Tag sei oder nicht. Dr. Fletcher erkennt, dass sie sich in Zelig verliebt. Aufgrund der Medienberichterstattung über den Fall werden sowohl Patient als auch Arzt Teil der Populärkultur ihrer Zeit. Der Hauptgrund für ihre Spaltung ist jedoch der Ruhm. Zahlreiche Frauen behaupten, er habe sie geheiratet und geschwängert, was einen öffentlichen Skandal auslöste. Dieselbe Gesellschaft, die Zelig zum Helden gemacht hat, zerstört ihn in dieser Phase. Zeligs Krankheit kehrt zurück und er versucht sich noch einmal anzupassen, bevor er verschwindet. Dr. Fletcher findet ihn in Deutschland, wo er vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis zusammenarbeitet. Gemeinsam entkommen sie, während Zelig seine Fähigkeit nutzt, noch einmal zu imitieren, Fletchers Pilotenfähigkeiten nachzuahmen und sie kopfüber über den Atlantik nach Hause zu fliegen. Sie kehren schließlich nach Amerika zurück, wo sie zu Helden erklärt werden und heiraten, um ein erfülltes, glückliches Leben zu führen....









Allen nutzte Wochenschaumaterial und fügte sich und andere Schauspieler mithilfe der Bluescreen-Technologie darin ein. Um seinen Szenen ein authentisches Aussehen zu verleihen, verwendeten Allen und der Kameramann Gordon Willis verschiedene Techniken, darunter das Auffinden einiger antiker Filmkameras und Objektive, die während der im Film dargestellten Epochen verwendet wurden, und die Simulation von Schäden wie Falten und Kratzern die Negative, damit das fertige Produkt eher wie Vintage-Filmmaterial aussieht. Die nahezu nahtlose Mischung von altem und neuem Filmmaterial wurde fast ein Jahrzehnt erreicht, bevor die digitale Filmtechnologie solche Techniken viel einfacher machte. Sogar Adolf Hitler erscheint im Film - eine weitere Ähnlichkeit zu "Citizen Kane". "Zelig" spielte 12 Millionen Dollar ein und bekam Oscarnominierungen für die beste Kameraarbeit (Gordon Willis) und die besten Kostüme.








Bewertung: 8,5 von 10 Punkten. 

Freitag, 23. Juni 2017

The Act of Killing

















Regie: Joshua Oppenheimer

Täter und Opfer....

Indonesien 1965: Am 30. September kam es zu einem Putschversuch von Teilen des Militärs. Der rechtsgerichtete General Suharto schlug den Aufstand nieder und erklärte die am Putschversuch nicht beteiligte kommunistische Partei des Landes zum Schuldigen. Sie wurde verboten und die Kommunisten verfolgt, gefoltert und getötet. Nach Schätzungen fielen dieser Säuberung ca. 1 Million Menschen zu Opfer, auch die chinesische Minderheit teilte das Schicksal der Kommunisten. Die USA standen zu Suharto. Wer in den Verdacht kam ein Kommunist zu sein, der unterschrieb damit zugleich sein eigenes Todesurteil. Staatlich organisierte, paramilitärische Todesschwadronen und Gangster führten die Exekutionen aus. Da es in Indonesien nie eine Vergangenheitsbewältigung dieser Greueltaten gab, leben die Täter bis heute unbehelligt, sie können sogar mit ihren Taten angeben und prahlen, da noch heute weite Teile der Öffentlichkeit hinter diesen Helden der Nation stehen. Gangster, wie diese Täter sagen, heißt in Wirklichkeit "freier Mann" und tatsächlich sahen sie es damals als ihre Pflicht an die bösen Kommunisten zu vernichten - im wahrsten Sinne des Wortes.
Joshua Oppenheimers bemerkenswerter Dokumentarfilm wurde in der aktuellen Umfrage über die wichtigsten Filme unseres neuen Jahrhunderts auf den 14. Platz gewählt - auch der europäische Filmpreis wurde an "The Act of Killing" vergeben. Wie der Name bereits sagt, geht Oppenheimer einen gewagten Weg. Er lässt die Täter von einst ihre eigenen Taten noch einmal vor der Kamera nachspielen.
So wird der Zuschauer Zeuge des inzwischen alten Anwar Congo, der tanzend zu den Verhören kam und wusste, dass er nun eine ganze Menge Kommunisten foltern und umbringen wird. Er wird aber auch als liebevoller Opa seiner beiden Enkelsöhne gezeigt und ermahnt diese, weil sie durch zu ungeschicktes Anfassen ein junges Kaninchen verletzt haben. "Streichelt es doch" sagt er zu ihnen "so ist gut". Ein weiterer Schlächter von damals meint er würde nichts bereuen, denn schließlich schreiben immer die Sieger die Geschichtsbücher und er und seine Männer sind als Helden in den Geschichtsbüchern Indonesiens verzeichnet, haben sie doch das Land vor der roten Invasion gerettet. Der kalte Krieg von damals, so scheint es, den Russland und die USA führten, scheint als Legitimation gut zu dienen für all dies Morde. Die Praktiken, die die Täter anwendeten, werden von ihnen ganz offen beschrieben. Einmal sind sie sogar im indonesischen Staatsfernsehen zu sehen, sie werden irgendwie wie Popstars gefeiert. Lediglich die Techniker des TV merken an, dass sie es befremdlich finden so offen über diese Morde zu sprechen.
Die Praktiken nahmen die Täter aus dem Fundus des amerikanischen Films...Anwar Congo gibt an, dass er vor allem von Al Pacino und von John Wayne beeinflusst wurde. Dieses Bewusstseinsdefizit der Täter wird erst am Ende des 156 Minuten langen Films etwas aufgemischt. Denn es ist Anwar Congo, der inzwischen seit Jahren von Geistern verfolgt wird, und glaubt, dass es mit den Tötungen zusammenhängen könnte. War es falsch ? meint er und diese Erkenntniss führt zum ständigen Würgereiz und beinahe zum Erbrechen. Aber dann reißt er sich wieder zusammen. Bestraft wurde ja nie einer dieser Schlächter.
Neben Errol Morris war auch die deutsche Regielegende Werner Herzog als ausführender Produzent beteiligt. Er liefert auch das Vorwort zu dieser eigenwilligen Dokumentation, die nicht wertet. Die Kamera muss nämlich keinen überführe, sondern sie muss nur das genau festhalten, was die Protagonisten offen aussprechen als nun ältere Männer. Das eindrückliche daran ist das höchst befremdliche Spiegelbild einer Siegergeschichtsschreibung und der Zuschauer kann sich selbst Gedanken zu diesen historischen Phänomenen machen....Guantanamo kommt in den Sinn, die Greueltaten der Nazizeit und das viele Kriegen und Morden auch in unserer heutigen Zeit. Man kann sogar stolz darauf sein, dass wir Deutschen als eine der wenigen Nationen überhaupt uns unserer Vergangenheit schonungslos stellten und die Verantwortung nicht verleugneten und sie schönredeten. Auch wenn es vielleicht einige Jahrzehnte gedauert hat.


Der Film ist nichts für schwache Nerven und möglicherweise produziert er bei jedem etwas andere Gedanken dazu. Es ist unmöglich diese Mörder zu begreifen, wenn sie beschreiben wie sie Hunderten von Menschen eine Drahtschlinge um den Hals legten und sie sadistisch erwürgten. Diese Todesart wurde von den Schergen favorisiert, weil das Köpfen und Durchsieben mit Knarre viel zu viel Blut produziert hat. Die Entsorgung der Feinde dauerte dann auch viel zu lange.
Es sind Väter, Großväter, Ehemänner und die netten Leute von Nebenan, die sich abends gemütlich auf der Straße bei einem Getränk treffen, zusammen singen oder beim Bowling zusammen hängen.
Keiner dieser Männer  ist sich über seine Taten im Unklaren. Sie geschahen ihrer Meinung nach für die richtige Sache, somit sind auch die Morde richtig. Mit 3 Millionen Mitgliedern war auch die Pacasila Jugend, die heute noch aktiv ist, in die Massaker verstrickt. Noch heute verbreitet diese paramilitärische Organisation Angst und Einschüchterung bei der Bevölkerung.



Bewertung: 7 von 10 Punkten.

Freitag, 19. Juni 2015

Deutschland im Herbst

























Herbst 1977

Regie: Diverse

Herbst 1977: Deutschland wird überschattet von den Auseinandersetzungen um die terroristischen Aktionen der RAF. Der Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer wird entführt und ermordet, ein Lufthansa-Jet wird von Palästinänsern nach Mogadischu entführt und im Hochsicherheitstrakt von Stammheim sterben die RAF-Häftlinge Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Andreas Baader. Und genau in dieser Zeit fanden sich die Filmemacher Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz, Rainer Werner Fassbinder, Hans Peter Cloos, Maximilian Mainka, Bernhard Sinkel, Katja Rupe, Peter Schubert und Alf Brustellin zusammen und schufen ein einmaliges Zeitdokument, eine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen und Stimmungen im Lande. Natürlich gibt es bei diesem Kompilationsfilm über eine angespannte Zeit in Deutschland, der fast zeitgleich zu den Ereignissen gedreht wurde, keine Analyse und keine Antwort darauf warum man in diesen erlebten und "gefühlten" Herbst stürzen konnte. Die Regisseure haben unterschiedliche Positionen und sie bedienen die Kamera sehr subjektiv im Sinne ihrer Wahrnehmung. Realität und Fiktion erleben eine Vermischung. Fassbinder streitet mit seiner Mutter Liselotte Eder. Alexander Kluge hat ein Interview mit dem heutigen Rechtsradikalen und damals aber linksradikalen EX-RAF-Anwalt Horst Mahler während dessen Haft im Gefängnis. Man sieht eine Schweigeminute im Stuttgarter Mercedes Werk. Ebenso filmt die Kamera an den Beerdigungen von Schleyer und von Gudrun Ensslin. Heinrich Boll hat eine Szene mitgestaltet, in der sich Volker Schlöndorff selbst spielt. Er agiert dort als Theaterregisseur, dessen Aufführung der Antigone von Sophokles plötzlich durch die aktuellen Ereignisse zensiert werden soll, weil die Darstellung des antiken Stoffes als Aufruf zur Gewalt und zum Terrorismus interpretiert werden könnte. Das wirkt einerseits etwas surreal und absurd, spiegelt aber perfekt die hysterisch aufgeheizte Stimmung im Land wider und ist wunderbar satirisch überspitzt.


Es wechseln sich inszenierte Passagen (Hannelore Hoger spielt beispielsweise eine Lehrerin, die sich mit den Folgen des Radikalenerlasses sowie mit den Ungereimtheiten der offiziellen Geschichtsschreibung konfrontiert sieht) . Der Film beginnt mit der Texteinblendung der Aussage einer Frau Wilde, 5 Kinder "An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit, ist es schon gleich, wer sie begangen hat, sie soll nur aufhören". Enden wird der Film abermals mit "An einem bestimmten Punkt angekommen, ist es schon gleich, wer sei begangen hat, sie soll nur aufhören. Es endet auch mit dem Trauermarsch für die Terroristen im Oktober 1977, wozu der Song "Here´s to you, Nicola and Bart" von Joan Baez zu hören ist. Viele der Regisseure wurden aufgrund dieses Films stark kritisiert. Er meinte dann in einem Interview, dass er sich nach der Arbeit mit diesem Film nicht mehr gefragt habe warum es sogenannte Terroristen gäbe, sondern er war verblüfft, dass es nicht viel mehr gibt. Einige der Darsteller wie Mario Adorf, Heinz Bennent, Angela Winkler und Helmut Griem verzichteten auf ihre Gage. Als Lohn erhielt das komplette Team 1978 bei der Vergabe des deutschen Filmpreises ein Filmband in Gold.


Bewertung: 7 von 10 Punkten.

Montag, 1. Dezember 2014

Boyhood

























Regie: Richard Linklater

Ein Junge wächst auf...

Als Chronist erscheint der Regisseur Richard Linklater im Vergleich zu seinen anderen amerikanischen Kollegen wie eine Ausnaheerscheinung. Schon die Fortsetzungsfilme "Before Sunrise", "Before Sunset" und "Before Midnight" (1995,2004 und 2013) zeigt im neunjährigen Rhythmus das Paar Jesse und Celine (gespielt von Ethan Hawke und Julie Delpy), das sich in Wien kennenlernt, nach mehreren Jahren in Paris wiedersieht und dann zusammenkommt, sich aber in den nächsten Jahren als Ehepaar wieder auseinanderleben. Damit zogen viele Filmkritiker schon Vergleiche mit Francois Truffauts "Antoine Doinel" Filmreihe und der von 2002 bis 2013 realisierte Langzeit Coming of Age Film "Boyhood", der das Aufwachsen eines Jungen über den Zeitraum von 12 Jahren zeigt, gibt dieser Einschätzung zusätzlich Nahrung. Die große Besonderheit des Films und damit auch die Nähe zu Truffaut ist, dass die Schauspieler im Verlauf dieser langen Zeitspanne, in der immer wieder gedreht wurde, reel wachsen und altern. Dieser Realismus kommt dem 163 Minuten langen, aber nie langweiligen Filmwerk sehr zugute.
Es geht um das Leben des anfangs noch kleinen Mason (Ellar Coltrane), der mit seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) bei der alleinerziehenden Mom (Patricia Arquette) aufwächst. Die Ehe mit ihrem Mann Mason (Ethan Hawke) ist gescheiert und die Kids haben den Vater, der in Alaska lebt, seit 1 1/2 Jahren nicht mehr gesehen. Umso größer ist die Wiedersehensfreude. Ab diesem Zeitpunkt investiert der Mann als Wochenendvater für die Kinder und sorgt für coole Wochenenden. Den Alltag durchleben die Kids mit der Mutter, die sehr oft an die falschen Männer gerät - vorzugsweise mit Alkohol-Problem. Daher bekommen die Kinder auch drei verschiedene Männer vorgesetzt, einer davon ist der Professor Bill Welbrock (Marco Perella), der seine eigenen beiden Kinder aus vorheriger Beziehung - Mindy (Jamie Howard) und Randy (Andrew Villarreal) mitbringt, die etwa im gleichen Alter wie Mason und Samantha sind. Der leibliche Vater heiratet im Laufe dieser zwölf Jahre auch wieder - seine Ehe mit Annie (Jenni Toley) bleibt nicht kinderlos, so dass Mason ein Brüderchen bekommt. In sehr ruhigen Bildern skizziert Linklater den Weg des Jungen zum Teenager, der sich natürlich auch noch unglücklich verliebt (als Freundin Sheena: Zoe Graham) und in der letzten Sequenz mit der neuen College-Bekanntschaft Nicole (Jessi Mechler) bei einer Wanderung in den Big Bend National Park  sich bereits ein neues Glück andeutet, allerdings inszeniert als sehr schöne Momentaufnahme, in dem uns der Filmemacher eindrucksvoll zeigt, dass alles irgendwie vergänglich ist und wir den Augenblick ausnützen müssen und ihn genießen sollen...


 Immer wieder hat Linklater auch viel Zeitgeist in die Geschichte verwoben, in den Gesprächen gehts um die Terrorgefahr, um die hoffentlich siegreiche Wahl von Barack Obama, aber auch um die Star Wars Filme. Im Laufe des Films wechselt Mason dreimal den Haarschnitt und zieht zweimal um - von einer kleinen texanischen Kleinstadt nach Houston, dann wieder nach San Marcos mit seinen 44. 000 Einwohnern wieder recht beschaulich. Der Film über einen Jungen, der zum Mann heranwächst, fängt das Leben so einfühlsam und wahrhaftig ein, wie es nur sehr selten im Kino zu sehen ist - so die Kritik im Spiegel, in der tatsächlch viel Wahrheit steckt. Denn Linklater verweigert sich allen gängigen und populären dramaturgischen Kniffen und zeigt stattdessen mit einem großen Hauch von Leichtigkeit einen Lebenslauf. Ein US-Film, der stark durch das europäische Kino geprägt ist und angenehm unspektakulär auffällt. Neben dem leider in Deutschland viel zu unterbewerteten "Dazed and Confused" ist dies vielleicht Linklaters bester Film und möglicherweise sogar ein aussichtsreicher Kandidat für die kommende Oscarwahl.


Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Mittwoch, 2. Juli 2014

Tropa de Elite



Regie: Jose Padilha

Die Arbeit des Einsatzkommandos BOPE...

Der brasilianische Regisseur Jose Padilha ist ein Freund des Dokumentarfilms , sein erster auf Tatsachen beruhender Film "Önibus 174" zeichnet die Entführung eines Linienbusses nach.  International bekannt wurde er dann 5 Jahre später, als sein "Tropa de Elite" 2008 bei den Filmfestspielen in Berlin den golden Bären gewinnen konnte. Ein erschreckend realistisches Portrait über die Polizei in Rio de Janairo, im speziellen aber über die Arbeit des Batalhao de Operacoes Policiais Especiais, einer  Sondereinheit der Militärpolizei der Stadt. Diese hat noch weitergehendere Befugnisse als ihre Kollegen und kommt dann zum Einsatz, wenn die Mittel der Kollegen nicht mehr ausreichen. Die im Film gezeigten Darstellungen orientieren sich an dem Buch "Elite da Tropa" des Soziologen Luiz Eduardo Soares, der mit zwei ehemaligen Angehörigen dieser Einheit zwei Insider sozusagen, zusammenarbeitete. Erzählt wird dabei die Geschichte des noch relativ jungen Capitao Nascimento (Wagner Moura), dem Führer eines Einsatzkommandos der Einheit. Es ist das Jahr 1997 und der Besuch des Papstes steht an. Der Auftrag der Einheit lautet für Ruhe in den Favelas zu sorgen. Doch der harte Job geht nicht spurlos an Nascimento vorbei. Er leidet unter Panikattacken und übersteht den aggressiven Alltag nur mit Hilfe von Tabletten. Seine Frau ist nun auch noch schwanger und drängt den Mann nun endlich den gefährlichen Job aufzugeben und sich versetzen zu lassen oder gar zu kündigen. Die Vorgesetzten willigen in eine Versetzung ein, er muss aber vorher einen geeigneten Nachfolger finden und auswählen. Mögliche Anwärter für diesen Job sind zwei frischgebackene Polizisten aus Überzeugung. Neto Gouveia (Caio Junqueira) und Andre Matis (Andre Ramiro) wären damit geeignete Kandidaten, die sich allerdings - vor allem Matis - in zunehmende Gefahr begeben...


Eine spannende dokuartige Bestandsaufnahme aus dem Polizei und Gangsteralltag in der Metropole am Zuckerhut. Dabei agiert die Polizei unverhohlen korrupt, interessiert sich nicht groß für die Nöte der Bevölkerung und geht in der Verbrechensbekämpfung genauso brutal und aggressiv vor wie die Gangstern selbst. Einige Bilder sind in ihrer schonunglosen und vor allem authentischen Darstellung nur schwer zu ertragen. Etwas irritierend jedoch die Entscheidung in der deutschen Fassung zwar die Off-Stimme deutsch erzählen zu lassen, aber die Handlung der Akteure in Landessprache zu belassen. Das mag zwar den Charakter der Doku verstärkt untermauern, ich hätte es aber sinnvoller empfunden alles zu synchronisieren. Der Film jedenfalls ist gut gemacht und gerade jetzt - auf dem Höhepunkt der Weltmeisterschaft 2014 - dürften diese Szenarien Alltag in Rio sein. Sozusagen die nicht gezeigten Schattenseiten dieses Megasportereignissen, wo wir nur die Stars auf dem Rasen wie Neymar jr, James Rodriguez, Messie, Manuel Neuer oder  Ochoa wahrnehmen.



Bewertung: 7,5 von 10 Punkten. 

Freitag, 7. Dezember 2012

Grizzly Man

























Regie: Werner Herzog

Mein Freund, der Bär...

Neben seinen bekannten wie preisgekrönten Spielfilmen wie Aguirre, Fitzcarraldo, Woyzeck, Nosferatu oder Kaspar Hauser drehte Werner Herzog auch zahlreiche dokumentarische Arbeiten.
Nach Cobra Verde drehte er nur noch wenige Spielfilme, jedoch sehr viele Dokumentarfilme. Der bekannteste davon ist vielleicht "Mein liebster Feind", der über das schwierige Regisseur-Darsteller-Verhältnis zwischen ihm und Klaus Kinski berichtet.
Aber auch "Gasherbrum - der leuchtende Berg", der von der Doppel-8000er-Besteigung von Reinhold Messner und Hans Kammerlander handelt, wurde hoch gelobt.
Interessanterweise verweigert sich Herzog der konventionellen Anschauungsweise, dass in den Dokumentationen Kameras Authentizität reproduzieren könnten. Deshalb sind seine dokumentarischen Arbeiten bewusst mit der eigenen Perspektive auf den Gegenstand bezogen. Somit wird Herzogs Perspektive und auch Ansicht Teil der gezeigten Bildes.
"Grizzly Man" aus dem Jahr 2005 ist eine Dokumentation über den Tierschützer Timothy Treadwell, der dreizehn Jahre lang jeden Sommer mit Grizzlybären in Alaska zusammen lebte. Anfang Oktober 2003 wurde Treadwell und seine Freundin Amie Huguenard, die ihn die letzten beiden Male begleitete, von einem hungrigen Bären angegriffen und getötet.


Seine Überzeugung war, dass er die Tiere persönlich schützen müsse. Er lernte Stück für Stück die Verhaltensweisen, Gesten und Gepflogenheiten der braunen Riesen und konnte mehr und mehr in unmittelbarer Nähe mit einem der gefährlichsten Raubtiere der Welt zusammen leben. Waffen oder andere Schutzmaßnahmen wie Pfefferspray lehnte er ab. Sein ständiger Begleiter war die Video-Kamera, damit hielt er grandiose Naturaufnahmen der Tiere im Katmai-Nationalpark in Alaska fest.
Er gründete 1991 die Organisation Grizzly People, die sich für den Schutz der Grizzlybären und die Erhaltung ihres natürlichen Lebensraumes einsetzt. Sein Buch "Among Grizzlies" erschien 1997. Im Winter jobbte er meistens als Kellner in Kalifornien. Es gelang ihm noch zu Lebzeiten eine breitere Öffentlichkeit für sein Anliegen aufmerksam zu machen.
Doch er hatte auch zahlreiche Kritiker, die sein Tun und seine Einstellung gegenüber den Bären kritischer und als sehr gefährlich beurteilten. Selbst von Tierschützern wurde bemerkt, dass Treatwell unsichtbare Grenzen zwischen Mensch und Tier ignorierte und somit grundlegende Regeln im Umgang mit Raubtieren absichtlich brach.
Zu dieser Einschätzung tendiert auch Werner Herzog in seinen Kommentaren. Nichtsdestotrotz ist "Grizzly Man" beeindruckend schön mit seinen Naturaufnahmen und mit Mensch und Tier als Freund. Selbst wenn es eine 13jahre andauernde Illusion gewesen sein sollte. Er gab jedem Tier einen Namen und ständige Begleiter waren eine Fuchsfamilie, neben denen er oft am Abend einschlief und am Morgen aufwachte.
"Grizzly Man" bekam großartige Kritiken und so verwundert es auch nicht, dass dieser ungewöhnliche Dokumentarfilm nicht nur zahlreiche Preise gewinnen konnte, sondern auf vielen Bestenlisten über Filme des letzten Jahrzehnts ziemlich oben zu finden war.

Bewertung: 8,5 von 10 Punkten