Samstag, 3. Oktober 2026

Le Magnifique - Ich bin der Größte















Regie: Philippe de Broca

Phantasie und Wirklichkeit...

Philippe de Brocas beste Filme entstanden mit dem vielseitigen Kinoliebling Jean Paul Belmondo, der sowohl sehr ernst als auch lustig agieren kann. Mit Belmondo drehte er insgesamt 6 Filme. Alles begann mit "Cartouche, der Bandit", den 3,6 Millionen Franzosen im Kino sahen und der in den heimischen Kinocharts des Jahres einen hervorragenden 6. Rang belegte. Noch besser lief "Abenteuer in Rio" mit annähernd 5 Millionen Kinobesuchern. Auch die Nachfolger "Die tollen Abenteuer des Monsieur L", "Le Magnifique" und "Der Unverbesserliche" waren Kinohits. "Le Magnifique" konnte 2,8 Millionen Zuschauer gewinnen - damit landete auch dieser Film am Ende des Jahres in den KinoTop10. Alle diese Filme sind leichtverdaulich und stehen für ein sehr beschwingtes Sommerkino. Der Regisseur führt mit sicherer Hand und hält eine ausgewogene und gute Balance zwischen Spannung, Action und Komik. "Le Magnifique" ist etwas angelehnt an James Thurbers literarische Figur "Walter Mitty", der bereits in den 40er Jahren mit Danny Kaye in Hollywood verfilmt wurde. Mitty, ein Tagträumer, der in seinen wilden Phantasien die größten Abenteuer erlebt und als echter Draufgänger die Frauen zu Schwärmen bringt. In der Realität ist Mitty unscheinbarer Lektor in einem Verlag und lebt noch immer bei seiner Mutter. In "Le Magnifique" ist der Held ein Schriftsteller namens Francois Merlin (Belmondo), der Groschenromane über den Geheimagenten Bob St. Clar (ein strahlender Held Belmondo) schreibt und gedanklich immer wieder in diese Abenteuer eintaucht. Dabei stellt sich der Autor in seiner kleinen Wohnung im regnerischen Paris vor, dass er gerade mal eben wieder die Welt retten muss - Schauplatz ist das sonnendurchflutende Acapulco. Er muss einen gefährlichen Fall lösen, denn Rodriguez, ein Spion, wird zunächst in einer Telefonzelle gefangen genommen, dann Zelle und Mann ins Meer geworfen, wo ein blutrünstiger Hai schon auf ihn wartet und ihn tötet. Dahinter kann nur der böse Oberst Karpov (Vittorio Caprioli) stecken, der eine frappierende Ähnlichkeit mit Merlins Verleger Charron (Doppelrolle für Caprioli) hat. Zumindest ist das die Schlußfolgerung von St. Clar Chef Oberst Collins (Hans Meyer). Er wird zum Tatort geschickt, wo ihn die schöne Tatiana (Jacqueline Bisset), ebenfalls Geheimagentin, erwartet und diese Tatjana sieht genauso aus wie Merlins Nachbarin Christine, in die Merlin sich verliebt, die aber zunächst mehr Interesse an seinen bisher veröffentlichten Groschenromanen hat. An einem exotischen Strand werden sie von einer Horde Feinde angegriffen, die von Oberst Karpov, dem Chef des Geheimdienstes der Volksrepublik Albanien entsandt wurden. Unter ihnen befindet sich eine Putzfrau (Monique Tarbes), die gerade den Sand saugt. Genau in diesem Moment wird Der Schriftsteller Merlin in der Realität von seiner Putzfrau unterbrochen....










So schaltet der Film hin und her zwischen Fantasie und Realität und zelebriert die kühnsten Träume, die die Tristesse von Merlins Umgebung erhellen. Jean Paul Belmondo ist komödiantisch wieder voll im Element und in Höchstform. Er übertreibt es mit der Theatralik und dreht gar Pirouetten. Es dauert, ehe man begreift, daß diese Story dem gemarterten Gehirn eines an Verlagsabsprachen gebundenen und von der Schreibmaschine geschundenen Autors entsprießt. Er ist das Gegenteil seines Romanhelden: geschieden, verklemmt, verschreckt, voll von Geldsorgen, ganz und gar ohne Glanz. Seine Wunschträume projiziert er in seine Stories. De Broca hat es meisterhaft verstanden, diese Traumwelt, beherrscht vom Superman und von seiner Sex-Lady, mit der tristen und doch soviel menschlicheren und liebenswerteren Alltagswelt des Autors zu verbinden. Man lacht über die freche Film- und Gesellschaftsparodie und ist ebenso vom zarten Schmelz der echten Liebesgeschichte des Films bewegt. Herrlich als Poet und Agent Jean Paul Belmondo, bezaubernd die schöne Jacqueline Bisset: Superagentin und Soziologiestudentin mit Innenleben









Bewertung: 7 von 10 Punkten. 

Zeit des Verbrechens















Regie: Claude Lelouch

Vorsicht Banditen...

Im Jahr 1986 drehte der französische Regisseur Claude Lelouch mit "Attention Bandits !" (deutscher Titel: Die Zeit des Verbrechens) einen sehr aussergewöhnlichen Gangsterfilm. Die Kritiker in Frankreich urteilten positiv über den Film und feierten ihn als Rückkehr zu Lelouchs Wurzeln. Getragen wird die sehr unkonventionelle Rachegeschichte von authentischen und warmherzigen Darstellerleistungen, die sichtlich Freude daran hatten, Teil des Films zu sein. Am 3. juni 1987 wurde der Film im Kino gestartet, zu einer Zeit als die Kinobesucherzahlen in Frankreich sich stark auf dem absteigenden Ast befanden. Dennoch schaffte er in seiner ersten Kinowoche über 200.000 Franzosen ins Kino zu locken, das reichte in diesen mageren Kinozeiten fürr den ersten Rang der Kinocharts. Am Ende sahen insgesamt 644.413 Zuschauer den Film, ein respektables Ergebnis angesichts dieser damals sehr düsteren Lage der Filmindustrie.  Der junge smarte Gangster Julien Bastide (Patrick Bruel), den alle Mozart nennen und drei weitere junge Räuber (Jean Michel Dupuis, Xavier Maly, Olivier Gruveiller) verübten einen Raubüberfall bei Cartier in Paris. Er kontaktiert den inzwischen zurückgezogenen Simon Verini (Yean Yanne), der durch dunkle Geschäfte, Hehlerei und Betrügerei inzwischen Eigentümer eines Landguts geworden ist und trifft ihm mit Verinis Frau (Christine Barbelevien) und der kleinen Tochter Marie Sophie (Edwige Navarro) beim Angeln am Teich in der Nähe des Anwesens. Auf dem Anwesen leben auch Verinis Onkel Charles (Charles Gerard) sowie die Haushälterin und ihr Ehemann. Simon Verini hat sich auf gestohlene Kunst und Schmuck spezialisiert, daher willigt er ein die Beute zu verkaufen. Doch während der Lösegeldübergabe wird seine Frau entführt und bei der Übergabe des Lösegeldes brutal und kaltblütig ermordet. Simon verdächtigt nun Mozart oder einer seiner drei Spießgesellen. Vor seiner kommenden Festnahme und Verurteilung bleibt ihm nur noch kurze Zeit seine Tochter in einem angesehenen Schweizer Internat unterzubringen, dann wird er zu 10 Jahren Haft verurteilt. Seiner Tochter schreibt er regelmäßig Briefe und lügt sie an. Das Ehepaar wäre gemeinsam in Brasilien. Jahre vergehen. Weniger Monate vor seiner Entlassung offenbart Simon seiner inzwischen fast erwachsenen Tochter (Marie Sophie L. ) die Wahrheit. Die Tochter selbst wird von ihm als Prinzessin bezeichnet. Sie sieht ihren Vater als eine Art Robin Hood an. Nach seiner Haftentlassung hat Verini natürlich nur eines im Sinn: Rache. Mit der Hilfe seiner Tochter, die bald den attraktiven Antoine (Herve Favre) sucht er unaufhörlich nach dem Täter. Noch immer verdächtigt er Mozart oder einen seiner drei Komplizen, doch Beweise fehlen ihm. Schließlich vertraut sich ihm seine frühere Haushälterin, die Frau des tatsächlichen Mörders an, die inzwischen von ihm getrennt lebt. Dieses Geständnis führt nicht nur zu einem Strudel an Gewalt. Auch Gefühle spielen verrückt...









Lelouch lässt seine Figuren sehr sympathisch erscheinen. Es sind Gangster - sie angeln aber gerne, sie verlieben sich und sie schaffen am Ende das Unmögliche. Stellenweise mutet es märchenhaft an. Für die Musik zeichnete Francis Lai verantwortlich. Die Arbeit an der Kamera war Sache von Jean Ives Mener. Hauptdarsteller Yean Yanne wurde durch Chabrols "Das Biest muss sterben" international bekannt. Patrick Bruel ist ein äusserst populärer Sänger in seiner Heimat. Er hatte mehrere Nummer 1 in Frankreich. 









Bewertung: 8,5 von 10 Punkten. 

Claires Knie















Regie. Eric Rohmer

Liebe und Begierde am See...

Eric Rohmers Film "Claires Knie"(Originaltitel: Le Genou de Claire) aus dem Jahr 1970  war der fünfte Teil seiner Moralischen Geschichte und auch ein Kassenschlager. Er erhielt zudem breite Anerkennung von französischen Kritikern. Sie waren begeistert von der außergewöhnlichen Studie des Begehrens, des beinahe literarischen Sprachvergnügens, das jede Neigung begleitet. Zudem hat der Kameramann Nestor Almendros den See von Annecy, seine Berge, seine Wälder, seine Gärten, seine Rosensträuße wie ein Maler behandelt. Die Landschaften und die Jahreszeiten spielen bei Eric Rohmers Filmen eine große Rolle. Der elegante und zurückhaltende Inszenierungsstil präsentiert die Figuren mit all ihren Wünschen, ihren zögernden Tagträumen, ihren kurzen Gefühlsausbrüchen und ihren Bekenntnissen und Erkenntnissen. "Claires Knie" ist sicherlich der visuell sinnlichste und der leuchtendste dieser insgesamt "Sechs Moralischen Erzählungen". In Talloires am Ufer des Sees von Annecy trifft Jérôme (Jean Claude Brialy), ein 35-jähriger Kulturattaché, während seines letzten Junggesellenurlaubs vor seiner bevorstehenden Hochzeit zufällig seine Freundin Aurora (Aurora Cornu), eine rumänische Schriftstellerin, die sentimentale Romane schreibt, die von realen Geschichten inspiriert sind, darunter auch solchen, die Jérôme ihr erzählt. Aurora mietet den Sommer über ein Haus bei Madame Walter (Michelle Montell) der Mutter von Laura (Beatrice Romand), einer aufgeweckten und schlagfertigen Sechzehnjährigen. In der Hoffnung, Material für eine romantische Nebenhandlung in einem zukünftigen Roman zu finden, drängt Aurora Jérôme in die Arme des Teenagers. Da Laura eine Vaterfigur vermisst, fühlt sie sich zu Jérôme hingezogen. Daraus entwickelt sich zunächst eine zärtliche, intellektuelle und freundschaftliche Beziehung, die beinahe romantisch wird. Als sie jedoch von Jérômes bevorstehender Hochzeit erfährt, distanziert sich Laura und beginnt eine Beziehung mit Vincent (Fabrice Luchini), einem Freund in ihrem Alter. Mit Vincent führt Jérôme tiefgründige und nachdenkliche Gespräche, ähnlich wie ein älterer Bruder mit einem jüngeren. Eines Tages erblickt Jérôme Claire (Laurence de Monaghan), Lauras atemberaubende Halbschwester, etwa 18 Jahre alt, eine schlanke Blondine mit einem zurückhaltenden Wesen, das Jérôme zutiefst verstört. Während sie auf einer Leiter sitzt und Früchte pflückt, verspürt er den unwiderstehlichen Drang, ihr Knie zu berühren, wozu ihn Aurora, der er sein Leid anvertraut, nachdrücklich ermutigt. Claire hingegen, die Jérôme gleichgültig gegenübersteht, ist in Gilles  (Gerard Falconetti) verliebt, einen sportlichen und etwas prahlerischen jungen Mann. Zufällig entdeckt Jérôme Gilles mit einem anderen Mädchen, obwohl Gilles Claire erzählt hatte, er würde den Tag in Grenoble bei seiner Mutter verbringen. Empört darüber, dass jemand eine junge Frau, die er für so tugendhaft hält, belügen konnte, vertraut er sich Claire an und beichtet ihr sein Unglück. Bestürzt erlaubt sie ihm schließlich, seine Hand – die sie als brüderliche Geste der Zuneigung deutet – auf ihr Knie zu legen. So gelingt es Jérôme, den Bann zu brechen, der ihn gefangen gehalten hatte. Jerome erzählt Aurora, was passiert ist, und liefert ihr damit Material für ihre Romane. Dann gehen alle ihrer Wege, außer Gilles und Claire, die sich wieder versöhnen, nachdem Gilles aufgeklärt hat, was in Wirklichkeit nur ein Missverständnis war...








In seiner Biographie schildert Jean Claude Brialy die Dreharbeiten am See von Annecy. Laut Brialy brachte Rohmer damals die gesamte Filmcrew in einem alten Haus mit nur einem Badezimmer unter, während er selbst in einem Schuppen schlief. Die Zusammenarbeit mit der talentierten Jungdarstellerin Beatrice Romand blieb ihm besonders in Erinnerung, da die Beziehung der beiden sich äusserst schwierig gestaltete. Sie störte mit ihren Eskapaden die Dreharbeiten und biss ihn sogar in einer Szene. Am Ende konnte man allerdings auf ein hervorragendes Ergebnis blicken - es ist einer von Rohmers besten Filmen und er wurde mit dem Louis Delluc Preis, dem National Board of Review Award und dem Melies Preis ausgezeichnet. Ebenso gab es 1972 eine Nominierung für den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film.












Bewertung: 9 von 10 Punkten.