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Samstag, 29. März 2025

I´m not there

 



Regie: Todd Haynes

Sechs Mal Bob Dylan...

Regisseur Todd Haynes hat sich vor allem mit den beiden Douglas Sirk Hommagen "Dem Himmel so fern" und "Carol" einen internationalen Namen gemacht. Sein erster Langfilm "Poison" brachte ihm den Großen Preis der Jury beim Sundance Film Festival, er wurde damit zu einem wichtigen Wegbereiter des New Queer Cinema. Mit der für ihn ungewöhnlichen fiktiven Bob Dylan Biografie "I´m not there" gewann er 2007 den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Venedig. Cate Blanchett, die ebenfalls in die Rolle des legendären Singer-Songwriter und Lyriker schlüpft, gewann später den Golden Globe und bekam auch eine Oscar-Nominierung.  "I'm Not There“ verwendet eine nichtlineare Erzählweise und wechselt zwischen sechs Charakteren in separaten Handlungssträngen, inspiriert von der Musik und den vielen Leben Bob Dylans. Jeder Charakter repräsentiert eine andere Facette von Dylans öffentlichem Image: Dichter (Arthur Rimbaud), Prophet (Jack Rollins/Father John), Gesetzloser (Billy McCarty), Betrüger (Woody Guthrie), „Rock-’n’-Roll-Märtyrer“ (Jude Quinn) und „Star der Elektrizität“ (Robbie Clark). Produktionsnotizen des Verleihs The Weinstein Company erklären, dass der Film „das Leben und die Musik Bob Dylans als eine Reihe wechselnder Persönlichkeiten dramatisiert, die jeweils von einem anderen Schauspieler verkörpert werden – Dichter, Prophet, Gesetzloser, Betrüger, Star der Elektrizität, Rock-’n’-Roll-Märtyrer, wiedergeborener Christ – sechs Identitäten, die miteinander verwoben sind, sechs Organe, die durch eine Lebensgeschichte pumpen. Arthur Rimbaud, gespielt von Ben Whishaw:  Der 19-jährige Arthur Rimbaud wird von Vernehmern verhört. Seine kryptischen Antworten ziehen sich durch den gesamten Film, darunter Bemerkungen über Fatalismus, das Wesen von Dichtern, "sieben einfache Regeln für das Leben im Verborgenen“ und Chaos. Woody Guthrie, gespielt von Marcus Carl Frankling:  1959 reist ein elfjähriger Afroamerikaner namens Woody Guthrie mit Güterzügen durch den Mittleren Westen der USA. Mit einer Gitarre in einem Koffer mit dem Slogan "Diese Maschine tötet Faschisten“, spielt er Blues und singt über Themen wie Gewerkschaftsbewegung. Ein Teil eines Gesprächs zwischen Woody und zwei Landstreichern auf einem Güterzug über sein Leben in einer Stadt namens "Riddle“ ist direkt aus einem anderen Film, Ein Gesicht in der Menge“ (1957), übernommen. Als er kurz von einer afroamerikanischen Familie aufgenommen wird, rät ihm die Mutter, stattdessen über die Probleme seiner Zeit zu singen. In einem anderen Güterwagen wacht Woody auf, wird von anderen Landstreichern bedroht und fällt nach einer Schlägerei vom Zug in einen Fluss. Er ertrinkt beinahe, wird aber von einem weißen Paar gerettet, das ihn aufnimmt. Sie sind von seinem musikalischen Talent beeindruckt, doch Woody flüchtet, als sie einen Anruf aus einer Jugendstrafanstalt in Minnesota erhalten, in dem ihnen mitgeteilt wird, er sei ein entflohener Flüchtling. Als der Junge erfährt, dass der echte Woody Guthrie todkrank ist, reist er nach New Jersey, um Guthrie im Krankenhaus zu besuchen. Jack Rollins/Father John, gespielt von Christian Bale:  Die Karriere des Folkmusikers Jack Rollins wird als Dokumentarfilm inszeniert, erzählt von Interviewpartnern, darunter auch der Folksängerin Alice Fabian. Jack wird Anfang der 1960er Jahre zum Star der Folkszene von Greenwich Village und von seinen Fans für seine Protestlieder gelobt. Er unterschreibt bei Columbia Records, doch 1963, als der Vietnamkrieg eskaliert, hört er auf, Protestlieder zu singen und wendet sich von der Folkmusik ab, da er glaubt, dass beides keinen echten sozialen oder politischen Wandel bewirkt. Nach der Ermordung John F. Kennedys betrinkt sich Jack bei einer Zeremonie, bei der er eine Auszeichnung einer Bürgerrechtsorganisation entgegennimmt. Als er in seiner Dankesrede bemerkte, er habe in Kennedys Mörder Lee Harvey Oswald etwas von sich selbst gesehen, wurde er vom Publikum ausgebuht und verspottet. Er tauchte unter und begann 1974 einen Bibelstudienkurs in Stockton, Kalifornien. Er trat als wiedergeborener Christ hervor, brach seine Vergangenheit ab und wurde ordinierter Pfarrer, der unter dem Namen „Father John“ Gospelmusik aufführte. Robbie Clark Robbie Clark, gespielt von Heath Ledger: Ein 22-jähriger Schauspieler, der 1965 in dem biografischen Film "Grain of Sand“ den Jack Rollins spielt. Während der Dreharbeiten in Greenwich Village im Januar 1964 verliebt er sich in die französische Künstlerin Claire (Charlotte Gainsbourg), und sie heirateten bald. „Grain of Sand“ wird ein Hit und Robbie wurde zum Star. Doch ihre Beziehung gerät ins Wanken, und Claire beobachtet, wie Robbie mit anderen Frauen flirtet. Besonders empört ist sie, als er 1968 während eines Streits darüber, ob das Böse in der Welt zu ändern sei, die Meinung vertritt, Frauen könnten niemals Dichterinnen sein. Schließlich zieht Robbie aus dem gemeinsamen Haus aus und geht für vier Monate nach London, um einen Thriller zu drehen. Dort beginnt er eine Affäre mit seiner Filmpartnerin. Richard Nixons Ankündigung des Pariser Friedensabkommens im Januar 1973 veranlasst Claire dazu, die Scheidung einzureichen. Sie erhält das Sorgerecht für ihre beiden Töchter, erlaubt Robbie aber, mit ihnen eine Bootsfahrt zu unternehmen. Jude Quinn Jude Quinn, gespielt von Cate Blanchett ist ein beliebter ehemaliger Folksänger, dessen Auftritt mit einer kompletten Band und E-Gitarren bei einem Jazz- und Folkfestival in New England seine Fans empört und sie des Verrats bezichtigt. Auf seiner Reise nach London wird Jude vom Journalisten Keenan Jones gefragt, ob er desillusioniert sei oder glaube, dass die Folkmusik ihre Ziele des gesellschaftspolitischen Wandels nicht erreicht habe. Jude wird von einem Hotelangestellten angegriffen, hängt mit den Beatles herum, trifft seine ehemalige Geliebte Coco Rivington und den Dichter Allen Ginsberg, der behauptet, Jude habe sich "an Gott verkauft“. Im Interview mit Jude bemerkt Keenan, dass Judes Lieder von der Black Panther Party als Rekrutierungsinstrument genutzt werden. Er meint, Jude weigere sich, tiefe Gefühle zu entwickeln und sei gleichzeitig sehr verlegen. Jude ist beleidigt und verlässt das Interview. Bei einem Konzert mit "Ballad of a Thin Man“ wird Jude vom Publikum ausgebuht und als Judas“ beschimpft. Keenan enthüllt im Fernsehen, dass J trotz seiner Behauptungen einer turbulenten Vagabundenvergangenheit Jude ist in Wirklichkeit Aaron Jacob Edelstein, der gebildete Sohn eines Kaufhausbesitzers aus der Vorstadt, der Mittelschicht, aus Brookline, Massachusetts. Angesichts einer langen Reihe anstehender Europatourneen gerät Jude in den Drogenkonsum und kommt offenbar bei einem Motorradunfall ums Leben. Billy McCarty Der Gesetzlose Billy McCarty, gespielt von Richard Gere: vermutlich von Pat Garrett getötet, lebt versteckt und einsam in einer Hütte außerhalb des ländlichen Riddle, Missouri, einer surrealen Stadt, auf die im Woody-Guthrie-Abschnitt Bezug genommen wird. Als Billy erfährt, dass Commissioner Garrett die Stadt abreißen will, um eine Autobahn zu bauen, was mehrere Einwohner in den Selbstmord getrieben hat, fährt er ins Stadtzentrum und stellt Garrett zur Rede, der versucht, die Einwohner zu beschwichtigen. Garrett erkennt Billy, kann ihn aber nicht als den Gesetzlosen Billy the Kid einordnen. Als die Einwohner mit einem Aufstand drohen, wird Billy wegen Unruhestiftung ins Gefängnis geworfen. Sein Freund Homer befreit ihn aus seiner Gewalt und springt in einen Güterwagen eines vorbeifahrenden Zuges, wo er Woodys Gitarre findet. Während er davonfährt, äußert er sich zum Wesen von Freiheit und Identität. Der Film endet mit Aufnahmen von Dylan, der 1966 bei einem Live-Auftritt ein Mundharmonika-Solo spielt...








Irgendwie verwirrend, vor allem wenn man sich mit dem Leben von Bob Dylan nie beschäftigt hat. Der Film lebt von den visuellen Einfällen, die Schauspieler sind alle sehr engagiert bei der Sache.  Vor allem Cate Blanchetts Leistung ist ein aussergewöhnlich, und das nicht nur, weil sie als Jude Quinn den nervösen, amphetaminberauschten Dylan der Jahre 1965–1966 mit beunruhigender Genauigkeit verkörpert. Die Besetzung einer Frau in dieser Rolle offenbart eine Dimension des bissigen Dylan dieser Ära, die selten wahrgenommen wurde .Blanchetts durchscheinende Haut, ihre zarten Finger, ihre schlanke Statur und ihre flehenden Augen deuten auf die zuvor unsichtbare Verletzlichkeit und Angst hin, die Dylans stechende Wut anheizten.Für Hardcore Fans von Dylan ist der Film sicherlich eine Offenbarung und auch ein Mysterium, wie der Künstler selbst. Allerdings befürchte ich eine mangelnde Zugänglichkeit für die breite Öffentlichkeit - ich hatte Mühe mit der sicherlich künstlerisch gut gemachten filmischen Collage. 






Bewertung: 7 von 10 Punkten. 

 

Freitag, 27. Februar 2015

Nymphomaniac

























Regie: Lars von Trier

Joe und die Männer...

Lars von Triers neuer Skandalfilm "Nymphonaniac" ist aufgrund seiner Laufzeit von insgesamt ca. 310 Minuten ein echter Monumentalfilm. Das Werk gliedert sich in zwei Teile. Part 1 ist mit ca. 130 Minuten Laufzeit etwas kürzer als Part 2 (180 Minuten) und auch wesentlich entspannter. Worum geht es ? Die Hauptfigur Joe (Charlotte Gainsbourg) wird von dem älteren Einzelgänger Seligman (Stellan Skarsgard) übel zusammengeprügelt in einer dunklen Gasse, nahe seiner Wohnung, gefunden. Er nimmt die unbekannte Frau mit sich nach Hause und damit beginnt von Triers melodramatische Orgasmus-Odyssee, denn die Fremde erzählt ihrem Helfer ihre Lebensgeschichte. Es ist die Geschichte einer Sexsüchtigen Nymphomanin, die sich deshalb für einen schlechten Menschen hält. Ihr aufmerksamer Zuhörer ist aber empathisch genug sie zu verstehen und ihr auch in ihren Schlußfolgerungen immer wieder zu widersprechen. Es ist eine Begegnung eines asexuellen Mannes, der Angst vor Nähe und Berührung hat, mit einem krassen Gegenpol: Die hypersexualität der Erzählerin. Und sie wird auch einen großen Einfluß auf ihren Zuhörer nehmen, nachdem sie ihre Geschichte erzählt hat. Diese Lebensbeichte hat Lars von Trier in 8 Kapitel eingeteilt, die ersten 5 werden in Teil 1 behandelt, Teil 6 bis 8 in der Fortsetzung. Im Alter von 15 Jahren verliebt sich die junge Jo (Stacy Martin) in den etwas älteren Jerome (Shia LaBeouf), der sie dann auch entjungfert. Dieses erste Mal ist kurz und ist für Jo erstmal enttäuschend, weil da ganz wenig Gefühl und Liebe dabei war. Sie will nie wieder mit einem Mann schlafen, doch der Vorsatz hält nicht lange. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin B (Sophie Kennedy Clark) geht sie eine Wette ein, wer beim Zugfahren die meisten Männer (u.a. James Northcote, Charlie Hawkins, Clayton Newrow) zum Sex entführen kann. Jo gewinnt nach anfänglichen Startschwierigkeiten und hat einen immer größeren sexuellen Appetit. Als sie als Sekretärin bei einer Firma anfängt, begegnet sie Jerome wieder. Der will auch gleich was im Fahrstuhl, aber sie lehnt ab, weil er nicht ihr Typ sei. Was sie aber nicht daran hindert, sich in ihn zu verlieben. In der Freizeit wechselt sie die Männer aber wie ihre Unterwäsche und spielt mit ihnen teilweise ein böses Spiel. Einen verheirateten Mann (Hugo Speer) bringt sie dazu, dass er sich von seiner Frau (Uma Thurman, in einer denkwürdigen Rolle - sie taucht bei Jo mit ihren drei kleinen Jungs auf) trennt.
Als ihr Vater (Christian Slater), den sie sehr liebt, an Krebs erkrankt und im Krankenhaus im Sterben liegt, versucht sie ihre Trauer damit zu besiegen, indem sie mit dem Krankenpfleger im Nebenzimmer schnellen Sex hat. Jerome, der zwischenzeitlich mit einer anderen Sekretärin durchgebrannt ist, wird ein drittes Mal in ihr Leben eintreten. Die beiden heiraten, doch aus heiterem Himmel, als sie gerade tollen Sex mit ihrem geliebten Ehemann hat, entdeckt sie zum Entsetzen, dass sie nichts mehr empfinden kann. So endet der erste unbefangene Teil und mündet in den düsteren und destruktiven 2. Teil, bei dem das Interesse an Sex nachgelassen hat. Aber die Sucht nach Männern besteht weiter, da sie irgendwie ihre alten Feelings wieder finden will. Dies - gehe wohl nur - mit drastischen Mitteln wie Ehebruch oder der Hinwendung und Suche nach gefährlichen Männern. Sie macht wilden Sex mit zwei dunkelhäutigen Männern, die sie auf der straße aufgelesen hat oder sucht einen versierten Sadisten (Jamie Bell)I auf, der sein Studio wie im Stil einer Arztpraxis betreibt. Es folgt die Phase der Peitschenhieben und dem Wunsch durch Schmerz wieder etwas zu empfinden. Es folgt der Gang zur Therapiegruppe, eine für den Zuschauer schwer verdauliche Abtreibung, die sie selbst vornimmt und der berufliche Einstieg als sadistische Geldeintreiberin für das Inkasso Unternehmen von L (Willem Dafoe). Irgendwann soll sie ein junge Frau P (Mia Goth) als Nachfolgerin rekrutieren, die beiden Frauen kommen sich auch sexuell nahe. In einem Pädophilen (Jean MarcBarr), der aber seine Neigung nie auslebte, sieht Joe einen Seelenverwandten. Am Ende trifft sie wieder auf Jerome, der sie dann gemeinsam mit ihrer jungen Freundin zusammenschlägt. Während Jo im Dreck liegt, treibt es P mit Jerome auf einem Mülleimer, der an der Ecke steht...



.mit der Schlußszene verabschiedet sich das enfant Terrible des europäischen Films recht verstörend und makaber aus seinem Film-Monstrum, der trotz der extremen Länge, nie langweilig wird. In der Rahmenhandlung kommentiert der Zuhörer Seligmans Joes Offenbarungen immer wieder auf eigenartige, sehr versöhnliche und plausible Weise. Da vergleicht er dann auch ihre Verführungstechniken mit denen des Fliegenfisches oder es kommt auf die klassische Musik, auf Bach und auf die Fibonacci-Folge zu sprechen, auf die Polyphonie des Werkes - also drei ganz unterschiedliche Elemente der Komposition, die schließlich zur größten Perfektion und somit auch zum höchsten Glück führen. Und was für die Musik gilt, dass kann man auch auf den besten Geschlechtsverkehr ever umdeuten.  Der Regisseur selbst hat ja sein skandalträchtiges Epos als Geschichte von Geilheit und Glücksstreben angekündigt. Interessanterweise kam dann auch Teil 1, der spielerisch über die Möglichkeiten der sexuellen Emanzipation berichtet mit einer jungen, fast noch naiven Joe um einiges besser an als als der ernüchternde und destruktive bis depressive 2. Teil mit einer auf ganzer Linie getriebenen Antiheldin, die durch Promiskuität bis hin zum Sadomasochismus auf der Suche nach einer neuen Inspiration ihrer nicht mehr vorhandenen Lust ist. von Triers Film ist auf alle Fälle sehr vielschichtig und interessant gestaltet. Charlotte Gainsbourg war die perfekte Wahl für diese kranke Protagonistin, sie entführt den Zuschauer in eine triste Seelenwelt, aus der es wohl kein Entkommen oder eine Erlösung gibt. Dieser hat sich wohl eher auf einen überlangen Film mit viel Sex und vielen Tabubrüchen einerseits gefreut, andererseits erwartet, um sich darüber zu echauffieren. Im Grunde muss man aber in der heutigen, weitestgehend weichgespülten und durchweg poliitsch korrekten Filmwelt freuen, dass es noch so cinematografische Quertreiber wie Lars von Trier gibt. Selbst wenn seine Filme mitunter "runterziehend" sind. Die eine oder andere Provokation müsste er nicht immer noch draufsetzen (bsp. die Abtreibungsszene, die auf mich tatsächlich schockierend war) , aber insgesamt regt der Film doch zum Nachdenken an. Stellenweise - in solchen Szenen, wenn Joe ihren Schicksalsbaum auf einer Anhöhe findet - ist man gefragt sich über den Sinn zu studieren. "Nymphomaniac" hat trotz der vielen Sexszenen, der vielen agierenden Genitalien immer wieder eine intellektuelle, reflektierende Ebene. Es schwingt immer eine gewisse Unbequemlichkeit mit auf dem lebensweg dieser Joe, denn die heitere Schlüpfrigkeit wird durch diese bis zum Schluß anhaltende verzweifelte Getriebenheit ersetzt. Aus der Groteske entsteht das Drama. Man könnte sogar meinen, dass von Trier die eigentliche Struktur des Films immer wieder mit Provokationen "auflockert" - in einer längeren Sequenz, bei der es um "Ostkirche" und "Westkirche" geht, darf man schon mal mutmaßen mit welcher Freude der Däne hier eine klassisch bhlasphemische Richtung anbietet - die Kritiker werden den Stäbchen der Empörung allzu gerne wie der Pawlowsche Hund nachrennen.   Von Trier selbst sieht ja den Film als Abschluß seiner Depressionstrilogie (Name passt perfekt), daher komplettiert dieser Monumentalfilm der besonderen Art das Trio, zu dem auch "Antichrist" und "Melancholia" gehören. In Joe spiegelt sich jedenfalls auch eindrücklich das Leid einer abgestumpften Gesellschaft. Der größte Coup ist aber von Trier deshalb gelungen, weil sein Film beim ersten Sehen interpretatorisch gar nicht zu fassen ist - klar scheint nur, dass der Film trotz expliziten und drastischer Szenen viel mehr von den Assoziationen lebt, die er zum Auslösen in der Lage ist.  Der Cineast wird wohl erst in einer Retrospektive besser klären können, ob da Kunst, Pornographie, Schrott oder Meisterwerk ist.  Für mich ist "Nymphomaniac" nichts von alledem. Aber immerhin ein interessanter Film, der mit etwas Wehmut an die großen Skandalfilme der 70er Jahre erinnert und ein weiterer komplexer Arthausfilm des Regisseurs, von dem ich weiterhin mit großem Abstand seinen 1991 entstandenen "Europa" favorisiere - diese Noirsche Eisenbahnfahrt durch ein dunkles Nachkriegsdeutschland. Dies ist von Triers Meisterwerk für mich und der einzige, der mich von seinen vielen guten Filmen richtig begeisterte.



Bewertung: 7 von 10 Punkten.