Regie: Eric Rohmer
Sommerflirts...
"La Collectionneuse" (deutsch: Die Sammlerin) ist der vierte von insgesamt sechs moralischen Geschichten, die Rohmer gefilmt hat. Sie alle sollen moralische Aspekte in der Beziehung von Menschen untersuchen. Diese sechs Filme entstanden alle in der Zeit zwischen 1962 bis 1972. Angefangen mit dem 22minütigen Kurzfilm "Die Bäckerin von Monceau", dem "Die Karriere von Suzanne" folgte, der bereits mehr als Doppelte der Laufzeit hatte. Obwohl mit "Meine Nacht mit Maud" zwei Jahre später als "Die Sammlerin" entstand, war er nach Rohmers Zählung der dritte Film der Erzählung. Danach inszenierte er die beiden letzten der moralischen Geschichten: "Claires Knie" und "Liebe am Nachmittag". Der 1967 entstandene "Die Sammlerin" gehört zweifelsohne zu Rohmers schönsten Filmen. Man erlebt hier, wie die Prinzipien, mit denen sich die Figur des Adrien an seinen Urlaub herangegangen ist, allein durch die Anwesenheit eines langbeinigen Mädchens zerbröcheln. Und man schmunzelt ein bisschen, wie dieser Mann die Prinzipien in einem anspruchsvollen Kommentar zu verteidigen sucht. All dies geschieht im Sommer an der Cote d´Azur bei wunderbarem Wetter. Doch die lockere Sommergeschichte läuft mit einem seltsamen Kontrast ab, der dem Film eine bis zum Schluß eigentümliche Stimmung verleiht. Einmal leistete der Kameramann Nestor Almendros eine hervorragende Leistung - und dies obwohl wenig Geld vorhanden war und diese sehr begrenzten Mittel einer klaren und schmucklosen Darstellung im klassischen Rohmer-Stil dienten, der stets dem Dialog (hier in Zusammenarbeit mit den drei Protagonisten selbst verfasst) und der Gestaltung sentimentaler Situationen Vorrang einräumte. Adrien (Patrick Bauchau), ein Antiquitätenhändler, der Arbeit und Liebe überdrüssig ist und seine Verlobte (Mijanou Bardot) vernachlässigt, die allein nach London reiste, um dort zu arbeiten, beschließt, den Sommer 1967 in einer Villa in der Nähe von Saint Tropez zu verbringen , die ihm sein reicher Freund Rodolphe zur Verfügung gestellt hat ; er wird von Daniel (Daniel Pommereule), einem gemeinsamen Freund, begleitet. Dort angekommen, warnt Daniel ihn, dass es noch eine dritte Bewohnerin geben würde. Genauer gesagt, eine dritte weibliche Bewohnerin : Sie heißt Haydée (Haydee Politoff), mit der Rodolphe zuvor eine Affäre gehabt hatte und die er spontan zu sich eingeladen hatte. Adrien steht im Morgengrauen auf, schwimmt im Meer, liest im Schatten eines Baumes und geht auch früh zu Bett. Alles angenehme und für ihn ungewöhnliche Aktivitäten. Haydée hingegen meidet er so gut es geht, da sie jede Nacht mit einem anderen Jungen verbrachte. Verärgert tun sich Adrien und Daniel zusammen, um Haydée, die etwa zehn Jahre jünger ist als sie, einzuschüchtern. Sie beschimpfen sie als kleine Sammlerin und verbieten ihr, weitere One Night Stands mit nach Hause zu bringen. Nachdem Adrien eine Weile geschmollt hat, beginnt er, Haydée den Hof zu machen. Er gesteht ihr seine Gefühle, sagt ihr aber, dass sein Moralkodex es ihm verbietet, mit ihr zu schlafen. Deshalb bittet er sie, ein leichteres Ziel zu verführen, nämlich Daniel. Daniel und Haydée schlafen eine Zeit lang miteinander, doch nach einiger Zeit wird Daniel ihr gegenüber launisch und verlässt sie, nachdem er sie beleidigt hat. Adrien tröstet die verletzte junge Frau und schmiedet einen neuen Plan, um ihr Interesse zu wecken. Er hat eine seltene chinesische Vase mitgebracht, die er dem wohlhabenden, aber unhöflichen amerikanischen Sammler Sam (Seymour Herzberg) überbringen soll, der an Haydée interessiert ist. Sam lädt sie zum Abendessen und zur Übernachtung in seine Villa ein. Adrien vereinbart mit Haydée, dass er am nächsten Morgen vorgeben wird, geschäftlich unterwegs zu sein, und sie dort zurücklässt, damit sie Sam verführen kann. Doch als er am Abend zurückkehrt, um sie abzuholen, wendet sich Sam gegen Adrien und beleidigt ihn, während er mit Haydée flirtet, die daraufhin seine kostbare neue Vase umstößt. Adrien und Haydée verlassen den Amerikaner und fahren gemeinsam zurück. Unterwegs denkt Adrien, dass Haydée eigentlich ein gutes Herz hat und dass er, jetzt wo Daniel weg ist, seine letzte Urlaubswoche mit ihr genießen kann. Zwei Männer in einem italienischen Sportwagen erkennen Haydée, die aussteigt, um mit ihnen zu sprechen. Als sie Haydée einladen, mit ihnen nach Italien zu kommen , holt sie ihre Reisetasche aus Adriens Auto. Nach kurzem Warten lässt er sie bei den Männern und kehrt allein zur leeren Villa zurück. Nun kann er seinem Ziel, in Ruhe zu lesen und zu schwimmen, nachgehen, merkt aber, dass ihm diese Aktivitäten allein keinen Spaß mehr machen. Daraufhin greift er zum Telefon, um einen Platz im nächsten Flug nach London zu buchen...
Rohmer greift in seinem Film wiederkehrende Themen wie Begierde, Treue und Freundschaft zwischen den Geschlechtern auf. Auch der häufige Einsatz des Off-Kommentars ist eines von Rohmers Stilmitteln. Rohmers entomologischer Blick zeichnet – mit klarer Natürlichkeit und Einfachheit – das Alltagsleben seiner Figuren auf : Die Schauplätze sind der Gegenwart entlehnt (er ist heute noch so modern wie vor 50 Jahren9 aber die raffinierte Philosophie und der Ton der Erzählung erinnern auch an die Literatur des 19. Jahrhunderts. Der interessante Film wurde mit dem Silbernen Bären von Berlin geehrt.
Bewertung: 9 von 10 Punkten.
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