Donnerstag, 16. April 2015

Was nützt die Liebe in Gedanken

























Regie: Achim von Borries

Die Steglitzer Schülertragödie....

Berlin im Sommer 1927, ein heißes Wochenende wird erwartet. Paul Krantz (Daniel Brühl), ein junger Schüler mit einer außgewöhnlichen poetischen Begabung, stammt aus einer Arbeiterfamilie und ist befreundet mit Günther Scheller (August Diehl), dessen Familie zum gehobenen Bürgertum gehört. Beide besuchen das gleiche Gymnasium. Und beide sind verliebt. Paul hat ein Auge auf Günthers jüngere Schwester Hilde (Anna Maria Mühe) geworfen, der wilde und sehnsuchsvolle Günther begehrt den flatterhaften Koch Hans Stephan (Thure Lindhardt). Die beiden Freunde verbinden insbesondere die Gedanken um Sterben und Liebe und um jenen höchsten Punkt im Leben, wie sie ihn nennen. Liebe ist für sie der einzige Grund, für den man zu sterben bereit sein müsste. So inspiriert durch diese gewisse Todessehnsucht gründen sie ein Art Selbstmörderclub. Die Regeln sind einfach, es wird als gemeinsame Willenserklärung festgehalten, das Leben in dem Augenblick zu beenden, in dem keine Liebe mehr empfunden werden kann. Ausserdem sollen all diejenigen mit in diesen Tod gerissen werden, die diese Liebe zerstört haben. Eine fatale Idee, die an diesem Sommertag dann in ein rauschendes Fest im Sommerhaus der Schellers einmündet. Dort treffen sich die Freunde der beiden Studenten, die Jugendlichen trinken zu Tanz und Poesie viel Absinth und je später der Abend desto mehr Gefühle und Begehren. Paul ist aber irritiert von Hildes sexueller Freizügigkeit und im Laufe des Abends wird ihm klar, dass Hilde ebenfalls - genauso wie ihr Bruder - ein Verhältnis mit Hans hat. Der weiß zwar von dem doppelten Spiel seines Lovers, aber im Luafe des Abends wird die Eifersucht zunehmend größer. Hildes beste Freundin Elli (Jana Pallaske) ist ebenfalls Gast dieser Sommerparty - auch sie liebt unglücklich, denn Paul hat ja nur Augen für Hilde. Am Tag danach...am 28. Juni 1927 kommt es zu einem Vorfall, der als Steglitzer Schülertragödie in die Kriminalgeschichte der Weimarer Republik eingeht...


 Der Film zeigt die sich zur Katastrophe entwickelnden Dynamiken der Jugendlichen in einer Rückblende als der Oberschüler Krantz in Untersuchungshaft sitzt. In sehr schön fotografierten, beinahe schon fragilen Bildern zeigt Regisseur Achim von Borries seine Geschichte. Auslöser waren einerseits die intimen Beziehungen Hildes zu Paul und Hans und andererseits vor allem die unglückliche Liebe des introvertierten Günther zu Hans. In der Berliner Albrechtsstraße 72 C vollzieht sich das Schicksal, dass mit zwei Toten endet. Paul Krantz wurde gegen die Waffenordnung und gemeinschaftlichen Totschlags angeklagt - das Schwurgericht des Landgerichts Berlin-Moabit verurteilte den Angeklagten aber nur wegen unerlaubten Waffenbesitz zu drei Wochen Haft, die natürlich mit der monatelangen Untersuchungshaft verbüßt waren. Der Fall erregte damals nicht nur in der Weimarer Republik für großes öffentliches Interesse. Auch im Ausland wurde die Tragödie um Liebe und Tod bekannt. Die Presse lamentierte über den angeblichen sittlichen Verfall der Jugend. Krantz schrieb unter seinem Pseudonym Ernst Erich Noth Teile des Vorfalls in seinem Roman "Die Mietskaserne" nieder. Natürlich wurden diese autobiografischen Aufzeichnungen kurz vor der Machtergreifung der Nazis als "undeutsch" verboten. Dem Regisseur gelang ein sehr stimmungsvolles und atmosphärisch dichtes Sittenbild dieser Zeit. Daniel Brühl ist als Paul Krantz zuerst der Komplize, dann der Beobachter, der nicht so weit gehen wird wie sein bester Freund Günther, gespielt von August Diehl, der sowohl Verletzlichkeit als auch Arroganz seiner Figur perfekt darstellt. Beide Schauspieler agieren hervorragend als diese entwurzelten Jugendlichen, die nach dem Sinn des Lebens fragen. Nicht nur die leichte Sommerbrise ist zu spüren, wenn die beiden Freunde in ihren weißen luftigen Hemden durchs Feld laufen...ein starker Hauch von Tristesse liegt ebenso in der Luft. Die Darsteller zeigen überzeugend die ganze Unschuld, den großen Wagemut und auch die indivuellen Besessenheiten dieser Jugendlichen des Jahres 1927. Man erkennt, dass die Grundfragen und elementare Dinge immer die gleichen blieben. Dazu gibt es die Lieder der Zwanziger Jahre. Das Leben der beiden Freunde scheint nur zwei Dimensionen zu kennen: Entweder die bedingungslose Liebe oder der Tod.



Bewertung: 8 von 10 Punkten.

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