Regie: Andre Cayatte
Berufsrisiko....
In Thomas Vinterbergs "Die Jagd" aus dem Jahr 2012 wird der
Erzieher Lucas aufgrund der Aussage eines kleines Mädchens verdächtigt
das Kind sexuell missbraucht zu haben. Ein solcher Verdacht ist
gleichbedeutend wie eine Verurteilung - denn die Leute reden und sie
brauchen einen Schuldigen für ein solches Vergehen. Der französische
Filmregisseur hat 1967 - also 45 Jahr vor Vinterberg - mit "Les risques
du metier" einen ähnlichen Film gedreht Natürlich mit der damaligen
Sichtweise auf solche Verbrechen. Cayatte, der auch Rechtsanwalt war,
kannte sich aus mit dem Justizapparat und man kann davon ausgehen, dass
die Verhörmethoden in "Les risques du metier" den damaligen
Gepflogenheiten durchaus entsprochen haben. Mit den Augen von Heute kann
man sich kaum mehr vorstellen, dass das vermeintliche Opfer neben dem
Beschuldigten sitzen muss, während der Untersuchungsrichter (Gabriel
Gobin) beider Aussagen aufnimmt. Auch die ermittelten Polizisten gehen
nicht gerade zimperlich mit dem jungen Mädchen Helene Arnaud (Nathalie
Nell) um und drohen ihr damit, die Jungfräulichkeit zu überprüfen und
gehen sie auch körperlich etwas an.
Methoden, die heute zum Glück der Vergangenheit angehören - aber
gerade diese rüden Methoden sind es am Ende, die den Fall in "Les
Risques du metier" erfolgreich aufklären - und dies darf durchaus zu
denken geben.
Andre Cayattes hat sich in seinem Filmen sehr oft mit den Problemen
und Missständen der französischen Justiz beschäftigt - seine
bekanntesten Filme sind "Schwurgericht", "Vor der Sintflut" und "Wir
sind alle Mörder" - aber es gibt von ihm leider nur sehr wenige Filme
auf DVD. "Les Risques du metier" ist vielleicht ein Anfang - den Titel
kann man mit "Berufsrisiko" übersetzen, der deutsche Verleih gab dem
Film allerdings den Namen "Verleumdung".
Und somit beschäftigt sich die Geschichte damit, ob es sich bei der
Anschuldigung, die die kleine Catherine Roussel (Delphine Desyeux)
gegen ihren Lieblingslehrer Jean Doucet (jacques Brel) erhebt, um die
Wahrheit handelt. Kann es sein, dass es dieser sympathische Mitbürger in
Wirklichkeit auf kleine minderjährige Mädchen abgesehen hat und auch
nicht davor zurückschreibt die Kinder anzugrabschen. Natürlich will
Madame Rousell (Christine Fabrega) Anzeige erstatten, ihr Mann glaubt
zwar den Schilderung seiner Tochter nicht so ganz - aber immerhin wird
der Bürgermeister (Rene Dary) in dieser Sache eingeschaltet. Der will
den Skandal klein halten und rät Doucet am Ende des Schuljahres einen
Wohnungswechsel zu machen. Seiner Frau Suzanne (Emmanuelle Riva),
ebenfalls Lehrerin, käme dieser Tapetenwechsel gerade recht, denn sie
langweilt sich in der Kleinstadt. Doch ihr Mann lehnt diesen Vorschlag
rigoros ab, schließlich wäre es ein Eingestehen der Schuld - und er hat
sich nun mal überhaupt nichts vorzuwerfen. Doch die Ereignisse
überschlagen sich, denn auch die Klassenbeste Helene erhebt einen
ähnlichen Vorwurf, der von ihrer besten Freundin Brigitte Canet
(Christine Simon) noch bestätigt wird. Und noch ein drittes Kind aus
Jeans Klasse (Chantal Martin) hat plötzlich ein Photo des Lehrers in
Badehose. Ist doch etwas dran an diesen Beschuldigungen. Im Laufe der
Geschichte spielt noch eine ehemalige Schülerin von Jean (Muriel
Baptiste) und ein junger Saisonarbeiter aus Portugal (Michel Buades)
eine wichtige Rolle...
Natürlich ist der Fall mit drei Anschuldigungen und jeweils
unterschiedlichen Motivation etwas konstruiert, vielleicht hätte man das
dritte Mädchen weglassen können. Dennoch ist Cayattes Film sehr
spannend und hat ein gewisses Claude Chabrol Flair, denn hinter der
Oberfläche der Kleinstadt tauchen viele Heucheleien und Egoismen auf.
Cayatte zeigt auch die schmutzige Fratze des Mob, der noch vorher mit
dem Lehrer gemeinsam und harmonisch in einer Kneipe saß - der gleiche
Mob spuckt ihm auch ins Gesicht, als er bei der Festnahme im Polizeiauto
durch die neugierige und gaffende Menge fährt. Besonders Emmanulle Riva
als Frau des Verdächtigen, die ruhig bleibt und nicht in Panik gerät
und dennoch alles erdenkliche tut um ihren Mann zu entlasten, spielt
hervorragend. Für den Chansonier Jacques Brel (Seasons in the Sun) war
es der erste Kinoauftritt.
Bewertung: 7 von 10 Punkten.
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