Montag, 18. März 2019

Verleumdung

























Regie: Andre Cayatte

Berufsrisiko....

In Thomas Vinterbergs "Die Jagd" aus dem Jahr 2012 wird der Erzieher Lucas aufgrund der Aussage eines kleines Mädchens verdächtigt das Kind sexuell missbraucht zu haben. Ein solcher Verdacht ist gleichbedeutend wie eine Verurteilung - denn die Leute reden und sie brauchen einen Schuldigen für ein solches Vergehen. Der französische Filmregisseur hat 1967 - also 45 Jahr vor Vinterberg - mit "Les risques du metier" einen ähnlichen Film gedreht Natürlich mit der damaligen Sichtweise auf solche Verbrechen. Cayatte, der auch Rechtsanwalt war, kannte sich aus mit dem Justizapparat und man kann davon ausgehen, dass die Verhörmethoden in "Les risques du metier" den damaligen Gepflogenheiten durchaus entsprochen haben. Mit den Augen von Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass das vermeintliche Opfer neben dem Beschuldigten sitzen muss, während der Untersuchungsrichter (Gabriel Gobin) beider Aussagen aufnimmt. Auch die ermittelten Polizisten gehen nicht gerade zimperlich mit dem jungen Mädchen Helene Arnaud (Nathalie Nell) um und drohen ihr damit, die Jungfräulichkeit zu überprüfen und gehen sie auch körperlich etwas an.
Methoden, die heute zum Glück der Vergangenheit angehören - aber gerade diese rüden Methoden sind es am Ende, die den Fall in "Les Risques du metier" erfolgreich aufklären - und dies darf durchaus zu denken geben.
Andre Cayattes hat sich in seinem Filmen sehr oft mit den Problemen und Missständen der französischen Justiz beschäftigt - seine bekanntesten Filme sind "Schwurgericht", "Vor der Sintflut" und "Wir sind alle Mörder" - aber es gibt von ihm leider nur sehr wenige Filme auf DVD. "Les Risques du metier" ist vielleicht ein Anfang - den Titel kann man mit "Berufsrisiko" übersetzen, der deutsche Verleih gab dem Film allerdings den Namen "Verleumdung".
Und somit beschäftigt sich die Geschichte damit, ob es sich bei der Anschuldigung, die die kleine Catherine Roussel (Delphine Desyeux) gegen ihren Lieblingslehrer Jean Doucet (jacques Brel) erhebt, um die Wahrheit handelt. Kann es sein, dass es dieser sympathische Mitbürger in Wirklichkeit auf kleine minderjährige Mädchen abgesehen hat und auch nicht davor zurückschreibt die Kinder anzugrabschen. Natürlich will Madame Rousell (Christine Fabrega) Anzeige erstatten, ihr Mann glaubt zwar den Schilderung seiner Tochter nicht so ganz - aber immerhin wird der Bürgermeister (Rene Dary) in dieser Sache eingeschaltet. Der will den Skandal klein halten und rät Doucet am Ende des Schuljahres einen Wohnungswechsel zu machen. Seiner Frau Suzanne (Emmanuelle Riva), ebenfalls Lehrerin, käme dieser Tapetenwechsel gerade recht, denn sie langweilt sich in der Kleinstadt. Doch ihr Mann lehnt diesen Vorschlag rigoros ab, schließlich wäre es ein Eingestehen der Schuld - und er hat sich nun mal überhaupt nichts vorzuwerfen. Doch die Ereignisse überschlagen sich, denn auch die Klassenbeste Helene erhebt einen ähnlichen Vorwurf, der von ihrer besten Freundin Brigitte Canet (Christine Simon) noch bestätigt wird. Und noch ein drittes Kind aus Jeans Klasse (Chantal Martin) hat plötzlich ein Photo des Lehrers in Badehose. Ist doch etwas dran an diesen Beschuldigungen. Im Laufe der Geschichte spielt noch eine ehemalige Schülerin von Jean (Muriel Baptiste) und ein junger Saisonarbeiter aus Portugal (Michel Buades) eine wichtige Rolle...



Natürlich ist der Fall mit drei Anschuldigungen und jeweils unterschiedlichen Motivation etwas konstruiert, vielleicht hätte man das dritte Mädchen weglassen können. Dennoch ist Cayattes Film sehr spannend und hat ein gewisses Claude Chabrol Flair, denn hinter der Oberfläche der Kleinstadt tauchen viele Heucheleien und Egoismen auf. Cayatte zeigt auch die schmutzige Fratze des Mob, der noch vorher mit dem Lehrer gemeinsam und harmonisch in einer Kneipe saß - der gleiche Mob spuckt ihm auch ins Gesicht, als er bei der Festnahme im Polizeiauto durch die neugierige und gaffende Menge fährt. Besonders Emmanulle Riva als Frau des Verdächtigen, die ruhig bleibt und nicht in Panik gerät und dennoch alles erdenkliche tut um ihren Mann zu entlasten, spielt hervorragend. Für den Chansonier Jacques Brel (Seasons in the Sun) war es der erste Kinoauftritt.



Bewertung: 7 von 10 Punkten. 
 

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