Samstag, 10. Dezember 2016

Die untreue Frau

Regie: Claude Chabrol

Die Beseitigung des Nebenbuhlers...

Für viele Fans des französischen "Hitchcock" Claude Chabrol ist der 1968 entstandene dramatische Filmkrimi "Die untreue Frau" seine beste Arbeit überhaupt. Wobei die vier Nachfolgefilme "Das Biest muß sterben", "Der Schlachter", "Der Riß" und "Vor Einbruch der Nacht" sowie die beiden 1978 entstandenen "Blutsverwandte" und "Violette Noziere" mindestens genauso stark sind.
Auffallend ist aber bei "La femme infidele" - so der Originaltitel - die geniale wie äusserst ruhige und kühle Präzision wie sich die Geschichte entwickelt. Typisch für die besten französischen Spielfilme dieser Zeit, auch Jean Pierre Melvilles "Der eiskalte Engel" funktioniert wie ein präzise konstruiertes Uhrwerk. Unterschiedlich ist aber das Grundgerüst mit der ein Mord abläuft. Melvilles Killer entspringt aus dem amerikanischen Film Noir, sein Held ist ein geheimnisvoller Einzelgänger. Ein Killer ohne Moral, aber einem unumstößlichen Ehrenkodex verpflichtet. Chabrols Protagonist entspringt da einer Kolportagegeschichte aus dem gehobenen Bürgertum. Er verneint nicht die Gesellschaft, sondern er mordet aus einer Situation heraus, die jedem widerfahren könnte.
Wir lernen dabei das Ehepaar Charles (Michel Bouquet) und Helene Desvallees (Stephane Audran) kennen. Eine scheinbar glückliche und harmonische Ehe, wie die ersten Szenen in schönen Bildern und leuchtenden Farben vermitteln. Auch der gemeinsame kleine Sohn Michel (Stephane di Napoli) wirkt sehr glücklich in der liebevollen elterlichen Obhut. Er ist Klassenbester und ein aufgeweckter Junge. Charles Schwiegermutter meint aber zu  Helene, dass Charles dringend abnehmen müsste - er hat doch ein paar Fettpolster im Lauf der Zeit angesetzt. Kein Wunder: Der Mann ist erfolgreicher Jurist und hat ein Anwaltsbüro in Paris. Dort sitzt er meistens und zuhause in der Nähe von Versailles, in seinem schönen Haus mit großem Garten ruht  er aus. Sie führen ein luxuriöses Leben...nur der gemeinsame Sex scheint keinen Platz mehr zu haben in dieser bürgerlichen Wohlfühlidylle. Und den holt sich Helene heimlich bei einem Liebhaber (Maurice Ronet) in dessen Pariser Wohnung. Charles hatte davon keine Ahnung, aber ein Telefonat macht ihn verdächtig. Er versucht der Frau nachzuspionieren. Ausserdem schlägt er ihr vor wieder mal einen Abend in Paris mit Freunden zu verbringen. Helene geht doch gerne aus und tanzt sehr gerne. Aber erst ein Privatdetektiv bringt die letzte Gewißheit. Er verschweigt Helene, dass er Bescheid weiß. Statdessen besucht er den Rivalen, der Viktor Pegalla heißt, auf. Im Laufe dieses Zusammentreffens eskaliert die Situation von einem Moment zum anderen. Viktors Leiche liegt erschlagen auf dem Boden. Der Affekthandlung folgt die behutsame und planvolle Beseitigung von Blut, Fingerabdrücken und die Leiche wird in einem abgelegenen Teich versenkt...



In diesem Moment wird natürlich Hitchcocks berühmtester Film "Psycho" zitiert. Wie Norman Bates darauf wartet, dass das Auto im Wasser verschwindet, wartet auch Charles darauf, dass der eingebundene Leichnam untergeht und damit jeglicher Beweis vernichtet wird. Er kehrt dann als liebevoller Ehemann - wie wenn nichts gewesen wäre - nach Hause zurück. Nur unterbewusst scheint die Frau etwas zu bemerken. Er als Täter und Sie in einer Ahnung begegnen sich auf einmal etwas aggressiver. Natürlich wird die Polizei wegen Victors Verschwinden vorbeischauen, denn Helenes Telefonnummer ist ein Anhaltspunkt. Sie sagt dann, dass sie ihn flüchtig kennt und kann sich nicht vorstellen, dass ein Mann einfach so von der Bildfläche verschwindet. Sie kommen ein zweites Mal und bevor sie ein drittes Mal erscheinen, entdeckt die Frau im Jackett ihres Mannes die Fotografie ihres verschwundenen Geliebten mit den Angaben seiner Adresse. Sie verbrennt das Bild und beide werden "Ich liebe dich" über die Lippen bringen. Ob die Polizei dann etwas herausgefunden hat und ob Charles als Mörder überführt wird lässt Chabrol offen. Der Zuschauer wird im Dunkel gelassen. Einmal mehr funktioniert das geniale Kunststück, dass man als Zuschauer sich längst schon mit dem Mörder aus Liebe identifiziert hat und eigentlich wünscht, dass er nicht geschnappt wird. Chabrol hat genauso wie Hitchock in "Psycho" den Zuschauer zum komplizen des Mörders gemacht.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Der eiskalte Engel

























Regie: Jean-Pierre Melville

Jeff Costello....

"Was sind sie für ein Mensch ?" - diese Frage wird die junge Pianistin Valerie (Cathy Rosier) im Laufe des Films "Der eiskalte Engel" an den stillen, geheimnisvollen und geräuschlosen Berufskiller Jeff Costello, gespielt von Alain Delon, stellen. Dabei ist sie sehr interessiert daran, was dieser Fremde vorhat und spielt dabei mit dem Feuer, ja sogar mit dem eigenen Leben. Denn sie ist für den Kommissar (Frrancois Perier) die wichtigste Zeugin in dem zu ermittelnden Mordfall. Valerie hat den Mörder aus dem Zimmer des toten Nachtclubbesitzers kommen sehen.
Und Jeff Costello ist an der schönen Frau auch deshalb interessiert, weil er wissen will, warum sie ihn bei der Gegenüberstellung der Polizei hat die dunkelhäutige Schönheit vorgegeben ihn noch nie gesehen zu haben.
Dabei hat der zynische und perfektionistische kommissar eine massive Großrazzia durchgeführt, wo Costello mit ca. 400 anderen üblichen Verdächtigen des Milieus mehr oder weniger zufällig auf der Polizeiwache landeten und den wenigen Zeugen gegenübergestellt wurden. Nun ist Jeff Costello frei - dank der Pianistin und dank seiner Geliebten Jeanne (Nathalie Delon), die obwohl liiert mit dem  Killer eine heimliche Affäre pflegt.
Jean-Pierre Melvilles Meisterwerk "Der eiskalte Engel" ist eine Art Hommage an die schwarze Serie, auch wenn Melville den präzise ablaufenden Kriminalfilm in großartige farbiger Optik inszeniert hat. Eine Weltklasse Kameraarbeit von Henri Decae. Und Alain Delon liefert als dieser eiskalte Engel tatsächlich die beste Rolle seiner Laufbahn ab. Im Original heißt der Film "Le Samurai" und deutet damit auch die Machart des kühlen Großstadtreißers an. Jeff Costello, die Hauptfigur ist eine Kino-Kunstfigur, deren Schicksal präzise und uanusweichlich nach festen Regeln und vor allem nach Ritualen und einem Ehrenkodex abläuft. Der Gangsterfilm mit deutlichen Anleihen zur griechischen Tragödie. Als Motto dient der Satz "Es gibt keine größere Einsamkeit als die des Samurai, es sei denn die des Tigers im Dschungel" - und auf Jeff Costello treffen beide Begriffe zu. Er geht bei seiner Arbeit methodisch vor, wirkt asexuell und ist offensichtlich ein Mann ohne Moral - aber mit einem Sinn für Ehre. Alles beginnt in seiner schäbigen Pariser Wohnung. Nur ein Vogel in einem Käfig, der ständig zirpt, ist sein Mitbewohner. Einen beigen Trenchcoat, ein grauer Hut mit schwarzem Rand - fertig ist das Outfit für seinen Auftrag, den er nun in einer Jazzbar ausführen muss. Dabei hat er alles minutiös geplant, deshalb haben die Auftraggeber auch genau ihn ausgewählt. Als er am anderen Tag - nach dem Mord und nach der Polizeirazzia - am verabredeten Treffpunkt sein Honorar abholen wird, kann er nur mit viel Glück seinem eigenen Killer entkommen. Er begreift, dass er für seine Auftragsgeber zum Sicherheitsrisiko geworden ist. Ausserdem hat er die Pianistin als Augenzeugin nicht erledigt, das macht ihn zusätzlich erpreßbar. Aus dem Killer ist nun der Gejagte geworden. Der kommissar mit dem guten Riecher hat ihn - trotz Alibi - auch noch als Hauptverdächtiger im Visier...



 

Das rythmische Film-Meisterwerk läuft präzise wie ein Uhrwerk ab und fasziniert von Anfang bis Ende. Faszinierend seine Filmfiguren und faszinierend das kühle Paris mit einem sehr amerikanischen Einschlag. Jazzbars, Hinterhöfe und Metrostationen - alles läuft fast still und nur wenigen Dialogen ab. Melville selbst hat einmal angegeben, dass sein Jeff Costello mit dieser ausdruckslosen Mine und mit einer Emotion unter dem Gefrierpunkt alle Voraussetzungen für das Krankheitsbild des schizoiden Persönlichkeitsgestörten mit sich bringt. Durch den erfunden Verweis auf das Bushido Buch hat der Film seine abstrakte, mythische und zeitlose Aura bereits angelegt. Der Schlußteil in der Bar vollendet dann auch perfekt die Studie über Einsamkeit.






Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Montag, 5. Dezember 2016

Die Chorknaben

























Regie: Robert Aldrich

Aus dem Alltag des LAPD....

Im Jahr 2016 wirkt "Die Chorknaben" von Robert Aldrich aus dem Jahr 1977 erschreckend aktuell. In den USA wurde die Polizei noch nie so hart kritisiert als jetzt, immer wieder werden die Gesetzeshüter beschuldigt viel zu schnell im Gebrauch mit der Schußwaffe zu sein. Vor allem dunkelhäutige Verdächtige laufen Gefahr von den Cops "in Notwehr" erschossen zu werden. Diese Fälle sorgten für eine Gewaltspirale auf die Polizisten, im Falle von erneuten Eskalationen herrscht beinahe schon eine Bürgerkriegsstimmung wie in den 60er Jahren. "Die Chorknaben" wurde in den 70ern zu einem guten Kinoerfolg, bei der Kritik kam Aldrichs bissiger Kommentar über eine Polizeieinheit aus Los Angeles nicht besonders gut weg. Einige ordneten ihn in den Bereich der Comedy ein, doch für einen heiteren Polizeifilm war das Szenario wohl nicht lustig genug. Und für eine Satire war die Geschichte dann doch irgendwie zu realistisch. Sicherlich gabs auch viele Zuschauer, die den Film einfach nur als Unterhaltungsfilm über eine verrückte Polizeitruppe wahrnahm. Aber in Wahrheit steckte da schon viel mehr drin als aus den Epsioden aus dem Alltag des LAPD. Die meisten im geschilderten Revier fahren zu zweit auf Streife. So bilden der aggressive und keine Spur empathische Roscoe Rules (Tim McIntire) mit dem noch sehr jungen Grünschnabel Dean Proust (Randy Quaid) ein Team. Der Youngster sieht dann hilflos zu, wie Roscoe es schafft eine potentielle Selbstmörderin so sehr zu reizen, dass sie dann auch tatsächlich vom Hochhaus springt. Oder wie er bei einer Massenschlägerei zwischen Schwarzen und Latinos so rassistisch agiert, dass sie die beiden Streitparteien zusammentun und die Bullen fast krankenhausreif prügeln. Der schon ältere, dickliche aber sehr abgebrühte "Spermwhal" Whalen (Charles Durning) hat Baxter Slate (Perry King) zum Partner und ein weiteres Zweierteam wird von Harold Bloomgaard (James Woods) und Sam Lyles (Don Stroud) gebildet. Sam ist mit Baxter befreundet, ist ein Vietnamveteran und bekommt in geschlossenen Räumen leicht Panik. Calvin Motts (Louis Gosset jr) hat mit seinem Partner Francis Tanaguchi (Clyde Kutsatsu) auch kein leichtes Los gezogen - sein Kompagnon gefällt sich mit Vampirzähnen und agiert als "Beißer" bei den Arbeitskollegen.
Alle Männer dieser Einheit sind "Die Chorknaben" - ihr Chef (Robert Webber) kann diesen wilden, eingeschworenen Haufen nicht konrollieren.
Wenn sie nicht mal gerade auf Streife sind, dann verbringen sie ihre Abende auch öfters im MacArthur Park - dort wird gesoffen, geprügelt, auf Enten geschossen und nackt erschrickt man Passanten oder weibliche Männer mit rosa Pudeln, die da mal in der Abenddämmerung vorbeilaufen. Irgendwann müssen Baxter, Harold und Sam bei der Sitte aushelfen. Dort macht man Jagd auf Prostutiere und Strichjungs. Der Chef der Abteilung (Burt Young) lässt einen schwulen Jungen (Michael Wills), der bei einer Razzia verhaftet wurde, aus Mitleid laufen. Einige Tage später wird genau dieser Junge ein Opfer der "Chorknaben"....
 



Und diese Cops sind wahrlich kein Aushängeschild für die Polizei - dein Freund und Helfer. Ganz im Gegenteil. Nie zuvor wurde eine Polizeigruppe im  Kino so offen, anarchistisch, infantil und amoralisch gezeigt wie hier bei Robert Aldrich.  Es gibt keine Trennlinie mehr zwischen den bösen Verbrechern, die gejagt werden sollen und den Cops von Los Angeles. Im Gegenteil: Die sind sogar in einigen Szenen weitaus schlimmer drauf als die Deliquenten, die sie dingfest machen sollen. Am Ende wird sogar auch der Tod eines jungen Mannes so hingedreht, dass keiner der Cops einen Nachteil erfährt.
Darüberhinaus hat Robert Aldrich auch noch eine Art Ensemblefilm ala "Der Clou" in die Handlung am Ende der Geschichte eingebaut - Charles Durning zeigt hier als durchtriebener Senior der Truppe wie man die Vorgesetzten austrickst. Der Film entstand nach dem Roman von Joseph Wambaugh, der sich später von der Verfilmung distanzierte, da sie ihm dann doch zu schrill und überzeichnet dargestellt waren. Allerdings muss ich sagen, dass mir gerade dieser Zynismus gefällt. Es wird geflucht, herumgeblödelt und dennoch zeigt die Geschichte anhand ihrer diversen Saufgelage, bei dem dann ein Mensch sein Leben lassen muss, das versteckte, aufgestaute Traumata der Polizisten, ihre Frustrationen und ihre Wut. Und ich glaube beinahe, Aldrich hat auch Recht, indem er den Schluß so ganz ohne Konsequenz für die Ordnungshüter enden lässt. Es wird sich nichts ändern. Man wird wieder so weitermachen und balanciert ständig am Abgrund entlang.  Cop-Humor ist drastisch, schwarz und politisch völlig unkorrekt. In seiner gesamten Bandbreite wird er nur von den Kollegen verstanden und goutiert. Er bezeugt Zusammenhalt. Gleichzeitig ist er auch ein Instrument, mit dem sich das alltäglich erlebte Grauen auf der Straße, das ganze Gewaltspektrum, einigermassen in den Griff bekommen lässt. Es wird kanalisiert und transformiert, bis es sich in befreiendes Gelächter verwandelt. Vor allem ist diese Methode der Stressbewältigung zudem mit dem polizeitypischen Machogehabe vereinbaren. Beinahe krankhaft ist die Furcht der Männer vor Schwäche, die nie gezeigt werden darf. Furcht kann nur geteilt werden, wenn sie chiffriert wird. Besäufnisse und derbe Chorknabenspäße sind gut angesehen. Und tatsächlich passiert ja auch die Katastrophe erst dann, als einer der Chorknaben diese Maske . wohl oder übel - fallen lassen muss, weil er zufällig in seiner Schwäche entdeckt wurde.




Bewertung: 8,5 von 10 Punkten.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Das Gespenst der Freiheit

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Regie: Luis Bunuel 

Vivan las Cadenas...

"Das Gespenst der Freiheit" war der vorletzte Film des surrealistischen Meisterregisseur Luis Bunuel. Zu den wichtigsten Merkmalen seiner Filmographie gehörte die Kritik an das gehobene Bürgentums und und an das Christentum. Bunuel war fest davon überzeugt, dass christliche Werte in einem demoraralisierenden Milieu nie verwirklicht werden können. Seine Filme arbeiten daher häufig mit Tabubrüchen und einige seiner Filme beinhalten sogar eine Vielzahl von schockierenden und blasphemisch wirkenden Bildern und Szenen. Durch einen tiefgründigen, surrealisten Humor verstand er es die Wirkung dieser Bilder zu brechen.
In "Das Gespenst der Freiheit" sieht der Zuschauer anscheinend eine Folge von surrealen Szenen, die nur lose zusammenhängen - obwohl sich die Anfangssequenz und der Schluß dahingehend ähnlich sind, weil die Aufständischen in beiden Szenen "Vivan las cadenas" der Obrigkeit zurufen. Möglicherweise meint Bunuel, dass eine fremdbestimmte Freiheit auch nicht besser ist als ein selbstgewähltes Leben in Ketten.
In einer nächsten Epsisode macht der Zuschauer Bekanntschaft mit der Familie Foucauld (Monica Vitti, Jean-Claude Brialy). Die kleine Tochter zeigt der Mutter Bilder, die ihr ein netter Onkel und Kinderfreud im Park zugesteckt hat. Der Zuschauer erwartet natürlich pornographisches Material, weil die Eltern sichtlich schockiert sind. Aber die Fotos zeigen harmlose Sehenswürdigkeiten. Die Eltern ziehen einige der Skandalbilder ein, der Rest wird der Kleinen wieder ausgehändigt - dafür muss das Kindermädchen die Koffer packen, denn schließlich wird sie als Schuldige auserkoren, sie hätte besser auf das Kind aufpassen müssen.
Tags darauf geht Foucauld zum Arzt, der Film konzentriert sich dann aber auf die Krankenschwester (Milena Vukotic), die ein paar Tage freinehmen muss, weil ihr Vater im Sterben liegt. Auf der Fahrt dorthin trifft sie auf eine Panzereinheit von Soldaten, die sie fragen, ob sie irgendwo einem Fuchs begegnet wäre. Sie verneint dies und wird noch freundlicherweise darauf aufmerksam gemacht, dass ein Erdrutsch die Straße zur Stadt ihres Vaters unpassierbar gemacht hat. Daher muss sie in einem kleinen Hotel auf dem Land übernachten. Dort haben sich auch vier Karmeliter-Mönche, ein Neffe (Pierre Francois Pistorio) und seine Tante (Helene Perdriere) einquartiert. Auch ein masochistischer Hutmacher (Michael Lonsdale) und seine dominante Gespielin (Adriana Asti), die er als seine Assistentin ausgibt, belegen eins der Zimmer. In der Nacht klopfen die Mönche an die Zimmertür der Krankenschwester. Sie beten gemeinsam den Rosenkranz mit der Frau, anschließend spielen sie Karten, rauchen Zigaretten und trinken einiges an Alkohol. Als Höhepunkt des Epsiodenfilms trifft sich eine Gesellschaft zum gemeinsamen Stuhlgang - zum Essen zieht man sich in eine kleine Kammer zurück. Eine geniale Umkehr der Konventionen - diese gemeinsame, gesellig ritualisierte Klosettbenutzung vs. das heimlich, sanktionierte Essen auf einem stillen Örtchen...



Es schließen sich weitere heftige Imaginationen und Geschichten um eine Polizeischule und das skurrile Verschwinden der kleinen Aliette Foucauld (Valerie Blanco) an, denen eine Episode um einen Amokläufer und den Polizeipräfekten folgen, der eine kuriose Verdopplung erfährt. In der Rolle eines der Präfäkten ist wieder einmal Michel Piccoli zu sehen, der bereits in Bunuels "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" einen kleinen, aber feinen Cameo-Auftritt hatte. "Das Gespenst der Freiheit" war zwar nicht ganz so erfolgreich wie Bunuels oscarpreisgekrönter Vorgänger, aber dennoch ist ihm erneut ein Alterswerk voller Genialiät gelungen. Einige Szenen werden unvergessen bleiben. Man kann lachen, aber das Lachen tut auch weh. Die Erwartungen der Zuschauer werden von Bunuel ins Leere gelenkt. Kinder werden nicht ernst genommen "Du redest nur, wenn Du gefragt wirst" sagt der Kommissar (Claude Pieplu) zu der kleinen Aliette, die gesucht wird, obwohl sie sich ständig bemerkbar machen möchte, dass sie da ist. Auch viele Tiermotive wie Spinnen, ein Hahn, ein Strauß, Fuchs, Hund, Vogel) machen das Werk zusätzlich be(deutungs)voller.




Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Freitag, 2. Dezember 2016

Legend of Tarzan

























Regie: David Yates

Peter Pan im Dschungel...

Jede Kinogeneration bekommt ihren eigenen "Tarzan". Der Roman "Tarzan of the Apes" von Edgar Rice Burroghs aus dem Jahr 1912 wurde schon in den Kindertagen des Kinos verfilmt. Damals hieß der Darsteller Elmo Lincoln, dessen Tarzan Film aus dem Jahr 1918 existiert nur noch in einer 45 Minuten Version. Sehr populäre TarzanDarsteller waren Lex Barker und Gordon Scott in den 50er Jahren, die gleich in mehreren Tarzan Abenteuern zu sehen waren. Ron Ely war ein TV-Tarzan, der in den 70s ebenfalls sehr beliebt war. Der populärste Tarzan Darsteller ist bis heute allerdings Johnny Weissmüller - der von 1932 bis 1948 dieser Rolle treu blieb. 1984 drehte der Brite Hugh Hudson (Chariots of Fire) mit Christopher Lambert die bislang authentischste Verfilmung des Stoffes, der sich sehr nahe an Burroghs Novelle hielt und damals in den 80er Jahren sehr gute Kritiken erhielt. Nach der Disney Zeichentrick Adaption aus dem Jahr 1999 darf nun wieder in einer Realverfilmung mit dem Held des Dschungels mitgefiebert werden. Der schwedische Schauspieler Alexander Skarsgard macht als Tarzan eine gute Figur - sehr attraktiv der Mann, der die Liane schwingt.
Mit jeder Neuverfilmung hat man ja die Möglichkeit den Dschungel noch dramatischer zu gestalten. Dank CGI - dies macht die Neuverfilmung des David Yates zwar unterhaltsam. Trotzdem ist "Legend of Tarzan" nicht nur ein Rückschritt im Vergleich zu der sehr stimmigen Hudson Verfilmung aus den 80ern, sondern auch gesamthaft für mich leider gescheitert.
Die Handlung beginnt diesmal 8 Jahre nach Tarzans Abenteuer im afrikanischen Busch. In diversen Rückblenden wird noch einmal Bezug auf das frühere Leben als Dschungelkönig genommen (Eltern sterben, Affenweibchen nimmt den Jungen und zieht ihn wie das eigene Kind auf, glückliche Jahre als Dschungelheld, er lernt die Tiere verstehen, sieht dann erstmalig eine junge Frau - Jane - die Tochter eines Wissenschaftlers, Liebe, Heirat und Rückkehr nach England - Yates Version nimmt noch die Feindschaft zu Häuptling Mbonga, gespielt von Djimon Hounsou mit in die Geschichte auf. Dessen junger Sohn erlegt die Affenmutter von Tarzan im Dschungel - im Hass tötet Tarzan den jungen Krieger).
Nun lebt John C. Clayton, der Earl von Greystoke (Alexander Skarsgard) mit Jane (Margot Robbie) auf seinem riesigen Anwesen in England, hat nichts zu tun als die Geschichten aus dem Dschungel zu erzählen. Aber es gibt zwei Männer, die Tarzan wieder im Kongo brauchen. Der eine ist George Washington Williams (Samuel L. Jackson), der über die Sklaverei in dem afrikanischen Land aufmerksam machen möchte - der andere ist der Belgische Captain Leon Rom (Christoph Waltz), ein Abgesandter des belgischen Königs Leopold. Der will Tarzan an Mbonga ausliefern, damit dieser die Edelsteinvorkommen im Gebiet des Stammes ungehindert plündern kann. Jane wird entführt und nun kann Tarzan beweisen, dass er immer noch Herr des Dschungels ist...



Dies führt zu sehr gut gemachten Szenen, aber auch zu viel Humbug in der Dramaturgie. Für meine Begriffe ist Christoph Waltz zu übertrieben in seiner Bösewichtsrolle - aber dies ist eher eine kleine Kritik, Viel schlechter sind die vielen unnötigen CGI Tricks, die völlig realitätsfremd wirken. Da schwingt sich Tarzan einfach wie ein Peter Pan durch diverse Lianen, ist dann mit dieser noch schneller unterwegs als die Eisenbahn. Man lässt sich einfach in die Abgründe fallen - man ist ja Eingeborener oder Tarzan und überschadet den Sprung in die Bäume ohne Verletzung. Dieses Szenario wird dann am Ende noch übertroffen, der Showdown gestaltet sich als Gemeinschaftssieg von Tarzan, seinen Eingeborenen, den Affen, den Gnus, den krokodilen und sämtlichen Bewohnern des Dschungels. Gemeinsam sind wir stark...das ist doch zuviel des Guten, auch wenn das für effektive Szenen sorgt. Leider völllig übertrieben, obwohl ich ja Geschichten sehr liebe, in denen sich Mensch und Tier nahekommen. Vielleicht sogar zu Verbündeten gegen das Böse werden. Aber "Legend of Tarzan" ist dann doch zuviel des Guten. Die Kinokasse klingelt trotzdem - der Film spielte weltweit 356 Millionen Dollar ein. Ein Beweis, dass die Geschichte von Tarzan, der bei den Affen aufwuchs,  immer noch faszinierend ist. Selbst wenn sie filmtechnisch auf dem neuesten Stand, aber doch recht unsensibel verfilmt wurde. 




Bewertung: 5 von 10 Punkten.