Donnerstag, 24. Dezember 2015
The Drop - Bargeld
Regie: Michael R. Roskam
Tom Hardy auf den Hund gekommen...
Der belgische Regisseur Michael R. Roskam hat mit "The Drop - Bargeld" einen sehr gelungenen Vertreter des Neo Noir geschaffen. Der Film zeigt dabei öde Gewerbehöfe und geduckte Ziegelbauten, Schneematsch und breite Straßenkreuzungen - der Zuschauer ist damit in der Gosse von Brooklyn gelandet. Erzählt wird die Geschichte des schweigsamen und ruhigen Bob Saginowski (Tom Hardy), der als Barkeeper in der Bar arbeitet, die bis vor 8 Jahren noch seinem Cousin Marv (James Gandolfini) gehörte. Marv träumt von den besseren Zeiten als er noch Besitzer war, heute gehört die Bar der tschetschenischen Mafia - er darf sie aber nach wie vor als Geschäftsführer betreiben. Das Sagen hat aber Gangster Chovka (Michael Aronov). Marv kann bis heute nicht wahrhaben, dass seine große Zeit vorbei ist. Bob arbeitet hart, er kommt dann nach Hause, wenn andere Menschen aufstehen. In seiner Freizeit geht er gerne in den Morgengottesdienst der katholischen Kirche. Das Lokal dient immer mal wieder als "Drop bar" - es werden an einem bestimmten Tag, den die Gangster festlegen, Wettgelder und sonstige illegale Einnahmen deponiert.
Eines Abends entdeckt Bob auf dem Weg nach Hause, dass in einer Mülltonne etwas wimmert. Er geht dem Geräusch nach und findet dort einen kleinen Pit Bull, der von seinem Vorbesitzer nicht nur weggworfen, sondern augenscheinlich auch misshandelt worden ist. Dort wo die Mülltonne abgestellt ist, wohnt eine gewisse Nadia (Noomi Apace), die ihm mit ihm um das verletzte Tier kümmert. Sie kann Bob überzeugen, dass er den Hund behält und ist ihm behiliflich bei einem Einkauf in der Zoohandlung. Die beiden kommen sich durch den kleinen Hund vorsichtig näher. Dabei lernt Bob auch in der Folgezeit den Exliebhaber von Nadia kennen. Es ist ein psychopathischer Kerl namens Eric Deeds (Matthias Schoenaertz), der an der Haustür klingelt und behauptet, dass der kleine Hund ihm gehören würde. Bob fühlt sich subtil von der Präsenz dieses Mannes bedroht, er hat das Gefühl dieser Eric könnte auch dem Hund was antun. Diesen Stress kann er derzeit gar nicht brauchen, zumal auch Marvs Bar überfallen wurde und 5.000 Dollar erbeutet wurden. Die Tschetschen wollen natürlich das Geld zurück und erwarten, dass Marv und Bob die Diebe finden. Natürlich ist nun auch die Polizei involviert. Ein Detective Torres (John Ortiz) ermittelt, der Bob vom Besuch in der heiligen Messe kennt...
Die Geschichte präsentiert sich zwar sehr einfach, aber durch das sehr gute Drehbuch und vor allem durch die klasse Darstellerleistungen ist dem Regisseur ein sehr überzeugender Gangsterfilm gelungen. Es sind vor allem die starken und interessanten Charaktere, die die Geschichte aus dem Ganstermilieu so interessant machen. Zum einen eine großartige Vorstellung von Tom Hardy, der genauso glaubwüridg mit dem kleinen Hund Rocco im Arm rüberkommt wie mit der Pistole in der Hand. Eine anrührende wie gebrochene Heldenfigur. Ihm gegenüber steht der eher aufbrausende Cousin, der von James Gandolfini gespielt wird. Es sollte seine letzte Rolle werden. Im Alter von 51 Jahren starb der Schauspieler am 19. Juli 2013 überraschend an einem Herzinfarkt. Er verleiht seiner Rolle auch einen sehr schönen Anteil von trauriger Melancholie. Beide Darsteller spielen ihren Part fesselnd und extrem intensiv und sicherlich ist "The Drop - Bargeld" auch eine Verbeugung vor den dunklen Großstadtgeschichten des 40er Jahre Kinos.
Bewertung. 8 von 10 Punkten.
The Avengers: Age of Ultron
Regie: Joss Whedon
Age of Marvel...
Was will der Kinobesucher von heute mehr ? Nüchtern betrachtet ist
"Avengers: Age of Ultron" wieder mal der perfekte Blockbuster unserer
Zeit, denn er verfügt über die drei wichtigsten Zutaten für einen
kommerziellen Großerfolg: Mega-Action, Mega-Computereffekte und viele
populäre Filmstars in ihren beliebten Rollen. Wer allerdings eine
ausgewogene Story, tiefgreifendere Charaktere oder gar so etwas wie eine
anspruchsvolle Handlung erwartet, der hat sich mit diesem in 3D
konvertierten Erfolgsfilm aus dem Hause Marvel den falschen Film
ausgesucht.
"Avengers: Age of Ultron" hat bis jetzt 1,405
Milliarden Dollar weltweit eingespielt und steht momentan im Top 100
Ranking der weltweit kassenträchtigsten Filme auf Platz 6. Damit liegt
der Film von Joss Whedon nur geringfügig schlechter als das erste
Kinoabenteuer der Superhelden, der in dieser Liste nach "Avatar",
"Titanic" und "Jurassic World" auf Platz 4 liegt.
Sehr markant
präsentiert sich das hohe Tempo dieses Actionreißers und mit der Zeit
wirkt das Szenario dann auch etwas gehetzt. Es werden dabei nicht nur
die alten Helden wie Tony Stark, der Iron Man (Robert Downey jr.) , Thor
(Chris Hemsworth), Bruce Banner alias Hulk (Mark Ruffalo), Captain
America (Chris Evans), Natasha Romanoff, die black Widow (Scarlett
Johannson) und der ganz normale Hawkeye (Jeremy Renner) zum großen
Kampfeinsatz kommen um mal kurz die Welt zu retten. "Avengers - Age of
Ultron" führt auch mögliche neue Helden ein, wie beispielsweise der
schnelle Pietro Maximoff (Aaron Taylor Johnson) und seine Schwester
Wanda (Elizabeth Olsen), die die Gehirne ihrer Mitmenschen manipulieren
kann. Vorerst sind die beiden jedoch Gegner der Avengers und stehen in
den Diensten des bösen Baron von Strucker (Thomas Kretschmann). Die
Handlung beginnt in einem fiktiven osteuropäischen Staat. Unsere Helden
kämpfen dort mit einer ganzen Armee um Lokis Zepter zu bergen, welches
nach der Auflösung von "S.H.I.E.L.D in die Hände der bösen Barons
gefallen ist. Tony Stark entdeckt dort eine versteckte Roboterfabrik und
auch die beiden Helfer des Barons, die Zwillinge Pietro und Wanda, die
ebenfalls mit Superkräften ausgestattet sind. Wanda kann Stark
manipulieren, woraufhin er eine Vision hat. In dieser Schau in die
Zukunft sieht er den Tod seiner Teamgefährten und die Zerstörung unserer
Erde durch ausserirdische Eindringlinge.
Das Zepter wird aber
geborgen und als Stark und Banner in dessen Innern das Vorandensein
einer künstlichen Intelligenz entdecken, kommt Tony auf die Idee diese
Intelligenz in dem von ihm entwickelten Computersystem Ultron zu nutzen,
damit dies zur Perfektion reift.
Er überredet Banner, ihm
dabei zu helfen, die künstliche Intelligenz in sein Ultron-Programm zu
implementieren, und verheimlicht das gefährliche Experiment vor den
anderen. Den Transfer lässt er von seinem virtuellen Butler "Jarvis"
überwachen. Als Ultron in einem von Stark erschaffenen Hilfsroboter
erwacht, überwältigt er Jarvis und hat den Plan "Frieden für unsere
Zeit" herbeizuführen. Nur dumm, dass er der Kontrolle durch die
Superhelden entwichen ist und zu dem nicht ganz abwegigen Schluss
kommt, dass die Menschen Schuld am Zustand der Welt sind und demnach
ausgelöscht gehören...
Der Film dauert 141 Minuten und man ist ständig in Action. Es gibt praktisch keine Zeit für eine Verschnaufspause.
Die
philosophische Fragestellung, wie weit man zur Sicherung des Friedens
gehen darf, was ein solcher mit kriegerischer Gewalt gesicherter Frieden
überhaupt wert ist, wann "gut" endet und "böse" beginnt, könnte dabei
interessanter herausgestellt werden. Doch bei soviel Action ist ein
tiefgründigerer Abriss kaum möglich, so verpuffen diese interessanten
Ansätze. Als perfektes Popcornkino sind aber derzeit gerade diese
Comicverfilmungen kaum wegzudenken. Ein Ende dieser Faneuphorie scheint
nicht in Sicht zu sein.
Bewertung: 6,5 von 10 Punkten.
Feuerball
Regie: Terence Young
Bond unter Wasser mit Haien...
"Feuerball" ist das 4. James Bond Abenteuer, inszeniert von Terence
Young im Jahr 1965. Der Film war zu seiner Zeit ein Megakassenhit und
spielte weltweit mehr als 140 Millionen US-Dollar ein.
Inflationsbereinigt war dies - bis zum Erscheinen des Milliarden Dollar
Hits "Skyfall" im Jahr 2012 der erfolgreichste Film der ganzen Reihe.
Für die visuellen Effekte gabs sogar einen der begehrten Oscars. Damit
zog er mit dem beliebten "Goldfinger" gleich, der auch einen Academy
Award für die besten Toneffekte erhielt.
Dabei ist der
Anfang des Films schon richtig cool, wenn Bond (Sean Connery) nach der
Beerdigung seines Todfeindes Jacques Bouvar der Verbrecherorganisation
S.P.E.C.T. R.E. entdeckt, dass dieser recht lebendig als verkleidete
Witwe unter den Trauergästen war. Natürlich setzt Bond den Feind, der
zwei seiner Kollegen getötet hat, für immer ausser Kaaft und flieht dann
mit Hilfe eines genialen Raketenrucksacks und seines geliebten Aston
Martin DB5 vor dem Gangstermob. Natürlich auch in Begleitung eines
attraktiven Bondgirls namens Mademoiselle LaPorte (Maryse Guy Mitsouko).
Im
Hauptquartier der Verbrecherorganisation herrscht aber dennoch reges
Treiben. Unter der Führung von Emilo Largo (Adolfo Celi), ein fieser
Lebemann mit Augenklappe, will S.P.E.C.T.R.E eine Lösegeldsumme im Höhe
von 280 Millionen Dollar von den Vereinten Nationen erpressen. Die wird
man auch mühelos bekommen, denn der gemeine Plan sieht vor 2 Atombomben
zu stehlen. Etwas Nachdruck will man sich dann damit verschaffen, dass
die Verbrecher irgendeine Großstadt in den USA oder in Großbritannien
zerstören könnten. Um dies zu verhindert braucht es Bond. Er muss sich
in Südengland an die Fersen von Spectre-Mitglied Graf Lippe (Guy
Doleman) heften. Während Bond mit einer attraktiven Krankenschwester
(Molly Peters) flirtet, gelingt es dem Gangster - gemeinsam mit seiner
Partnerin und Auftragskillerin Fiona Volpe (Luciana Paluzzi) den
Nato-Piloten Derval zu eliminieren und ihn durch einen Doppelgänger zu
ersetzen. So kommen die Nuklearwaffen tatsächlich in die Hände der
Bösen. Bond muss in Nassau tätig werden, wo nicht nur mit Paula (Martine
Beswick) ein weiteres Bond-Girl wartet, sondern auch Largo ein Landhaus
bewohnt, wenn er nicht gerade auf seiner Luxusjacht weilt. Dervals
hübsche junge Schwester Domino (Claudine Auger) scheint wohl mit dem
Gangster liiert, daher hat Bond auch berufliche Gründe sich um ein
weiteres zukünftiges Bond-Girl zu kümmern....
Getötet wird
diesmal mit Harpunen und Dolchen, dabei erweist sich vor allem
Auftragskillerin Fiona als ziemlich fleissige Mörderin. "Feuerball"
begeistert auch durch die gefährlichen Grottenhaie, die nicht nur für
Bond selbst zur tödlichen Gefahr werden könnten. Es gibt auch tolle
Unterwasserszenen. Am Schluß sogar fast eine Überdosis davon, wenn Gut
und Böse sich eine Schlacht unter Wasser liefern. Hier hätte man den
Film vielleicht um einige Minuten kürzen können. Dennoch bereitet auch
dieses Bond Abenteuer sehr großes Vergnügen, das Szenario ist allerdings
- gemessen an den drei Vorgängern - etwas überdrehter und
unrealistischer und deutet schon in einem Connery Bond an, dass in der
nahen Bond Zukunft viele böse potentielle Weltzerstörer auch auf den
Nachfolger Roger Moore warten. Wie immer ist das Intro toll gemacht, da
wird "Thunderball" der Song zum Film - diesmal von Tom Jones gesungen,
noch besser als er es schon ist. Dominierende Location des Films sind
die Bahamas.
Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.
Stirb an einem anderen Tag
Regie: Lee Tamahori
Brosnans letzter Bond Auftritt...
"Stirb an einem anderen Tag" war der 20. James Bond Film und wurde 2003 von dem neuseeländischen Regisseur Lee Tamahori inzseniert. Er war mit 142 Millionen Dollar der bis dahin kostspieligste Bond Film, doch das weltweite Kassenergebnis war mit 430 Millonen Dollar phänomenal gut und damals der erfolgreichste Bond überhaupt. Auch heute rangiert er in Sachen Kassenerfolg immer noch auf Platz 5, aber alle nachfolgenden Filme mit Daniel Craig liefen noch besser.
Dennoch ist gerade "Stirb an einem anderen Tag" in Bond-Fankreisen alles andere als beliebt. Nicht nur, dass Nebendarstellerin Madonna eine Goldene Himbeere für ihren Cameo Auftritt als Verity bekam. Auch ihr etwas anderer Bond Song "Die another day" wurde oft kritisiert, weil die opulente Note fehlte und stattdessen der Song zu stark auf die Electro-Schiene setzte. Wenn man mal die Rankings ansieht über die besten Bond Filme dann landet der letzte Auftritt von Pierce Brosnan regelmässig weit hinten, wenn nicht gar auf dem letzten Rang.
Dabei ist der Film gar nicht mal so schlecht, wie er oft gemacht wird. Man muss allerdings einige extreme Verrücktheiten akzeptieren und vor allem viele Albernheiten. Denn diesmal darf der Oberschurke Colonel Tan Sun Moon (Will Yun Lee) aus Nordkorea mittels einer Laser-Gesichtsoperation sich in den britischen Millionär und Lebemann Gustav Graves (Toby Stephens) verwandeln. Ausserdem taucht erstmalig in der Bond Reihe ein unsichtbares Auto auf. Q (John Gleese) wird halt immer einfallsreicher und Moneypenny (Samantha Bond) träumt von einem Kuss mit 007. M (Judi Dench) ist richtig biestig, nicht nur weil ein Killersatellit, bestückt mit Blutdiamanten, die Erde bedroht. So muss James einmal mehr die Welt retten. Aber zuerst wird er in der fulminanten Eingangssequenz vom nordkoreanischen Militär gefangen genommen und unter Drogen gesetzt. Er entgeht nur knapp dem Tod und wird im Austausch mit dem Terroristen Zao (Rick Yune) freigelassen. Doch nun scheint man keine Verwendung für 007 zu haben. Doch so leicht lässt Bond nicht locker. Um seinen Ruf wiederherzustellen, flieht Bond und sucht einen Verräter in den eigenen Reihen. Diesmal stehen ihm sogar mit der undurchsichtigen Jinx Johnson (Halle Berry) und Miranda Frost (Rosamund Pike) zwei äusserst attraktive Girls zur Seite....
Dabei greift Tamahori auch bewusst die unvergesslichen Bilder der alten Bond Filme auf. Er kopiert beispielsweise die Szene mit Ursula Andress am Strand und so entsteigt Halle Barry im Bikini aus den Wasser ans Ufer. Dieses Kopieren könnte man als dreist bezeichnen, aber der Macher schafft es auch in einigen Szenen zum klassischen Bond der frühen Jahre hinzu tendieren. Wobei manches dann aber wirklich albern und überzogen wirkt. Dennoch ist der Unterhaltungswert in diesem Film sehr hoch. Es gibt Verfolgungsjagden per Luftkissenboot, Auto oder Hubschrauber oder Rettungen im überfluteten isländischen Eispalast. Absurde Höhepunkte en Masse. Man kann daher vielleicht die geringere Wertschätzung dieses Films verstehen. Dennoch hat der unbeliebte Film auch genügend fesselnde Momente. Und Rosamunde Pike als auch Halle Berry bleiben als ungewöhnliche Bond Girls in bester Erinnerung.
Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.
Sonntag, 13. Dezember 2015
Slow West
Regie: John McLean
Der dumme Junge und der Wilde Westen...
Der britisch-neuseeländische Western "Slow West" erfindet natürlich das Genre nicht neu, aber es gelingt diesem Film von John McLean durch die sehr edle Machart zu überzeugen und in die Tradition interessanter und ungewöhnlicher Genreperlen aufzusteigen. Erinnert hat mich der Neowestern vor allem auch an den völlig unterbewerteten und leider auch in Vergessenheit geratenen 70er Jahre Spätwestern "Begrabt die Wölfe in der Schlucht" von Ted Kotcheff mit dem ebenfalls ungleichen Duo Gregory Peck und Desi Arnaz jr. Nur werden sie dort von den Gesetzeshütern gejagt, in "Slow West" sind Michael Fassbender und Kodi Smit-McPhee die Suchenden. Allerdings ist es ebenfalls eine Geschichte von Jäger und Gejagten.
Dabei empfinde ich gerade die Figur, die Kodi Smit-McPhee spielt, die interessanteste in der Geschichte. Er ist der 16jährige schottischer Adlige Jay Cavendish, der aus seiner Heimat in eine vermeintlich neue Welt gereist ist. Dort in der Weite von Colorado ist der Junge auf der Suche nach seiner großen Liebe Rose (Caren Pistorius), die kurz vor ihm mit ihrem Vater (Rory McCann) das Heimatland verlassen musste. Im Laufe der Geschichte wird durch Rückblenden auch klar warum. Rose war zwar immer geschmeichelt von den Avancen ihres jungen Verehrers, aber so ganz ernst hat sie ihn nie genommen. Sie nannte ihn "Dummer Junge" und genauso wie ein Narr wandert Jay nun mit grenzenlosem Ehrgeiz durch das Wilde Land. Es ist die Zeit des Bürgerkriegs. Und immer wieder hat er mehr Glück als Verstand, dass er überlebt. Als ihn einige Deserteure überfallen, bekommt er überraschende Hilfe des wortkargen Outlaws Silas (Michael Fassbender), der zur rechten Zeit am rechten Ort auftaucht um ihm das junge Leben zu retten. Jay erkennt, dass er auf der Suche nach Rose, mehr braucht als seinen Kompass, sein Handbuch für Reisende und seine Poesie. So wird Silas für 100 Dollar sein Begleiter werden.
Doch die beiden sind sehr verschieden, so dass es auf ihrer gemeinsamen Reise auch immer wieder zu Spannungen kommt. Jay versucht sich zu trennen und trifft auf den Anthropologen Werner (Andrew Robertt), der an einer Chronik über die Ausrottung der Indianer schreibt, aber von dem Jay auch mies betrogen wird. Silas muss den Jungen retten. In einem Handelsposten braucht Jay sein Gewehr, der Zuschauer sieht draußen den Steckbrief von Rose und ihrem Vater hängen. Ein Kopfgeld von 2.000 Dollar gibt es - tot oder lebendig. Dies weiß Silas, der - genauso wie eine üble Kopfgeldtruppe unter der Führung von Payne (Ben Mendelsohn) und ein weiterer Killer namens Victor (Edwin Wright) - hinter den beiden Gesuchten her ist. Und der unwissende Jay führt die Killer ohne Wissen direkt zu seiner Rose...
Dabei spielt der britische Regisseur sicherlich mit diesen gängigen und liebgewonnenen Mechanismen des Genres. Er greift immer wieder die Versatzstücke der Klassiker auf und fügt der Geschichte - zum Glück - lockeren Witz und Ironie mit bei. Daher erscheint "Slow West" durchgehend als kleine faszinierende Odyssee durch den Wilden Westen mit gut getimten Erzählrhythmus. Schade eigentlich, dass der Film nur kurze 84 Minuten dauert. Das Finale gestaltet er von ruhiger Hand mit einer klasse Präzision. Wenn dann vor der Hütte mitten im weiten Kornfeld der falsche Reverend mit der Flinte zum Todesschuß anlegt, ist das ultimative Westernfeeling perfekt erreicht. Der Schluß ist bleihaltig und zeigt schonungslos und brutal in diversen Einstellungen die vielen blutigen Opfer der Geschichte. Während der erste Teil noch eine schöne atmosphärische Road Movie Dramaturgie wählt, ist der Stimmungswechsel ab der Mitte bereits angelegt. Das Finale setzt dann konsequent auf düstere Traurigkeit und einmal mehr muß Rose feststellen, wie sehr der "dumme Junge" sie liebte. "Unter jedem Stein wird ein Desperado hervorkriechen und dir ein Messer ins Herz stechen, so lange ein Dollar dabei herausspringt" wird Outlaw Silas in einem Satz das Leben im Wilden Westen zusammenfassen.
Macleans kleiner, brillant besetzter Film zeigt mit melancholischer Geste, wie der Westen höchstwahrscheinlich wirklich war: Viele europäische Einwanderer kamen, um ihr Glück zu finden; die meisten litten unter bitterer Armut und wurden wunderlich, verrückt, kriminell. Oder sie starben einfach, durch Pech und Kugeln, die damals wie heute sehr locker in den Pistolen saßen. Wer überlebte, musste Ruchlosigkeit lernen, wie Rose, die süße Angebetete, die sich als kaltblütige Schützin erweist.
Bewertung: 8 von 10 Punkten.
Mittwoch, 9. Dezember 2015
Maps to the Stars
Regie: David Cronenberg
Glamour Dramen...
Die Filmographie des kanadischen Regisseurs David Cronenberg weist ihn als genialen Macher von "Body Horror" Movies aus. Vor allem in den 70ern und 80ern entstanden mit "Rabid", "Die Brut", "Scanners", "Videodrome", "Dead Ringers" oder "The Fly" seine besten Filme. In seinen letzten Projekten hat er seine Sujets reifen lassen und versuchte weniger durch visuelle Effekte zu schocken. So experimentierte er etwas mit seinen Themen, er wechselte das Genre. In dem dialoglastigen Kostümfilm "Eine dunkle Begierde" ließ er die Psychiater Jung und Freud aufeinandertreffen, danach durfte Robert Pattison als Milliardär mit einer Stretch-Limousine durch Manhattan fahren. Es waren ungewöhnliche Filme, die sich noch einmal abhoben von seiner zeitweiligen Thrillerphase der Jahre 2005 bis 2007, wo er "A History of Violence" und "Eastern Promises" schuf. Natürlich ist keiner dieser Film schlecht, aber unter Cronenbergs Fans machte sich dann doch die eine oder andere enttäuschte Stimme breit, die vom Meister des Körperhorrors wieder mal etwas Innovatives und Neues aus diesem Bereich sehen wollten.
Mit seinem neuen Film "Maps to the Stars" richtet er aber immerhin ein sehr bösartiges und extracooles Säurebad an. Das Script von Bruce Wagners über das Leben der Stars in Hollywood kann man durchaus als ein fieses und postmodernes Remake oder noch besser Update von Billy Wilders "Sunset Boulevard" begreifen. Vorausgesetzt man lässt sich auf die gallige Satire ein, die alle Klischees, die man über die Stars und Sternchen von Hollywood kennt hervorholt und sie genüsslich und überspitzt von einem klasse agierenden Schauspiel-Ensemble zelebrieren lässt. Meisterlich kühl seziert er diesmal nicht den menschlichen Körper, aber das Filmgeschäft bietet auch einen grausamen Blick ins Innere. Willkommen in der Welt der verlogenen Heuchler, der Zyniker und der ständigen Pillenschlucker. Willkommen auch in der Welt der Hoffnungsvollen und der Träumer auf die große Karriere. Und nach und nach zeigt sich immer mehr die vollendet kaputte Familie als Sinnbild für die Traumfabrik. Interessanterweise ist Robert Pattison wieder mit dabei, diesmal nicht als Besitzer der Limousine, er fährt diese aber als Chauffeur und bessert so seine Haushaltskasse auf.
In mehreren miteinander verknüpften Episoden entwickelt sich die Handlung des Films, am Ende - nach der Katastrophe - wird es auch melancholisch und mystisch. Im Mittelpunkt von "Maps to the Stars" steht die junge, von Brandwunden gezeichnete Agatha (Mia Wasikowska), die in der Stadt der Stars ankommt. Über ihre Twitter-Freundschaft zu Carrie Fisher wird sie bei der alternden Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore) als persönliche Assistentin eingestellt. Diese wiederum arbeitet ihre durch Misshandlung und sexuellen Mißbrauch geprägte Vergangenheit mit ihrer verstorbenen Mutter Clarice Taggart (Sarah Gadon) auf, will gleichzeitig in einem Remake ihre eigene Mutter spielen.
Der populäre Teeniestar Benjie Weiss (Evan Bird) ist ein echter Kotzbrocken und erholt sich derweil von seinen ausufernden Drogenexzessen, hat gleichzeitig mit Starallüren, einer Menge Aggressionen und dem öffentlichen Druck zu kämpfen. Seine Eltern (John Cusack/Olivia Williams) können ihm dabei kaum helfen, setzen ihn eher noch mehr unter Druck. Auch er sieht wie Havana "tote Menschen". Mit der Ankunft von Agatha ändert sich das Leben dieser Menschen....
Und Cronenberg hat sichtlich eine Freude daran mit den Mechanismen von Hollywood abzurechnen. "Maps to the Stars" steigert sich mehr und mehr und es ist ein großer Verdient der Darsteller, dass der Film so gut funktioniert. Allen voran erwähnenswert ist Julianna Moore, die einige der besten Szenen hat. So heuchelt sich zuerst große Anteilnahme vor, als ihre Konkurrentin Azita Wachtel (Jayne Heitmeyer) aufgrund des Todes ihres kleinen Sohnes Michah die erhaltene Rolle als Clarice Taggart absagen muss. Nur Minuten später fordert sie ihre neue Sekretärin dazu auf mit ihr gemeinsam einen Freundentanz zu veranstalten. Auch mit ihr verfährt Cronenberg gnadenlos. Wie mit anderen Figuren auch. Sehr gut spielt auch der Youngster Evan Bird, der sein eigenes Karriereaus besiegelt. als er seinen noch jüngeren Co-Star Rhett (Justin Kelly) beinahe zu Tode würgt. Nicht zuletzt auch wieder eine tolle Performance der australischen Jungschauspielerin Mia Wasikowska, die mich schon in "Stoker" von Park Chan Wook sehr begeistern konnte. Diese Leistung in Cronenbergs Film ist ebenbürtig. Am Ende des galligen überspitzten Szenario steht aber die Trauer und Zerstörung.
Bewertung: 8 von 10 Punkten.
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