Sonntag, 9. Dezember 2012
Der Leichenverbrenner
Regie: Jurai Herz
Vom Kleinbürger zum bedrohlichen Ungeheuer...
Karel Kopfrkingl (Rudolf Hrusinsky) besucht mit Ehefrau Lakme (Vlasta Chramostova) und seinen Kindern den Zoo seiner Heimatstadt Prag. Sohn Mill (Milos Vognic) wirkt mit seinen 14 Jahren noch etwas schmächtig und weich - was dem Vater ein bisschen Sorgen macht, Tochter Zina (Jana Stehnova) ist 2 Jahre älter.
Kopfrkingl geht einerseits penibel, andererseits sensibel mit seiner Familie um, ermahnt seine Familie auch gut zur Kreatur zu sein.
Der Mann ist Leichenverbrenner und Angestellter im Krematorium einer tschechischen Stadt, man kann sagen, dass der Beruf von ihm sehr überzeugend ausgeübt wird, es scheint fast eine Berufung für ihn zu sein. Er ist sich sicher, dass die Seelen der Toten dann in den Äther aufsteigen, wenn sie vollständig zerfallen sind. Beim Verbrennen dauert dies nur 75 Minuten, im Gegensatz zum langem, eventuell 20 Jährigen Zerfall zu Staub bei einer nromalen Bestattung.
Zivilisierte Nationen lassen sich dadurch erkennen, dass sie den Krematorien und dem Verbrennen der Toten einen sehr hohen Stellenwert einräumen. Der Tod kann nur eine Erlösung sein.
Es ist das Jahr 1939 und alles schaut gebannt zum großen, expandierenden deutschen Reich.
"Liebe Kinder, habt keine Angst vor der Einäscherung" - die ruhige, friedliche Stimme sorgt vordergründig für Vertrauen.
Sein Freund Reinke (Ilja Brachar) ist Deutscher und sieht auch in Kopfrkringl deutsche Wurzeln, zumindest ein Tropfen deutsches Blut müsse er haben, das spürt man doch. Dabei hat doch Dr. Bettleheim (Eduard Kohout) gemeint, Blut sein Blut wie auch Staub lediglich Staub wäre.
Von Dr. Bettleheim lässt sich Kopfrkringl des öfteren auf Geschlechtskrankheiten untersuchen, denn einmal im Monat gönnt sich der Biedermann den Besuch im hiesigen Bordell.
Immer weiter nimmt der Zuschauer an der Offenlegung des Charakters Kopfrkringl teil.
Hinter der Fassade des friedfertigen Spießbürgers, dessen ein und alles seine Familie und sein Beruf sind, kommt immer mehr ein erschreckendes zweites Gesicht hervor.
Bald tritt er der Nazipartei bei, es gelingt ihm spielend das Denunzieren und so wird er zum Direktor. Am Ende geht auch ein Mord leicht von der Hand, vor allem mit der anscheindend plausiblen Begründung.
Ein sehr schmerzhafter Film, denn dem Zuschauer wird klar, dass Karel Kopfrkringl nicht nur ein übler Opportunist ist, sondern dass er zudem auch erheblich psychopathische Züge inne hat.
Der beinahe schon meditativ konzipierte Schwarzweiss-Film wirkt jede Minute unangenehmer, dabei brennt sich die bizarre Geschichte ins Gedächnis.
Juraj Herz hat diese bitterböse, völlig dunkle Satire 1968 in Tschechien realisiert.
Der Film ist nicht nur vom Inhalt sehr wagemutig, sondern gewinnt auch durch sehr aussergewöhnliche Schnitte und Einstellungen eine extrem hypnotische Wirkung.
Interessanterweise sind diese verwinkelten Kameraperspektiven oder verspielte Detailaufnahmen von einer hohen künstlerischen Geschlossenheit.
Dabei ist die kafkaeske Geschichte mit hohem surrealem Anteil extrem schlüssig und logisch.
Der Duckmäuser wird zu Täter, so gesehen liefert der brilliante. leider swehr unbekannte Film eine ehrliche Reflexion über Verantwortlichkeit im Naziregime.
Wer allerdings einen Unterhaltungsfilm sehen will, der sollte um den Leichenverbrenner einen großen Bogen machen. Das ist wahrlich keine leichte Kost.
Bewertung: 9,5 von 10 Punkten
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