Samstag, 8. Dezember 2012

Klass


Regie: Ilmar Raag

Wer Gewalt sät...

Ein typische Schulklasse: Rowdy Anders (Lauri Pedaja) gibt den Ton an, ein Anführer, der es schon seit längerem auf den Aussenseiter Joosep (Pärt Uusberg) abgesehen hat. Als dieser sich im Sportunterricht mal wieder völlig Panne verhält, wird er von allen Kameraden gedemütigt, indem er nackt ausgezogen wird und so in die Mädchengarderobe gesperrt.
Eine Szene, die die ganze Klasse auskostet, die Jungs johlen - die Mädchen machen auf empört "schafft diesen Freak hier raus".
Auch Kaspar (Vallo Kirs) steht beim Mobben an vorderster Front, doch an diesem Tag jedenfalls macht er während der Aktion einen Rückzieher und lässt die Türe los, damit das Opfer aus der peinlichen Lage befreit wird.
Freundin Thea (Paula Solvak) findet das Verhalten ihres Kaspars zunächst gut, aber Anders fährt in den Folgetagen brutalste Geschütze auf, um von dem Prügelknaben Joosep eine Entschuldigung abzuverlangen.
Er hat schon einen Großteil der Klasse auf seiner Seite, die restlichen ergeben sich dann dem Gruppenzwang, um nicht selbst Zielscheibe zu werden. Und natürlich ist es cooler auf der Siegerseite zu schwimmen und einen optimalen Sündenbock wie Joosep zu haben, der sich alles gefallen lässt und seine Opferrolle annimmt.
In Kaspar ist aber der Oppositionsgedanke geweckt und es ist am Anfang gar nicht so klar, ob er sich nun auf einen Machtkampf mit dem Anführer eingelassen hat oder ob er wirklich Gewissensbisse wegen dem stattfindenden Mobbing hat.
Jedenfalls positioniert sich der ehemalige Mitläufer als Beschützer von Joosep, was die Situation für die Klasse noch zuspitzt. Die Kränkungen werden härter, Anders und seine Freunde fahren immer gewalttätigere Geschütze auf, die sich schliesslich in einer erschreckenden Straftat gipfelt. Doch es geht weiter. Die nächste Runde heisst dann leider Amoklauf...

"Klass" ist ein estnischer Film des Filmemachers Ilmar Raag aus dem Jahre 2007, Raag schrieb auch das Drehbuch zu dem Film über einen Amoklauf, der sich innerhalb einer Woche durch das Gewaltpotential einer Klasse offenbart.
Wahrscheinlich aber braucht es für einen Amoklauf mehr als eine Woche des übelsten Mobbing, sondern steigert sich über Wochen und Monate, bis sich der mörderische Frust entlädt.
Allerdings gelingt es dem Macher sehr gut ein typisches Bild einer Gruppe zu zeigen, mit ihren Anführern, ihrem Gruppenzwang und ihrem Aussenseiter.
Der Film ist also vor allem auch eine Studie der Gewalt und ihren Entwicklungen innerhalb von Gruppen von Jugendlichen, dort also, wo Persönlichkeiten und Identitäten sich erst kristallisieren. Unter der radikalen Persönlichkeit des Prüglers Anders werden diese jungen Menschen immer mehr zu einer kompakten Masse, die den einzigen Aussenseiter mit Prügeln und Demütigung klar macht, dass er nicht zu ihnen gehört und ein Freak ist. Lediglich ein einziger dieser Jugendlichen sticht aus dieser Masse heraus und versucht den anderen ihre Ungerechtigkeit klarzumachen - mit sehr schlechtem Erfolg.
Die Lehrer sind überfordert und verschärfen mit ihrem Verhalten teilweise noch die schreckliche Situation, ohne dass es ihnen bewusst wird und sie diese Fehler korrigieren können, sie belassen die Situation so wie sie ist.
Nach dem Motto "Wer Gewalt sät" ist dann auch klar, wohin der Konflikt steuert und wie er auf erschreckende Weise bereinigt wird. Das Gewitter, dass sich entlädt, fordert mehrere Menschenleben.
Ein guter und aufrüttelnder Filmbeitrag, der eine ganz andere Herangehensweise wie Gus van Sants grßartiges Meisterwerk "Elephant" bietet. "Klass" liefert Erklärungen und versucht die Ursachen aufzudecken, die hinter solchen Taten stecken, denn keiner wird als Amokläufer geboren, man wird dazu gemacht. Und hier bietet er sinnbildlich durch die Klasse eine Ursache von Täter-Opfer Verschiebung an, die in der Natur des Menschen steckt.
Bewertung: 7 von 10 Punkten.

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