Donnerstag, 6. Dezember 2012
Tagebuch eines Skandals
Regie: Richard Eyre
Meine Freundin, die Drachenlady...
Eigentlich eine triviale Story: Ein ältere, sehr einsame Lehrerin ertappt ihre jüngere Kollegin bei einem Seitensprung mit einem noch minderjährigen Schüler (Andrew Simpson).
Noch vor diesem Blick durchs Fenster war klar, dass die Ältere (Dench) auf der Suche nach einer Freundin ist und ihre jüngere Kollegin beobachtet und versucht herauszufinden, ob eine Freundschaft zwischen beiden entstehen könnte. Mit diesem Geheimnis (denn sie wird es vorerst für sich behalten), wachsen auch Egoismus und Besitzansprüche und es entsteht eine für beide Frauen emotionale Abhängigkeitsbeziehung, die dann zum einen nach einer Enttäuschung bzw. Zurückweisung mit dem Verrat zum Skandal wird und zum zweiten mit der Entdeckung des Tagebuchs die emotionale Achterbahnfahrt, zumindest für eine der Frauen, auflöst.
Der Film hat mich irgendwie an den Aldrich Klassiker "Baby Jane" erinnert, auch dort gibt es diesen Mix aus Thriller, Psychodrama, Überzogenheit und zwei tragende Frauenrollen, die von Bette Davis und Joan Crawford verkörpert wurden.
Auch dieses "Tagebuch eines Skandals" ist in erster Linie ein grosser Schauspielerinnenfilm, Cate Blanchett gut wie immer, vor allem aber Judi Dench ist phänomenal in der Rolle der Barbara Covett. Sie agiert völlig hemmungslos, scheut sich keine Sekunde diese ambivalente Figur mit all ihrer Würde und all ihrer Nacktheit zu zeigen und man ist von der Figur einerseits abgestossen, andererseits nimmt sie uns gefühlsmässig gefangen mit ihrem Wechselbad aus Liebe und Hass, Verzweiflung, Enttäuschung, Durchtriebenheit und ihren ganzen Emotionen.
Sie spielt die Drachenlady, die aber beim Einschläfern ihrer Katze Rotz und Wasser heult.Die ca. 60 jährige Barbara gehört vermutlich auch zu der Generation, die solche Gefühle wie die Liebe zu Frauen noch unterdrücken musste und hasst sich vermutlich inzwischen sowohl für die Veranlagung selbst (die eigentlich nur sehr subtil angedeutet wird) als auch für den totalen Verzicht, den sie wohl wählen musste.
Somit läuft die Lust in ganz andere Kanäle, Barbara kompensiert diese Energie durch einen egozentrischen Machtanspruch gegenüber den Menschen ihrer Umgebung.
Trotzdem ist am Ende die Einsamkeit das Los, obwohl sie immer wieder versucht diesen Teufelskreis aufzubrechen, wie das Ende schon andeutet, aber den eigentlichen Wunsch "diese Gefühle auf ganz normale Art zuzulassen" wieder durch einen Art Kontrollmechanismus unterdrückt, den sie sich selbst auferlegt hat und der in destruktive Bahnen laufen muss.
Barbara ist eine unterdrückte Lesbe und selbst sie weiss es vermutlich nicht mal mehr, ist ihren Gefühlen nicht mehr sicher...so gut hat sie den Punkt, an dem sie verletzbar war, maskiert. Und trotzdem kann sie ihn nie loswerden...
Bewertung: 9 von 10 Punkten.
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